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Syrische Paare : Wenn auf die Flucht die Scheidung folgt

Der Beginn eines selbstbestimmten Lebens

In Athen traf sie ihren Ehemann wieder. Die Eltern hatten Druck gemacht, ihm noch eine Chance zu geben. Er war ihr nachgereist. „Aber schon dort war alles wie immer, er war unzuverlässig“, sagt Sawas. „Für ihn und zwei Männer, die er unterwegs kennengelernt hatte, musste ich mich auch weiterhin um alles kümmern.“ Es folgte der Weg über die Balkanroute, zum Teil mit Schleppern. Drei traumatische Nächte in einem Haus mit vielen anderen Menschen und der Androhung, die 1800 Euro pro Person, die es gekostet hatte, die Familie weiterzubringen, seien nicht genug gewesen. Irgendwann kamen sie in Gladbeck an, bei der Schwester, und Sarah Sawas, ihr Ehemann und der Sohn bekamen Plätze in einer Turnhalle in Düsseldorf zugewiesen.

Die Berliner Anwältin Najat Abokal ist spezialisiert auf Familienrecht und weiß von vielen Scheidungsfällen nach einer Flucht. Sie habe keine Erklärung dafür, warum es so viele Syrer seien. Nun, da einige Jahre vergangen sind, seien es auch immer mehr Männer, die sich scheiden lassen wollten. In den Jahren nach 2015 seien es jedoch überdurchschnittlich viele Frauen aus Syrien gewesen, die in ihre Kanzlei kamen mit dem Entschluss, den Ehemann zu verlassen. „Das ging sofort los, 2016 waren es besonders viele." Für viele Frauen sei das ein Ausweg aus häuslicher Gewalt und der Beginn eines selbstbestimmten Lebens gewesen.

Die Trennung vor der Familienzusammenführung sei oft ein entscheidender Punkt für den Entschluss. „In dieser Zeit haben die Frauen gelernt, Schwierigkeiten allein zu bewältigen, sei es in Syrien, in der Türkei, in Griechenland oder in Deutschland. Sie haben gelernt, ohne den Mann zu leben. Die Trennung war nicht vorgesehen, aber sie fand statt, und sie hatte einen Effekt.“

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Für Nadia Nassani bedeutete es, ihren Mann und ihre Tochter in den drei Jahren ausschließlich über einen Bildschirm zu sehen, während sie im neuen Land Fuß fassen musste. „Das war nicht immer einfach. Wenn etwas im Argen lag, dann konnte man nicht einfach darüber reden, obwohl wir uns beide unwohl gefühlt haben.“ Mit der Zeit trat ihr Ehemann zu den vereinbarten Videogesprächen immer weniger in Erscheinung. „Er winkte nur kurz in die Kamera, ,Hi, ich mache gerade Wäsche', oder ,Hi, ich koche gerade', dann ließ er meine Tochter und mich allein“, sagt Nassani. „Er wird in der Zeit sicher die Wäsche gemacht oder gekocht haben, aber so wussten wir beide immer weniger voneinander.“ Nassani hatte mit der neuen Sprache zu kämpfen. Und sie war verunsichert: Alle anderen aus ihrer Gruppe, mit der sie nach Deutschland gekommen war, hatten schon einen Termin beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf). Sie jedoch wartete weiter auf Nachricht.

„Er war immer zu Hause“

Sarah Sawas erlebte diese Zeit gemeinsam mit ihrem Mann, aber die beiden richteten sich unterschiedlich im neuen Land ein. Sie bemühte sich, nachdem sie keine andere Möglichkeit gesehen hatte, als ihr Kind abzutreiben, schnell illegal um einen Job in einem Friseursalon. „Ich habe gesagt: ,Ich putze, egal was, Hauptsache, ich kann irgendwie Deutsch lernen.' Ich konnte nicht nichts tun.“ Als sie später als Flüchtling anerkannt wurde, konnte sie Sprachkurse besuchen, bestand erst Stufe B1, dann B2, bekam ein Praktikum in einer Flüchtlingsunterkunft und arbeitete dort als Übersetzerin. Heute ist sie im Sozialdienst tätig. Und ihr Ehemann? „Er war immer zu Hause und hat arabisches Fernsehen geschaut.“ Als Sawas schon auf die fortgeschrittene Sprachprüfung C1 lernte, hatte ihr Mann B1 noch nicht bestanden. „Irgendwann hat er mich dafür gehasst, dass ich für ihn übersetzen musste und die Leute nicht glauben konnten, dass wir zusammen nach Deutschland gekommen waren. Sie haben gefragt, ob er über die Familienzusammenführung gekommen sei. Das Wort hat er verstanden.“

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