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Vierschanzentournee : Galadinner verschoben

  • -Aktualisiert am

Zu viel Druck: Richard Freitag leidet unter der Bürde des ersten Weltcup-Erfolgs Bild: AFP

Die Form stimmt, die Weiten in der Qualifikation am Dienstag auch. Dennoch sind die deutschen Athleten noch auf der Suche nach der Leichtigkeit des Skispringens. Sie hadern mit vielen Kleinigkeiten.

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          Der Satz klang nach Enttäuschung, sehr großer Enttäuschung und fast ein bisschen nach Resignation. "Die Mannschaft", sagte Werner Schuster, "hat es ziemlich zerwürfelt." Gemessen an den Erwartungen von außen, passte die Analyse des Bundestrainers der deutschen Skispringer vor dem dritten Wettbewerb der Vierschanzentournee an diesem Mittwoch in Innsbruck.

          Denn die deutsche Sehnsucht nach neuen Schanzenhelden, die einen ähnlichen Skisprung-Hype auslösen könnten wie vor gut zehn Jahren Sven Hannawald und Martin Schmitt, hatte die Ansprüche vor Beginn dieser Tournee in eine Höhe geschraubt, die den Vorleistungen im Weltcup nicht ganz angemessen war.

          Gute Haltung: Maximilian Mechler überzeugte im Qualifikationstraining
          Gute Haltung: Maximilian Mechler überzeugte im Qualifikationstraining : Bild: dpa

          Richard Freitag wurde nach seinem Sieg in Harrachow zum Geheimfavoriten hochgejubelt, der ehemalige Vierschanzentournee-Gewinner Dieter Thoma hatte ihm gleich einmal "Potential zum Star" attestiert und dem 20 Jahre alten Sachsen damit eine enorme Bürde vor den wichtigsten Springen dieser Saison aufgeladen. Schuster nannte die Erfolge von Freitag und dem drei Jahre älteren Severin Freund "einige Appetithäppchen", gab aber zu verstehen, dass das große Galadinner wohl noch etwas auf sich warten lassen werde.

          "Die Routine haben wir noch nicht, um um den Gesamtsieg mitkämpfen zu können", sagte er in Oberstdorf. Freund gehört erst seit einem Jahr zur Weltspitze, Freitag gerade einmal ein paar Wochen.

          Tournee-Routine fehlt

          Die Tournee dominieren in der Regel Springer, die schon etwas länger zu den Besten ihres Faches gehören. Talent alleine reicht nicht, denn Aufmerksamkeit, Rummel und damit auch Erwartungen sind in den Tagen zwischen Oberstdorf und Bischofshofen nicht vergleichbar mit anderen Wettbewerben im Weltcup. Georg Schlierenzauer, der am Mittwoch den dritten Sieg im dritten Springen anpeilt, ist zwar jünger als Freund, hat aber 38 Weltcuperfolge mehr auf dem Konto. Seine Vorgänger Thomas Morgenstern, Andreas Kofler und Wolfgang Loitzl waren allesamt ebenfalls schon etablierte Skispringer, als sie bei der Tournee triumphierten.

          Im Anflug auf Innsbruck: Severin Freund
          Im Anflug auf Innsbruck: Severin Freund : Bild: REUTERS

          Schuster selbst hatte keine überzogenen Erwartungen von seinen Athleten. "Mindestens einer von beiden sollte es schaffen, bei dieser Vierschanzentournee eine gute Rolle bis zum Ende zu spielen", war seine Vorgabe. Freitag gelang dies bisher nicht, als Zehnter von Oberstdorf und 25. von Garmisch-Partenkirchen. "Er springt nicht ganz so befreit auf", sagt Schuster über den Fünften im Gesamtweltcup, der bewegte Wochen mit viel Rummel hinter sich hat. "Ich habe gedacht, er packt es. Aber es ist ein bisschen viel eingeprasselt auf den Burschen." Die Sicherheit ist ein bisschen verlorengegangen nach dem Sieg in Harrachov, es haben sich Fehler in der Technik eingeschlichen.

          Reine Kopfsache

          Es spricht nicht viel dafür, dass in Innsbruck die Leichtigkeit des Springens nun plötzlich zurückkommt, denn die Schanze hat ihre Eigenheiten, und die mag vor allem Freitag nicht besonders. "Selbst kleine Fehler haben hier große Wirkung", sagt Freitag. "Es wird entscheidend sein, seine sieben Sachen beieinander zu haben." In der Qualifikation am Dienstag gelang ihm das nicht, im Gegensatz zu Maximilian Mechler, Zweiter hinter dem Polen Kamil Stoch und vor seinem Zimmerkollegen Freund, der Dritter wurde. Für Freitag reichte es nur zu Platz 21, enttäuscht verließ er den Bergisel.

          Für Schuster ist das reine Kopfsache. "Die Schanze liegt dem Richi eigentlich. Hier kann er phantastisch springen. Bisher glaubt er mir das nur noch nicht." Severin Freund zeigte immerhin, dass er Österreichs Überfliegern näher gekommen ist. In Oberstdorf fehlten ihm 0,3 Punkte auf das Podium, in Garmisch-Partenkirchen lag er zur Hälfte des Wettbewerbs auf dem zweiten Platz, dann verließ ihn der Mut, und er fiel durch seinen defensiven finalen Sprung um fünf Ränge zurück. "Wenn man weiß, dass man einen Sprung versemmelt hat, und trotzdem Siebter wird, dann kann man sehr zufrieden sein", sagte Freund.

          Für ihn war es ein kleiner Ausrutscher, aber einer, der sich jederzeit wiederholen kann, denn er ist noch nicht in der Form des vergangenen Jahres, als er im Januar zwei Weltcupspringen gewann. "Es sind noch zwei, drei kleine Fehler in meinem Sprung, aber das kann dann natürlich gleich viel ausmachen", weiß der Niederbayer. In Innsbruck hat er sich aber "von Sprung zu Sprung besser gefühlt" - und in der Qualifikation einen sehr guten geschafft.

          Schuster hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sich das Ziel von einer Plazierung unter den drei Besten bei dieser Tournee doch noch erfüllt, in Innsbruck oder zwei Tage später in Bischofshofen. "Ich sehe weiter die Möglichkeit, mit Freund und Freitag um das Podest mitzukämpfen", sagt der Cheftrainer. Bei Freund aber eine größere als bei Freitag.

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