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Abbruch in Frankreich : Die Etappe der Tour endet im Chaos

  • -Aktualisiert am

Hier geht es nicht mehr weiter: Die Tour de France wird gebremst durch das Wetter. Bild: EPA

Es ist ein schwarzer Tag für die französischen Tour-Fahrer. Das liegt nicht nur am Hagelsturm, der eine Weiterfahrt plötzlich stoppt. Alaphilippe ist das Gelbe Trikot los, für den verletzten Pinot ist der Kampf zu Ende.

          Viel mehr Spektakel geht nicht. Fast reicht es für eine ganze Tour, was die 19. Etappe am Freitag zu bieten hatte. Der Mann in Gelb besiegt, einer der großen Favoriten tränenreich verabschiedet, ein Nachwuchsfahrer auf dem Gipfel des Radsports angekommen. Und schließlich noch eine Schussfahrt in Richtung Chaos, als die Profis vom 2764 Meter hohen Iseran hinunterjagten – und von der Rennleitung, Motorrädern und per Funk heruntergebremst und schließlich gestoppt wurden, weil ein paar Kilometer weiter unten die Straße überflutet war.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Ein Hagelschauer hatte eine Wasser- und Schlammlawine ausgelöst, die eine Passage unmöglich machte. Wären die Rennfahrer auf ihren 23 Millimeter breiten Reifen nicht rechtzeitig zum Stillstand gekommen, wäre die Etappe im völligen Chaos geendet. So aber standen die Fahrer in Windjacken am Straßenrand und warteten auf die Begleitfahrzeuge, die sie schließlich in Richtung Ziel fuhren, ins 30 Kilometer entfernte Tignes.

          Was nun? Die Jury entschied, dass die Durchgangszeiten auf dem Gipfel des Iseran als offizielle Schlusszeiten der Etappe Gültigkeit hätten. Einen Etappensieger wird es offiziell nicht geben, aber einen neuen Träger des Gelben Trikots. Das übernimmt der erst 22 Jahre alte Kolumbianer Egan Bernal von Julian Alaphilippe. Der Franzose hatte im Anstieg zum Iseran den Kontakt zur Spitzengruppe verloren und sich im Alleingang nach oben kämpfen müssen. Für ihn dürfte dies das Ende aller Hoffnungen gewesen sein, Paris in Gelb zu erreichen.

          Bernal liegt nun 45 Sekunden vor ihm und 1:03 Minuten vor seinem Ineos-Teamkollegen Geraint Thomas. Es folgen der Niederländer Steven Kruijswijk (Jumbo-Visma) und als bester Deutscher Emanuel Buchmann vom Team Bora-hansgrohe, der auf dieser 19. Etappe wiederum eine fabelhafte Leistung bot und in der Gesamtwertung auf Platz fünf nur 1:42 Minuten hinter Bernal liegt. Der Kolumbianer gilt nun als Favorit für den Gesamtsieg. Die Entscheidung, wer Paris in Gelb erreicht, fällt an diesem Samstag bei der Monsteretappe dieser Tour, einer ultimativen Prüfung mit einem Zielanstieg nach Val Thorens über 33 Kilometer und knapp 2000 Höhenmeter.

          Buchmann hatte die Passhöhe des Iseran am Freitag rund eine Minute hinter Bernal – und eine Minute vor Alaphilippe – in der Gruppe mit Thomas und Kruijswijk erreicht. Im Kreis der Favoriten fehlte da schon Thibaut Pinot, bis dahin hoch eingeschätzter Fünfter der Gesamtwertung. Der Traum, die Hoffnung, die Sehnsucht, alles war riesengroß gewesen rund um ihn in Frankreich. Und als alles platzte, als er nach 36 Kilometern verletzt vom Rad in einen Begleitwagen stieg, da flossen die Tränen, nicht nur bei ihm. Der Traum, die Hoffnung, die Sehnsucht, als erster Franzose seit 34 Jahren, seit dem legendären Bernard Hinault, die Tour de France zu gewinnen, alles hatte sich in Luft aufgelöst.

          Es war viertel vor drei, als er sein Rad zum Wagen des Tourarztes steuerte. Er wurde am linken Oberschenkel behandelt, der Arzt schnitt ihm ein Stück der Hose ab und verpasste ihm einen Verband. Pinot fuhr weiter, aber schon bald wurde klar, dass er den Anschluss ans Feld, dass er Paris nicht mehr erreichen würde. Er hielt an und nahm den Verband wieder ab. Der Sportdirektor seines Teams und ein Mechaniker halfen ihm dabei. Der Traum, die Hoffnung, die Verzweiflung – Pinot fuhr noch einmal weiter, doch es hatte keinen Sinn mehr. An seiner Seite fuhr Teamkollege William Bonnet, die Tränen begannen zu fließen, und als das Drama ein paar Minuten später ein Ende hatte, da weinte vermutlich ganz Radsport-Frankreich. Es war ein ergreifendes Bild. Bevor Pinot vom Rad unter Tränen in den Begleitwagen stieg, umarmten sich die beiden Groupama-Fahrer, noch im Sattel sitzend.

          Mit der Verletzung, einem Muskelriss im Oberschenkel, war Pinot bereits in diese zweite Alpenetappe gegangen. Er hatte sie sich am Donnerstag zugezogen, wie bekannt wurde, aber gehofft, irgendwie über die Runden, über die Berge zu kommen. Er hatte es versucht, aber es war aussichtslos. Als Fünfter der Gesamtwertung war er einer der großen Favoriten für den Toursieg gehandelt worden, nachdem er in den Pyrenäen die schwere Etappe mit einer Bergankunft auf den Col du Tourmalet gewonnen hatte. Für diesen Samstag war erwartet worden, dass Pinot im Anstieg nach Val Thorens versuchen würde, mit einer entscheidenden Attacke die Etappe und die Tour zu gewinnen. Nun aber erlebt er den Showdown nur als Zuschauer.

          Pinot aus dem Rennen, Alaphilippe nicht mehr im Gelben Trikot – Frankreich erlebte einen rabenschwarzen Tag bei dieser 19. Etappe. Für Alaphilippe war der Abbruch vermutlich sogar ein Glück, denn als das Rennen vorzeitig beendet wurde, war er isoliert und verzweifelt bemüht, der Favoritengruppe in der Abfahrt vom Iseran wieder näher zu kommen, während vorn an der Spitze Bernal mit dem Briten Simon Yates fuhr – ein Duo, das auf den 30 Kilometern bis zum Ziel und einem weiteren Berg wohl noch deutlich mehr Zeit gegenüber dem Franzosen herausgefahren hätte. Alaphilippe wollte dann auch gar nicht lange um die Tatsachen herumreden. „Ich glaube nicht, dass das Gelbe Trikot für mich noch möglich ist“, sagte er. „Ich bin von einem Stärkeren geschlagen worden.“ Für Emanuel Buchmann gilt dieses Fazit nicht. Er hat weiterhin alle Chancen. Sogar der Tour-Sieg ist für ihn noch möglich.

          Tour de France

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