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Pascal Hens : Der verhinderte Kapitän

Kapitän ohne Profil: Pascal Hens Bild: dapd

Nach dem vergebenen Matchball gegen Dänemark muss die deutsche Handball-Nationalmannschaft gegen Polen wieder einen Drahtseilakt bewältigen. Pascal Hens ist derzeit keine Hilfe.

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          Der Schlachtruf ist verknüpft mit dem großen Ziel, er lautet „London“. Immer wieder skandierten die Deutschen ihn bei ihren Spielen in Serbien, manchmal wurden sie von ihm tatsächlich getragen, bisweilen aber nutzte jede Anfeuerung nichts. So hat sich das Geschehen für Deutschland bei der Europameisterschaft in Serbien zugespitzt, die Nationalmannschaft muss an diesem Mittwoch (16.15 Uhr im FAZ.NET-Liveticker) wieder einen Drahtseilakt bewältigen. Just gegen Polen, gegen das es schon 2007 ein Duell von großer Tragweite gegeben hatte - damals setzten sich die Deutschen durch und wurden Weltmeister.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Jetzt geht es in Belgrad um den Einzug in das EM-Halbfinale und die olympische Perspektive, und die Umstände sind inzwischen so, dass dies für Handball-Deutschland ebenfalls von beträchtlicher Bedeutung ist. Für Deutschland gibt es zwei Möglichkeiten, in Belgrad weiterzukommen: entweder mit einem Sieg gegen Polen, aber auch ein Unentschieden würde reichen - dann dürfte jedoch Dänemark anschließend nicht gegen Schweden gewinnen.

          60 sehr entscheidende Minuten also, 60 Minuten, bei denen die Deutschen vermutlich an Grenzen werden gehen müssen: „Das wird ein brutaler Kampf“, sagte Bundestrainer Martin Heuberger. Diese Konstellation hat sich durch das 26:28 gegen Dänemark ergeben, bei dem sich die Deutschen wieder von mehreren Seiten gezeigt hatten - und ihre Fehler in Abwehr und Angriff schließlich nicht auszugleichen vermochten durch ihre Einsatzbereitschaft. Ein Unentschieden gegen die Dänen hätte schon gereicht, dann wäre Deutschland vorzeitig für das Halbfinale qualifiziert gewesen. „Wir haben einen Matchball vergeben“, sagte Spielmacher Michael Haaß, „aber das bricht uns nicht das Genick.“ Zuletzt standen die Deutschen im Jahr 2008 in einem EM-Halbfinale.

          Bislang kam der Hamburger bei dieser EM nicht wie gewohnt zum Zug Bilderstrecke

          Eine verpasste Chance, das war das eine am Montag. Andererseits offenbarte sich gegen Dänemark wieder ein großes Problem der Deutschen in diesen Tagen, das gravierende Formtief ihres Kapitäns Pascal Hens und damit die eingeschränkten Gestaltungsmöglichkeiten im Rückraum. Der Hamburger gibt in Serbien, sportlich, ein Bild des Jammers ab. Er sollte sich gegen die Dänen wieder bewähren - und scheiterte auf der ganzen Linie. Wie sehr das sein Gefühlsleben beeinträchtigt, verdeutlichten seine Reaktionen auf die Fragen nach seinem Tief. „Es steht mir hier oben“, entgegnete Hens harsch, „ich will einfach nur meine Ruhe.“

          Angeblich kennt der Hamburger den Grund für seine farblosen Darbietungen selbst nicht. Er sagte nur, dass die Situation für ihn schwierig sei. Hens hatte, in besseren Zeiten, wuchtig werfen können, und dazu gelangen ihm immer wieder geschickte Anspiele zu seinen Kollegen. Von diesen Qualitäten ist derzeit kaum noch etwas zu erkennen bei dem Hamburger, der dazu nun öfter auf die hohen Belastungen im Handball hinweist und deren Auswirkungen auf seinen Körper. Hens kündigte bereits an, dass er kürzertreten wolle, falls Deutschland die Teilnahme an den Olympischen Spielen in London nicht schaffen sollte. Momentan leidet er unter Schmerzen an den Füßen, an diesem Mittwoch will er dennoch zur Verfügung stehen.

          Heuberger hält halbherzig zu Hens

          Mag sein, dass Hens, der selbst beim HSV Hamburg häufiger auf der Bank sitzt, auch die Anführerrolle im deutschen Team belastet. Er ist zwar ein erfahrener Spieler, doch das heißt nicht zwangsläufig, auch eine Führungsfigur zu sein. Doch wer sonst könnte diese Bürde in einem Team mit flacher Hierarchie übernehmen? Der Mannheimer Oliver Roggisch geriert sich zwar stets als Antreiber. Doch er hat, da er fast ausschließlich in der Deckung eingesetzt wird, nur einen bedingten Einfluss auf das deutsche Spiel.

          Heuberger nahm Hens bei der Niederlage gegen Dänemark wieder vom Feld, nachdem klargeworden war, dass von ihm abermals keine Impulse ausgehen würden. Dennoch versucht der Bundestrainer, den angeschlagenen Hamburger zu schützen. Er kritisiert ihn nicht über Gebühr, er bricht nicht den Stab über ihn. Von den Spielern erhält Hens Zuspruch, bisweilen mit martialischen Worten. „Er braucht einfach ein wenig Selbstvertrauen. Wenn das der Fall ist, wird die Bombe auch platzen“, sagte Lars Kaufmann, der meist anstelle von Hens im linken Rückraum agierte.

          Heuberger aber wird sich wohl darauf einstellen, sich den Polen ohne große Unterstützung von Hens entgegenzustemmen. Und trotz dieses Personalproblems sagt er zuversichtlich: „Ich bin ein positiv denkender Mensch. Wir schaffen das.“ Auf alle Fälle wird in Belgrad wieder etwas von der englischen Begierde zu hören sein.

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