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Handball-Nationalmannschaft : Die frische Jugendbewegung

  • -Aktualisiert am

Talente im Fokus: Johannes Sellin beim Wurf aufs Schweizer Tor Bild: dpa

Martin Heuberger bringt die Handball-Nationalmannschaft auf Verjüngungskurs. Die dankt es ihm mit überzeugenden Leistungen gegen die Schweiz. Nach dem 36:22-Sieg am Samstag folgt am Sonntag ein 30:25-Erfolg.

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          Martin Heuberger klang zufrieden: „Die jungen Spieler haben sich nahtlos in die Mannschaft eingefügt.“ Der Bundestrainer hätte auch sagen können: Test bestanden, denn das Länderspiel, das die deutschen Handballspieler am Samstag gegen die Schweiz in der ausverkauften Rittal-Arena in Wetzlar absolvierten und mit 36:22-Toren souverän gewannen, war ein Test im besten Sinne: Die Partie bot vielen der jüngeren Spieler im Kader eine erste Chance, sich auch auf internationalem Parkett zu beweisen. Sie wussten sie zu nutzen. Am Sonntag ließen die jungen Deutschen einen 30:25-Sieg in Koblenz folgen.

          Am vergangenen Montag hatte sich die deutsche Nationalmannschaft zum einwöchigen Lehrgang in Rotenburg an der Fulda getroffen, um die Vorbereitung auf die nächsten EM-Qualifikationsspiele gegen Tschechien am 4. und 7. April voranzutreiben. In zwei Testspielen gegen die Schweiz am Samstag in Wetzlar und am Sonntag in Koblenz konnten die Handballspieler die Ergebnisse dann auf dem Feld umsetzen. Doch viele erfahrene WM-Teilnehmer waren nicht mit von der Partie: Kapitän Oliver Roggisch, Patrick Groetzki, Stefan Kneer und Michael Haaß waren wegen gleichzeitig stattfindender Europapokal-Spiele ihrer Vereine verhindert, Sven-Sören Christophersen konnte wegen einer Verletzung nicht dabei sein.

          „Natürlich wäre es mir lieber gewesen, auch diejenigen dabei zu haben, die im April wahrscheinlich gegen Tschechien spielen müssen“, sagte Heuberger. Denn in der EM-Qualifikation stehen die deutschen Handballspieler nach einer überraschenden Heimniederlage im Qualifikationsspiel gegen Montenegro im vergangenen Herbst mehr unter Druck, als ihnen lieb sein dürfte.

          Bewährungschance für die Talente

          Doch Heuberger hat aus den widrigen Umständen das beste gemacht und den Lehrgang in Rotenburg und die anschließenden Spiele gegen die Schweiz dafür genutzt, Talente zu testen. Statt der WM-Veteranen lud er sechs Spieler mit weniger als zehn Länderspielen zum Lehrgang ein und ließ sie auch am Samstag in Wetzlar auflaufen: Der 21 Jahre alte Christian Dissinger von den Kadetten Schaffhausen, der in Wetzlar von Anfang an auf dem Feld war, gab sein internationales Debüt gleich gegen zwei Teamkollegen; auch Fabian Gutbrod (24, HBW Balingen-Weilstetten) durfte zum ersten Mal in einem Länderspiel mitmischen. Johannes Sellin (22, Füchse Berlin), Kai Häfner (23, HBW Balingen-Weilstetten), Torwart Jens Vortmann (25, GWD Minden), Evgeni Pevnov (24, Füchse Berlin) und Felix Danner (27, MT Melsungen) bekamen besonders in der zweiten Halbzeit kurz Gelegenheit, sich zu beweisen.

          Siegesjubel: Dominik Klein freut sich beim Sieg gegen die Schweiz
          Siegesjubel: Dominik Klein freut sich beim Sieg gegen die Schweiz : Bild: dpa

          Die junge Garde bestätigte Heubergers Vertrauen am Samstag in Wetzlar auf überzeugende Weise. Besonders in der ersten Halbzeit zeigte sich die Mannschaft in ihrer Neuaufstellung gegen die Schweiz deutlich überlegen. Die starke Abwehr konnte einige Ballverluste leicht ausgleichen; Torhüter Silvio Heinevetter hielt viele wichtige Bälle und fand sogar noch Zeit für einen kurzen Ausflug über die Mittellinie. Später verlor das Team an Konzentration, die vielen Wechsel gaben zwar den Jungspunden Spielzeit, brachten aber auch viel Unruhe ins Spiel. Heuberger zeigte sich trotzdem zufrieden mit der Leistung besonders der jungen Spieler: „Bei so hoher Führung ist das ja klar, dass es ein bisschen unkonzentriert wird.“ Außerdem: „Dafür ist so ein Testspiel ja da, dass man viel wechselt und jeder seine Chance kriegt.“

          Bringt Verjüngungsstrategie Erfolg?

          Vor allem Dissinger, der den Großteil der Spielzeit auf dem Parkett verbrachte und sich als erfolgreicher Torjäger präsentierte, merkte man die Spielfreude und den Enthusiasmus an, den er während des Lehrgangs in Rotenburg bekundet hatte. „Ich freue mich riesig auf die Spiele, weil es schön ist, gerade gegen die Schweiz mein Nationalmannschafts-Debüt feiern zu dürfen“, hatte der Rückraumspieler vergangene Woche gesagt und sich dabei von dem Stress, der mit dem Lehrgang und gleichzeitigen Ligaspielen verbunden war, unbeeindruckt gegeben: „Es ist eine Ehre für mich, dass man mir die Möglichkeit gibt, in der Nationalmannschaft dabei zu sein. Da nehme ich gerne die Strapazen auf mich.“

          Dennoch bleibt für ihn, wie für die anderen Jungen im Nationalteam, die Leistung im Heimatverein das wichtigste: „Dass die Priorität auf dem Klub liegt, ist selbstverständlich.“ Ob Bundestrainer Heuberger mit seiner Verjüngungsstrategie bleibenden Erfolg haben wird, dürfte deswegen in erster Linie davon abhängen, wie viel Spielzeit den jungen Hoffnungsträgern im Handball-Alltag zugestanden wird.

          Heuberger will Kurs weiterverfolgen

          Denn natürlich müssen Dissinger und Co. noch viel lernen. Heuberger will sich deswegen auch noch nicht festlegen, ob die Talente auch in der EM-Qualifikation gegen Tschechien zum Zuge kommt: „Die aktuelle Mannschaft ist noch ein bisschen zu jung und enthusiastisch, um die Konzentration über ein ganzes Spiel zu halten. Die Jungs haben eine gute Perspektive, aber um sie im Spiel gegen Tschechien einzusetzen, ist es wohl noch ein bisschen früh“, sagte er am Samstag.

          Die Entscheidung über den Kader für die Spiele gegen Tschechien will er erst in den nächsten Wochen treffen. Doch Heuberger ist sicher: „Die haben den Ehrgeiz, und deswegen werde ich diesen Kurs konsequent weiterverfolgen.“ Der Auftritt am Wochenende hat ihm Recht gegeben.

          Samstag

          Deutschland - Schweiz 36:22 (19:7) Deutschland: Heinevetter (Füchse Berlin), Lichtlein (TBV Lemgo), Vortmann (GWD Minden) - Häfner (HBW Balingen-Weilstetten) 2, Sellin (Füchse Berlin) 3, Wiencek (THW Kiel) 2, Reichmann (HSG Wetzlar) 5, Dissinger (Kadetten Schaffhausen) 3, Theuerkauf (HBW Balingen-Weilstetten) 1, Pevnov (Füchse Berlin), Weinhold (SG Flensburg-Handewitt) 2, Danner (MT Melsungen), Strobel (TBV Lemgo) 2, Schmidt (HSG Wetzlar) 9/5, Gutbrod (HBW Balingen-Weilstetten) 1, Fäth (HSG Wetzlar), Pfahl (VfL Gummersbach) 4/2, Klein (THW Kiel) 2
          Schweiz: Portner, Merz, Quadrelli - Liniger 2/1, Pendic 8/3, Reber 1, Graubner 3, Milosevic 2, Hess, Heer 1, Hofstetter 4, Ramseier 1, Huwyler, Maros, Spengler, Svajlen
          Schiedsrichter: Opava/Valek (Tschechien)
          Zuschauer: 4412 (ausverkauft)

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