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Handball-EM : Da hilft nur noch Gewalt

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Schütze vom Dienst: Kaufmann, der Wurfgewaltige aus dem linken Rückraum Bild: dapd

Mit Hilfe des „Scharfschützen“ Lars Kaufmann hat sich das deutsche Handball-Team bei der EM Luft verschafft. Dennoch geht es am Donnerstag (18.15 Uhr) gegen Schweden um alles.

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          Mazedonien legte noch einmal nach, es wollte sich mit der Niederlage nicht abfinden. Einspruch aber abgelehnt: Die Europäische Handball-Föderation (EHF) spielte nicht mit, sie wies den Protest gegen den deutschen 24:23-Sieg zurück. Es ging um den letzten Wurf der Mazedonier, um den Ball, den Kiril Lazarov an die Latte gewuchtet hatte. Die Mazedonier wollten das anders gesehen haben, sie behaupteten: Tor! Immerhin soll die Disziplinarkommission der EHF sich in dieser Sache einem eingehenden Studium von Videoaufnahmen hingegeben haben - danach schlug sie sich auf die Seite von Deutschland. Die Mannschaft von Bundestrainer Martin Heuberger hatte sich mit dem Erfolg am Dienstag, basierend auf einer kämpferischen Steigerung, erst einmal der gröbsten Sorgen bei der Handball-Europameisterschaft in Serbien entledigt - die Gefahr eines vorzeitigen Scheiterns ist jedoch nicht gebannt. Die Deutschen müssen an diesem Donnerstag in Nis gegen Schweden (18.15 Uhr/ live in der ARD und F.A.Z-Liveticker) mindestens ein Unentschieden erzielen, um ohne Hilfe anderer in die Hauptrunde einzuziehen.

          Ob Heuberger wohl wieder auf Lars Kaufmann setzen wird? Auf den Mann also, der am Dienstag sechs Tore geworfen hat und damit bester deutscher Schütze war? Kaufmann, der Kapitän Pascal Hens ersetzte, nutzte seine Chance. Er erhielt dafür auch Anerkennung von Heuberger, der mit dieser Umstellung immerhin ein gewisses Risiko eingegangen war. Kaufmann ist schließlich manchmal ein unsicherer Kantonist, und er ist damit auch ein gutes Beispiel für das wechselhafte Auftreten des deutschen Teams. Schon Heubergers Vorgänger Heiner Brand war immer wieder mal an Kaufmann verzweifelt, der bisweilen Ungeduld in der Offensive offenbart und zu überhasteten Würfen neigt. Dieses Manko war auch am Dienstag zu erkennen, doch Heuberger hielt an dem Flensburger fest, dem stets nachgesagt wird, er beherrsche nichts anderes, als mit brachialer Gewalt zu werfen. Kaufmann mag es nicht, darauf reduziert zu werden. Und trotzdem fühlt er sich auch wohl in seiner Funktion als „Scharfschütze“ im linken Rückraum.

          Will nicht nur aufs Grobe reduziert werden: Lars Kaufmann

          Das Positive überwog diesmal bei Kaufmann, zum Glück für die Deutschen. Trotzdem ist nicht sicher, dass Heuberger gegen Schweden wieder auf ihn bauen wird oder auf Torhüter Carsten Lichtlein, dem der extrovertierte Silvio Heinevetter hatte weichen müssen - ehe der Berliner in der aufreibenden Schlussphase eines hitzigen Handballabends auch noch seinen Anteil an der kleinen Befreiung von Nis hatte. Heuberger lobte danach den Zusammenhalt in seinem Team, das sich aus dem Sumpf gezogen habe. Er sprach von Stolz, und vermutlich zielten diese Bemerkungen auch auf einen Spieler, der - ganz ungewohnt - sechzig Minuten auf der Bank saß. Heuberger hatte sich gegen Hens entschieden, auch wegen Kaufmanns Vorteilen in der Abwehr, doch der Kapitän murrte nicht. Der Hamburger sagte tags darauf zwar, dass das Zuschauen sehr anstrengend für ihn gewesen sei - schließlich hatte Hens doch konzentriert bleiben müssen wegen eines möglichen kurzfristigen Einsatzes. Doch er behauptete auch: „Ich bin im Dienste des Teams unterwegs.“ Was bedeuten soll: Hens akzeptiert Härtefälle wie am Dienstag.

          Auch Kaufmann hat Erfahrung mit schmerzlichen Einschnitten. Brand hatte ihn vor einigen Jahren aus dem Nationalteam verbannt, er vermisste bei ihm Willen und Qualität. Das hatte Kaufmann schwer getroffen, er sah sich in einer Opferrolle. Immerhin erkämpfte sich der Flensburger seinen Status zurück, und vermutlich half ihm dabei seine spezielle Sichtweise im Handball: sich einfach gegen alle Widerstände stemmen, seiner Kraft vertrauen. Das war am Dienstag ein starkes Pfund. Und vielleicht tatsächlich krampflösend. „Wenn wir so weitermachen, werden wir noch viel Spaß in diesem Turnier haben“, sagte Abwehrrecke Oliver Roggisch. Aber erst mal geht es an diesem Donnerstag schon wieder um alles oder nichts.

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