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Leichtathletik-WM : Thomas Röhler und die Kraft der Innovation

  • -Aktualisiert am

Speere für alle Wetter: Ein lila-weiß geringeltes Schweden-Fabrik ist Thomas Röhlers Liebling Bild: Picture-Alliance

Thomas Röhler ist als Tüftler bekannt. Vor der Leichtathletik-WM setzt der Speerwurf-Olympiasieger mehr denn je auf Innovation – und erklärt, wie sein Erfolg mit der Stille der Saale-Auen zusammenhängt.

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          Ab hier geht‘s nur noch in Pantoffeln weiter. Der Teppich aus blauem Tartan gehört ja zu Thomas Röhlers guter Stube: Seinem Jenaer Wohnzimmer – der Laufhalle. Statt mit Speeren zu jonglieren, balanciert der Hausherr auf der Slackline. Dann ein paar tänzelnde Anläufe auf der Bahn, und das war es für heute. Noch einmal aktiv entspannen daheim, bevor an diesem Donnerstag für die Speerwerfer mit der Qualifikation die Weltmeisterschaft beginnt.

          Röhler ist guter Dinge. Das wechselnde Wetter in London macht ihn ebenso wenig nervös wie die verlorene deutsche Meisterschaft vor Wochenfrist. Oder der deutsche Rekord, den er seit den 94,44 Metern von Luzern nicht mehr sein Eigen nennt. Beides ging an Johannes Vetter. Der Konkurrent aus den eigenen Reihen scheint die größte Gefahr, wenn es darum geht, dem Olympiasieger von Rio das ersehnte Gold streitig zu machen. Röhlers Topwert liegt noch immer bei 93,90 Metern vom Saisonstart aus der Wüste. Er zuckt mit den Schultern. „Sieben zu vier“, sagt er nur, steht es nach Siegen zwischen ihm und dem Dresdner Vetter in dieser Saison. Damit ist alles gesagt. Röhler plauscht noch ein wenig mit seinem Trainer. Dann geht es raus in den Regen zur Mittagspause.

          Jena: Stadt der Innovation – und die grüne Heimat von Thomas Röhler
          Jena: Stadt der Innovation – und die grüne Heimat von Thomas Röhler : Bild: Picture-Alliance

          Das Selbstvertrauen kommt nicht von ungefähr. Genau gesagt kommt es aus einer Zeit, als ein kleiner Blondschopf, Sohn eines Trockenanglers und einer Turnerin, gar nicht wusste, wie das ist: zu gewinnen. Als ein kleiner Junge, der in den Ferien Steine in die Ostsee schnippte, bei Schülerwettkämpfen immer nur neben dem Podest landete. „Es gab eine Zeit, in der ich immer Vierter wurde. Jedes Mal! Klar hab ich geheult. Aber das hat mich ehrgeiziger gemacht – und widerstandsfähiger.“ Heute im Alter von 25 Jahren profitiert er davon. Das mache ja auch den Sport aus: dass man mit Niederlagen umzugehen lernt und sie ins Positive dreht.

          Es geht ums Grundvertrauen in die eigene Leistung. Eltern verkennten das heute immer öfter, behauptet er. Etwa, wenn sie versuchten, die Kleinen vor Enttäuschung zu bewahren – und stattdessen Medaillen für alle forderten. Oder im nachhaltigen Streben implizit Betrug fürchteten. Die Skepsis ist da bei jedem Spitzenresultat. Nicht nur wegen anhaltender Diskussionen um russisches Staatsdoping. Auch wegen der Geschichte des eigenen Standorts. Jena war schon zu DDR-Zeiten Leichtathletik-Hochburg. Damals produzierte der VEB Jenapharm die „unterstützenden Mittel“ nur ein paar Speerwürfe vom Sportforum entfernt. Auch Röhler weiß, wie damals Rekorde entstanden. Unter den Eltern der Talente von heute sind auch solche, die es selbst noch erlebt haben – den Drill und das Doping an der KJS. Und Petra Felke, Speer-Olympiasiegerin von 1988, trainiert heute den Nachwuchs.

          „Es ist unsere Aufgabe zu zeigen, hier und heute läuft es anders“, sagt Thomas Röhler. Ehrlich sein zu den Eltern. Sie nicht vor der verschlossenen Tür zurücklassen. Und wenn dann eben 50 Väter und Mütter an der Seite stehen. „Topathleten sind keine Geister, sondern greifbar. Wir schwitzen, wir tun uns weh, haben mal ein Pflaster am Finger.“ Oder einen blauen Fleck in der Armbeuge, vom Piekser der Dopingkontrolle vergangene Nacht. Dreimal kamen sie allein in der zurückliegenden Woche. Ginge es nach Röhler, könnten sie ihn jeden Morgen aus den Federn holen. Wenn sich so nur die Glaubwürdigkeit des Sports wieder herrichten ließe. Aber so leicht ist das eben nicht.

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