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Ball im Netz - die Kolumne zur Handball-WM : Es ist Heinevetter-Zeit

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An mir kommst du nicht vorbei! Heinevetter im Spiel gegen Frankreich Bild: AP

An einem guten Tag kann dieser Torwart ein Spiel alleine entscheiden. Im Viertelfinale gegen Spanien wird er einen sehr guten Tag brauchen. Doch Silvio Heinevetter liebt Extrem-Situationen. Ball im Netz: die FAZ.NET-Analyse der Handball-WM.

          Es wird laut werden in der Prinz-Felipe-Halle von Saragossa. Die „campeones“-Rufe der spanischen Fans werden Lautstärken erreichen, bis die Spieler ihr eigenes Wort nicht mehr verstehen. 10.000 Zuschauer werden die spanische Handball-Nationalmannschaft nach vorne peitschen. Viele von ihnen werden im Rücken des deutschen Torhüters stehen. Doch der hat keine Angst davor: Es sind diese Spiele, die Silvio Heinevetter liebt. Der Mann, der sagt, Fußball-Nationaltorwart Manuel Neuer sei der beste, er selbst aber der allerbeste Torhüter, wird mit dem für ihn typischen schelmischen Grinsen zwischen den Pfosten stehen und es genießen.

          Das Adrenalin wird steigen – von Parade zu Parade. Nicht wenige Handball-Experten meinen, dass der Keeper der Füchse Berlin der entscheidende Mann im WM-Viertelfinale zwischen Spanien und Deutschland an diesem Mittwoch (19 Uhr live im WM-Ticker bei FAZ.NET) sein wird. Denn Heinevetter neigt dazu, in extremen Drucksituationen zur Höchstleistung aufzulaufen.

          In den ersten WM-Spielen gegen Brasilien, Argentinien oder Montenegro stand er mitunter teilnahmslos im Tor, kaum eine Regung, vor allem keine Aufregung. Doch diese Partien vor 2.000 Zuschauern gegen Mannschaften aus der zweiten Reihe waren eben keine außergewöhnlichen Spiele, es herrschte keine „Heinevetter-Atmosphäre“.

          Heinevetter braucht Extrem-Situationen: wenn er wie wild auf einen gegnerischen Angreifer zu stürmen kann, weil der ein Foul an einem Mitspieler begangen hat; wenn er dem Schiedsrichter sein Missfallen über dessen Entscheidung mitteilt; wenn er bei knappen Spielständen einen Abwehrspieler am Trikot packt, durchschüttelt und anheizt für die verbleibenden Spielminuten.

          Dieser Torwart kann an einem guten Tag ein Spiel auf den Kopf stellen. Was er braucht, ist ein idealer Start. Gegen Mazedonien parierte er gleich den ersten Ball - und schon waren sie da: die geballten Fäuste in Richtung eigener Bank. Sechs weitere Parade folgten binnen weniger Minuten, einmal hielt er sogar vier Würfe hintereinander. Heinevetter erreichte eine Quote von beinahe 50 Prozent gehaltener Würfe. Ein spielentscheidender Wert.

          Heinevetter ist ein Besessener: Er studiert alle Wurftypen und –finten der Spanier per Video und per Augenschein - beim Achtelfinale gegen Serbien (31:20) saß die deutsche Mannschaft auf der Tribüne.

          Im Stile eines Fußballtorwarts

          Genau wie die Spanier umgekehrt auch seine Paraden analysieren. Doch er hat es ihnen nicht leicht gemacht. Heinevetter wehrt Bälle mit Verrenkungen ab, die kein anderer Handball-Keeper von seinem Format zeigt. Nicht selten liegt er quer in die Luft – im Stile eines Fußballtorwarts.

          Er nötigt die Angreifer zu Wurftechniken, die diese nicht beherrschen - bei denen er weiß, wie der Ball auf sein Tor zukommt. Heinevetter reißt mit seinen ungewöhnlichen Aktionen die ganze Mannschaft mit,  bis einzelne Spieler über sich hinaus wachsen. So wie gegen Mazedonien im Achtelfinale (28:23), als er beim Stand von 18:16 einen scheinbar unmöglichen Ball hielt. Da war er vermutlich der Matchwinner, und nicht nur der „emotional leader“.

          Früher für Serbien, heute für Spanien: Handball-Torhüter Arpad Sterbik Capar Bilderstrecke

          Eine Rolle, die sein Gegenüber seltener ausfüllt: Arpad Sterbik Capar steht geradezu stoisch in seinem Tor. Er stellt es mit der Wucht seiner Statur zu. Der zwei Meter große Hüne wiegt 119 Kilogramm. Er ist längst nicht so beweglich wie Heinevetter, lässt sich gerne schlicht anwerfen. Gegen Serbien, sein ursprüngliches Heimatland, für das er früher 120 Mal das Nationaltrikot überstreifte, gelangen ihm nur sieben Paraden – ein kaum zufriedenstellender Wert.

          Was werden die Deutschen aus diesen Erkenntnissen über den Torwart vor ihnen machen? Eine entscheidende Frage. Beim Torwart hinter ihnen ist es klar - er wird auf Hochtouren laufen. Es ist Heinevetter-Zeit.

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