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Handball-Nationalteam : Bitter und die Gedanken an eine große Party

  • -Aktualisiert am

2007 bei der großen Handball-Party: Johannes Bitter weiß, wie es ist, ein Weltmeister zu sein. Bild: Picture-Alliance

Johannes Bitter soll das deutsche Handballteam bei der Europameisterschaft führen und lenken. Warum genau aber wurde der Torhüter nach fast sechs Jahren wieder in die Nationalmannschaft berufen?

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          Henning Fritz ist verletzt, Johannes Bitter kommt kalt von der Bank, es ist das Finale der Weltmeisterschaft gegen Polen, und es wird nach einer hohen Führung noch einmal eng. Bitter, 24 Jahre alt, bleibt cool, hält ein paar Bälle, Deutschland wird Handball-Weltmeister, die große Party in Köln beginnt. 13 Jahre ist das her, und „Jogi“ ist immer noch dabei, oder besser: wieder. Allerdings ist seine Rolle im Kreis der besten deutschen Handballspieler eine andere. Damals war Bitter der zweite Torwart in einer erfahrenen Mannschaft im Zenit ihres Könnens. In diesen Januar-Tagen soll sich Bitter vor der Europameisterschaft in Norwegen, Österreich und Schweden nicht nur ein offenes Duell mit Andreas Wolff um die Nummer eins im deutschen Tor liefern. Er soll die von verletzungsbedingten Absagen zerzausten Deutschen mit Erfahrung und Siegermentalität anführen. „Ich erwarte viel von Johannes Bitter“, sagt Bundestrainer Christian Prokop, „er hat sportlich über einen langen Zeitraum überzeugt und kann eine Mannschaft führen und pushen.“

          Es ist schon kurios. Da geht einer der besten deutschen Torhüter vom insolventen HSV Hamburg zum wenig beachteten TVB Stuttgart. Renten-Job, hieß es in der Szene wenig schmeichelhaft über diesen Wechsel. Vom Verein mit den fetten Schlagzeilen und großen Zielen zu einem Klub mit ungleich geringeren Ambitionen, Heimfahrten zur Familie in Hamburg inklusive. Bitter hat sich über solche Zuschreibungen geärgert. Er hat schließlich im Januar 2016 lange überlegt, wohin die Reise gehen könne, nachdem „sein“ Verein, der HSV, die Segel streichen musste. Bitter, der Familienmensch, hätte am liebsten im Norden weitergemacht. Verbindungen zum THW Kiel bestanden. Doch daraus wurde nichts. Und Bitter begann im Sommer 2016 seine Fernbeziehung mit Baden-Württemberg.

          Starke bis spektakuläre Leistungen

          Nach dreieinhalb Jahren mit zumeist guten und zuletzt starken bis spektakulären Leistungen für den TVB richten sich die Blicke der deutschen Handball-Öffentlichkeit nun wieder auf den jetzt 37 Jahre alten Torwart. An diesem Samstag in Mannheim gegen Island und am Montag in Wien gegen Österreich spielt Prokops Auswahl im Testbetrieb, ehe am Donnerstag (9. Januar) in Trondheim gegen die Niederlande die Europameisterschaft beginnt. Weitere Gruppengegner sind Lettland und Spanien.

          Als Bitter am Donnerstag in Frankfurt zum abschließenden Lehrgang anreiste, saßen die jungen Stuttgarter Vereinskollegen David Schmidt und Patrick Zieker mit im Auto. Es wird auch vom Einfluss des erfahrenen Torwarts auf die Novizen wie Zieker und Schmidt abhängen, ob die Deutschen das ambitionierte Ziel Halbfinale in Stockholm erreichen. Bitter selbst ist zuversichtlich: „Wir haben einen in Teilen sehr guten Kader“, sagte er am Freitag in Frankfurt: „Wir dürfen uns schon einiges ausrechnen. Absagen sind nie gut, aber wir haben inzwischen viele gute deutsche Spieler. Ich finde, wir haben Chancen, sehr weit zu kommen.“ Dabei könnte helfen, dass bei der ersten EM im Handball mit 24 Teams eine ziemlich leichte Vorrundengruppe und eine nicht allzu komplizierte Hauptrundenstaffel auf die Deutschen warten. Die großen Favoriten Dänemark, Norwegen und Frankreich würden erst vom Halbfinale an drohen.

          Allerdings muss Prokop im Rückraum fast alles neu sortieren. Mit Fabian Wiede, Steffen Weinhold, Franz Semper, Tim Suton, Simon Ernst und Martin Strobel fehlen sechs wichtige Spieler. Es ist kein Geheimnis, dass Christian Prokop auch deswegen auf Johannes Bitter setzt und nicht auf Dario Quenstedt oder Silvio Heinevetter, weil er sich von Bitters integrativen Fähigkeiten viel erhofft. Bitter soll führen, lenken und als Weltmeister, deutscher Meister und Champions League-Sieger von 2013 Siegermentalität einbringen. In Kategorien denkt er mit Blick auf Andreas Wolff dabei nicht: „Wir wollen als Torwart-Team eine starke Leistung bringen. Und das können wir. Wer beginnt und wer von der Bank kommt, ist mir vollkommen wurscht.“

          144 Länderspiele hat Bitter auf dem Buckel. Mit 19 Jahren begann er in der Nationalmannschaft, damals noch als Torwart des Wilhelmshavener HV. 2011 beendete er ziemlich entnervt vom Deutschen Handballbund seine Laufbahn in der Nationalmannschaft. Den Kopf hinhalten, die Belastung ertragen und nach schlechten Plazierungen von der Öffentlichkeit kritisiert werden: Darauf hatte Bitter keine Lust mehr. Elfter war Deutschland unter Bundestrainer Heiner Brand bei der WM in Schweden geworden. Der Bonus des Titels von 2007 war aufgebraucht. Aus einer Pause, weil die Familie mit den inzwischen drei Söhnen ihn brauchte, wurde eine ziemlich lange Auszeit, unterbrochen nur von zwei enttäuschenden Einsätzen in den WM-Play-offs gegen Polen im Sommer 2014.

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          Nun geht es von vorne los. Oder? Eine Mischung aus Rückkehr und Neubeginn sei es, sagt Bitter, dem die Vorfreude anzumerken ist nach Jahren in Stuttgart, die eben nicht die ganz große Belastung aus Spielen und Reisen wie bei einem Champions-League-Teilnehmer waren. Genau dies und die Spiele mit der Nationalmannschaft waren ihm in seinen Hamburger Jahren zu viel geworden. Nun kribbelt es wieder. Dass dann später im Jahr auch noch die Möglichkeit besteht, an Olympischen Spielen teilzunehmen, hat sein „Ja“-Wort noch leichter gemacht.

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