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Deutschland gegen Mazedonien : Jetzt kommt der Abräumer

  • -Aktualisiert am

Zupacken kann Finn Lemke, der Organisator in der Abwehr. Bild: Picture-Alliance

Bundestrainer Christian Prokop zieht seine Lehren aus der Abwehrschwäche und holt den zuvor verschmähten Finn Lemke zurück. Der Hüne soll das deutsche Handballteam bei der EM stabilisieren.

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          Die Nachricht, dass es mit ihm und der Europameisterschaft doch noch etwas wird, hatte Finn Lemke am frühen Dienstagmorgen erhalten, etwa gegen 2 Uhr. Auf Fuerteventura, wo er sich mit der MT Melsungen, seinem Vereinsteam, im Trainingslager befand. Am Dienstag sollte Lemke sich, über Wien, umgehend auf den Weg nach Kroatien machen. Er wurde am Abend in Zagreb erwartet. An diesem Mittwoch steht schon die erste Bewährungsprobe bevor, im vermeintlich hitzigen Duell mit Mazedonien (18 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-EM und in der ARD), in dem es für die deutschen Handballspieler darum geht, wichtige Punkte für die Hauptrunde in Varazdin zu sammeln.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Die Deutschen haben sich dafür bereits qualifiziert, aber sie kämpfen noch um eine möglichst günstige Ausgangslage. Dabei soll der Abwehrspezialist Lemke nun als Nachrücker helfen. Just der Mann also, den Bundestrainer Christian Prokop zunächst aus seinem Kader für Kroatien gestrichen hatte, weil er dachte, mit einem Mann wie Bastian Roscheck zum Beispiel flexibler agieren zu können. Das erwies sich als Trugschluss, so dass Prokop schneller als gedacht zum Handeln gezwungen war: Er erteilte Lemke den Marschbefehl. Eine Kurskorrektur des Novizen Prokop, um Schaden von seinem Team abzuwenden.

          Beim turbulenten 25:25 am Montagabend gegen die Slowenen hatte sich gezeigt, dass Deutschland in der Verteidigung, eigentlich eines seiner Prunkstücke, nicht auf der Höhe war. Zu viele Lücken, zu viele Schwächen, überforderte Spieler. Alle Maßnahmen, sagte Bob Hanning, der Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB), hätten unter dem Stress, in dem sich das Team befunden habe, nicht gegriffen. „Es hat in keiner Formation funktioniert.“ So muss der Leipziger Roscheck nun für den erfahrenen Lemke weichen, er wird allerdings zunächst beim deutschen Tross bleiben. Lemke soll der Defensive, wie Hanning es formulierte, „mehr Körperlichkeit“ geben und auch für ein besseres Zusammenspiel mit den Torhütern Andreas Wolff und Silvio Heinevetter sorgen.

          Handball-EM 2018: Spielplan, Ergebnisse, Termine

          Der 2,10 Meter große Lemke ist so etwas wie ein Abräumer im Handball, ein Zerstörer. Von seinen Qualitäten hatten die Deutschen vor zwei Jahren beim überraschenden Gewinn der Europameisterschaft in Polen in erheblichem Maße profitiert. Mit Lemke in zentraler Position errichteten die Deutschen ein Bollwerk. So hatte Prokop, der Nachfolger des Isländers Dagur Sigurdsson, mit seiner Entscheidung, auf den Hünen aus Melsungen erst einmal zu verzichten, beträchtliche Verwunderung hervorgerufen. Er wusste wohl, dass er sich auf ein riskantes Spiel einließ, und am Montagabend wurde Prokop klar, dass er mit dieser personellen Rochade danebengelegen hatte. Er mochte am Dienstagvormittag allerdings nicht von einem Fehler sprechen. Er sagte, dass er ein Konzept für Kroatien erarbeitet habe, mit Roscheck – er konnte daran jedoch nur zwei Spiele lang festhalten. Er sei dafür zuständig, dass das Team am stärksten aufgestellt sei, sagte Prokop am Dienstag, und nach dem Dämpfer gegen die Slowenen bedeutet dies: Für Roscheck ist jetzt kein Platz mehr.

          Mitspieler freuen sich auf Lemke

          Die Deutschen hatten am Montag, in jedem Fall in den ersten 30 Minuten, vieles vermissen lassen, auch im Angriff. Sie offenbarten reihum erstaunliche Mängel. Und sie konnten von Glück reden, dass die Slowenen sich unmittelbar vor Toresschluss zu einer Regelwidrigkeit hinreißen ließen und Prokops Team nach einer minutenlangen Beratung der Offiziellen noch ein Siebenmeter zugesprochen wurde, den Tobias Reichmann nervenstark zum Ausgleich verwandelte. Prokop beklagte Fahrigkeit und Nachlässigkeit gegen einen Gegner, der „am Rande der Legalität“ verteidigt habe, „wie in einem Halbfinale“. Immerhin konnte er auch erkennen, dass sich sein Team gegen das drohende Desaster aufgebäumt hatte. Man dürfe nicht unter den Teppich kehren, „dass wir zurückgekommen sind“. Er erwartet von seinen Spielern nun allerdings mehr Feuer und mehr Herz, von der ersten Sekunde an. „Ich habe das Gefühl, dass sich die Mannschaft auf Mittwoch freut“, behauptete Prokop.

          Für den emotionalen Faktor soll nun auch Lemke stehen. Seine Kollegen äußerten sich zufrieden darüber, dass der Melsunger wieder in das Geschehen eingreift. „Wir können uns auf Finn freuen“, sagte Patrick Wiencek. Mit Lemke, davon ist der Kieler überzeugt, wird die deutsche Deckung wieder kompakter auftreten. Wiencek mochte am Dienstag auch nicht verhehlen, nicht damit gerechnet zu haben, dass Prokop einen solch gestandenen Mann erst einmal nicht nominieren würde. „Das hat vielleicht ein bisschen Unruhe reingebracht.“ Prokop hat seine Lehren daraus gezogen, möglicherweise noch rechtzeitig, und Hanning glaubte, ihm dafür Anerkennung zollen zu müssen – er wertete sein aktuelles Verhalten als Zeichen der Größe. Es wäre falsch gewesen, wenn Prokop nicht reagiert hätte, sagte Hanning. „Er hat das getan, was für den Handball richtig ist, fernab jeder Eitelkeiten.“ Hanning betonte, dass Prokop den Entschluss, Roscheck gegen Lemke auszutauschen, allein getroffen habe.

          Auch Reichmann, der letzte Schütze vom Montag, der ebenfalls bei der MT Melsungen unter Vertrag steht, sehnt sich nach dem Recken Lemke. Nach einem, „der mit seinen langen Armen rumarbeitet. Das bringt uns wieder ein bisschen mehr Stabilität.“ Schließlich gebe es für die Deutschen jetzt nur noch Endspiele. Hanning erzählte am Dienstag, dass Lemke „total heiß“ sei auf seinen Einsatz in Kroatien. Er passt damit genau in das Profil, das Handball-Deutschland nun braucht.

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