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Freshfields-Report für DFB : Keine Beweise für Stimmenkauf vor WM 2006

  • -Aktualisiert am

Reinhard Grindel, Reinhard Rauball, Rainer Koch, Ralf Köttker und Christian Duve (von links nach rechts). Bild: Reuters

War die WM 2006 gekauft? Wohin flossen die 6,7 Millionen Euro? Was wusste die DFB-Führung wann? Freshfields hat für den DFB einen 361 Seiten starken Bericht erstellt. FAZ.NET fasst die Ergebnisse zusammen.

          Die Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer hat über vier Monate im Auftrag des Deutschen Fußball-Bundes unter anderem drei Kernfragen zur WM-Affäre 2006 aufklären sollen. Sind für die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft an Deutschland Stimmen gekauft worden? Wohin sind 6,7 Millionen Euro geflossen, die das WM-Organisationskomitee (OK) als Kulturausgabe kaschierte? Wann hat die DFB-Führung unter dem ehemaligen Präsidenten Wolfgang Niersbach von den Details gewusst und wie hat sie reagiert? Die Kanzlei hat dazu einen 361 Seiten starken Bericht angefertigt, 26 Personen befragt, 128.000 elektronische Dokumente gesichtet und Material im Umfang von 740 Aktenordner ausgewertet. Nachfolgend das Ergebnis aus Sicht von Freshfields:

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          War die Fußball-WM 2006 gekauft?

          Freshfields hat dafür laut eigener Aussage keine Beweise gefunden, kann einen Stimmenkauf aber „nicht ausschließen“. Hindernisse bei der Recherche, etwa die Verweigerung von Interviews, längst verstorbene Beteiligte und die kurze Recherchezeit lassen laut Freshfields noch Spielraum für weitere Untersuchungen. Kurz vor der Wahl, so die Darstellung der Kanzlei, hätten die Deutschen alle acht Stimmen der Europäer und die vier asiatische Stimmen sicher gehabt. Deutschland gewann die Vergabe des Exekutiv-Komitees des Internationalen Fußball-Verbandes mit 12:11 Stimmen.

          Rätselhaft ist auch für die privaten Ermittler der sogenannte Warner-Vertrag. Franz Beckenbauer hatte kurz vor der WM eine Vereinbarung mit dem Fifa-Vize-Präsidenten Jack Warner aus Trinidad und Tobago, der den Concacaf-Verband (Verbände aus Nord- sowie Zentralamerika und der Karibik) vertrat, abgeschlossen. Darin ging es um Sach- und Geldleistungen für die Verbände, aber auch für Warner persönlich.

          Der Vertrag wurde dem Präsidium des DFB aber offenbar nie vorgelegt und deshalb auch nicht in Kraft gesetzt. Allerdings sind Sach- und Geldleistungen sehr wohl geflossen. Warner und seine Frau wurden zur 100-Jahr-Feier des FC Bayern eingeladen. Flüge, Unterkunft in einem Luxushotel, ein Ausflug nach Berlin, Einkäufe und Restaurantbesuche kosteten das OK 45.670,38 DM, für den Aufenthalt vom 16. bis zum 31. Mai.



          Wohin sind die 6,7 Millionen Euro geflossen?

          Der DFB hatte im April 2005 6,7 Millionen Euro an die Fifa gezahlt und diese Summe als Ausgabe für das Kulturprogramm der WM deklariert. Die Show fand nicht statt, das Geld wurde aber nicht zurückverlangt. Nach Darstellung von Freshfields soll die Erklärung des OK mehr oder weniger zutreffen. Demnach hat der Internationale Fußball-Verband (Fifa) für die Gewährung von 170 Millionen Euro als Zuschuss für die WM-Organisation eine Provision gefordert. Er bestreitet das.

          Nach Recherchen von Freshfields sind ein Teil der 6,7 Millionen zunächst von einem Konto in der Schweiz, das Franz Beckenbauer und seinem Manager Robert Schwan gehörte, auf ein Konto einer Schweizer Rechtsanwalts-Kanzlei überwiesen worden. Von dort wurde es nach Qatar geschickt, an ein Unternehmen, dessen Besitzer der damalige, inzwischen gesperrte Fifa-Funktionär bin Hammam aus Qatar war. Bin Hammam bestreitet diesen Geldfluss gegenüber Freshfields. Eine andere Tranche an bin Hammam kam von dem damaligen Adidas-Vorsitzenden Robert Louis-Dreyfus. Er übernahm die Zahlung der Deutschen und zahlte Beckenbauers Ausgaben zunächst zurück.

          So stellt sich der Zahlungsfluss nach den Untersuchungen dar. Bilderstrecke

          Später forderte er die gesamte Summe samt Zinsen für ein Konto im Soll mit zehn Millionen Schweizer Franken zurück. Das OK ersann daraufhin die Kulturausgaben-Konstruktion. Behauptungen von Fifa-Mitgliedern, Franz Beckenbauer sei das Geld zugute gekommen, sozusagen als Kommission für die 170 Millionen Euro Fifa-Zuschuss, hält Freshfields nach Würdigung der Indizien und Aussagen nicht für glaubwürdig.

          Damit bleibt vorerst ein Grund für die Zahlung im Vordergrund. Der damalige Fifa-Präsident Joseph Blatter brauchte angeblich Geld, um seine Wiederwahl zu sichern. Blatter war für Freshfields nicht zu sprechen. Er ließ über einen Anwalt mitteilen, dass er sich mit Rücksicht auf sein aktuelles Ethik-Verfahren nicht äußern wolle. Auch der frühere Fifa-Generalsekretär Urs Linsi und der aktuelle Interims-Generalsekretär, Markus Kattner, wurden nicht befragt.

          Hat die Führung des Deutschen Fußball-Bundes die Transaktionen vertuschen wollen?

          Der ehemalige Präsident Wolfgang Niersbach ist offenbar im Juni von der 6,7-Millionen-Zahlung informiert worden. Er hat es laut eigener Aussage nicht für nötig gehalten, sofort das Präsidium zu informieren, obwohl ihn der geschasste Finanzchef Stefan Hans dazu aufgefordert hat. Stattdessen traf sich Niersbach in der Folge mehrmals in unterschiedlichen Konstellationen mit den ehemaligen Mitgliedern des Organisationskomitees. Er versuchte, eine interne Aufklärung auf die Beine zu stellen.

          Eine Mitarbeiterin soll dabei ins Archiv des DFB geschickt worden sein, sie habe auf Hilfe von anderen Mitarbeitern verzichtet. Ein Ordner „Fifa 2000“ ist im Zuge dieser „Aufklärung“ nach Darstellung von Freshfields nicht mehr auffindbar. Niersbach hat wohl auch spätestens Anfang Oktober, also fast zwei Wochen vor Veröffentlichung der Affäre durch den „Spiegel“ von dem ominösen Warner-Vertrag erfahren, wenn auch nur mündlich. Insgesamt geht Freshfields davon aus, dass Niersbach als Vizepräsident des OK bei einigen Besprechungen noch vor der WM 2006 von der merkwürdigen Zahlung erfahren haben könnte.

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          Sicher ist aber, dass Niersbach erst am Tag der Spiegel-Veröffentlichung das Präsidium informierte und in einer Presseerklärung den Eindruck erweckte, bei den Recherchen längst eine Hilfe von außen in Anspruch genommen zu haben. Laut DFB-Protokoll ist dies aber erst in einer Telefonkonferenz am Tag der Präsidiums-Information vom Liga-Präsidenten Reinhard Rauball gefordert worden. Freshfields erhielt am Nachmittag einen mündlichen Auftrag, die Affäre aufzuklären.

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