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Bundestag in Erfurt : Einig ist der deutsche Fußball nur im Verdrängen

Reinhard Grindel ist nun bis 2019 als DFB-Präsident gewählt. Bild: dpa

Die WM-Affäre hält der deutsche Fußball unisono für abgehakt. Bei der Wiederwahl von DFB-Präsident Grindel aber zeigt sich trotz Einheitsbeschwörung ein Riss zwischen Profis und Amateuren.

          Der Bericht des Präsidenten dauerte 36 Minuten. Für die Schatten des Sommermärchens hatte Reinhard Grindel ein paar Sekunden übrig, ganz kurz vor Schluss; in einem Nebensatz, als er den hauptamtlichen Mitarbeitern im Deutschen Fußball-Bund (DFB) dankte und auf das „Wechselbad der Gefühle“ zwischen WM-Gewinn 2014 und der WM-Affäre hinwies, dem sie ausgesetzt gewesen seien. Die Botschaft Grindels, die seinen Verband erschütternden Vorgänge nicht weiter zu verfolgen, kam bei den Delegierten an. Der Skandal um das Sommermärchen ist für Grindel und auch für den DFB abgehakt.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Obwohl Innenminister Thomas de Maizière am Vorabend des Bundestages am Freitag in Erfurt den DFB und auch den Internationalen Fußball-Verband (Fifa) in Anwesenheit von dessen Präsident Gianni Infantino aufgefordert hatte, selbst „Aufklärung zu schaffen“. Und dies nicht nur den Strafverfolgungsbehörden zu überlassen. Aber auch den vielen Herren und wenigen Damen des deutschen Fußballs stand in Erfurt nicht der Sinn danach, sich weiter mit den hässlichen Seiten der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Kein einziger der 258 Delegierten verlangte, was der Innenminister forderte: weitere Aufklärung in eigener Sache. Präsident Grindel wurde ohne Gegenstimme für drei Jahre im Amt bestätigt.

          In Erfurt war trotz der offenen zentralen Fragen zur WM-Affäre in den Ausführungen von Grindel und dem DFB-Generalsekretär Curtius stets vom „neuen DFB“ die Rede. Unverdrossen wurde dabei das Motto des DFB-Bundestags beschworen: „Vereint neue Wege gehen“. Es wurde aber schnell klar, dass es unterschiedliche Sichtweisen im deutschen Fußball gibt, welche neuen Wege beim DFB in Zukunft zu gehen seien – und dass einige der alten Wege doch sehr erfolgreich waren. Auch wenn das in der aktuellen Führung niemand mehr wissen oder laut sagen wollte.

          Präsident Grindel stellte vor allem die sportlichen Erfolge in den Mittelpunkt seiner Rede: den WM-Titel 2014, das Olympia-Gold der Frauen 2016, das Olympia-Silber der Männer. Und nicht zuletzt die Vertragsverlängerung mit Bundestrainer Joachim Löw bis ins Jahr 2020 hinein, die Grindel ganz unmittelbar und öffentlichkeitswirksam vor dem Bundestag bekanntgab. Die sportlichen Erfolge, darauf machten die Profivertreter hinter den Kulissen aufmerksam, seien jedoch zu Zeiten der früheren Präsidenten Theo Zwanziger und auch Wolfgang Niersbach eingeleitet und fortgeführt worden. Ligapräsident Reinhard Rauball drückte diese Haltung gegenüber der DFB-Führung, sich als komplette Erneuerer des Verbands zu fühlen und zu inszenieren, auf der Bühne auf vorsichtige Weise so aus: „Wenn also das Motto dieses Bundestags ist: ,Neue Wege gehen‘, kann man durchaus feststellen, dass wir bislang schon erfolgreich waren. Das sollte man nicht ganz außer Acht lassen.“

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          Beim Bundestag und bei den Wahlen verhielt sich der neue DFB meist genauso wie der alte: Fast alle Abstimmungen bestätigen die Kandidaten einstimmig, es wurde en bloc votiert, offene Diskussionen über strittige Themen blieben aus, es gab nicht mal eine einzige Wortmeldung. Deutlich wurde in Erfurt jedoch, dass die Einheit im deutschen Fußball längst nicht so selbstverständlich, so einfach zu erreichen und zu erhalten ist, wie es das Bundestagsmotto beschwor und suggerierte. Rauball sprach etwa mit Blick auf die von der Deutschen Fußball Liga gewünschte Veränderung des DFB-Pokal-Modus (die Profiklubs wollen künftig erst in der zweiten Runde in den Wettbewerb einsteigen) von „zwei Lagern“ im deutschen Fußball: den Profis und den Amateuren. Der Grundlagenvertrag zwischen DFB und der DFL, der nun bis 2023 läuft, wurde ohne Gegenstimme angenommen – trotz der im Vorfeld deutlichen Kritik aus den Reihen der Amateure, die Rauball im Namen der Profis als „Beleidigung“ empfunden hatte.

          Die Kontroverse um den DFB-Pokal war vom Bundestag jedoch ebenso erfolgreich ferngehalten worden wie die Diskussion um die Erhöhung der Kosten der mit 109 Millionen Euro budgetierten neuen DFB-Zentrale auf dem Gelände der Frankfurter Galopprennbahn. Sie werden, hält der DFB am Entwurf fest, auf mehr als 125 Millionen Euro steigen. Darüber soll 2017 auf einem außerordentlichen Bundestag entschieden werden.

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          Die Einführung einer Ethik-Kommission war schließlich die sichtbarste Konsequenz aus der Affäre um die WM-Vergabe 2006. Der von der DFB-Führung vorgeschlagene frühere Außenminister Klaus Kinkel wurde zum Chef des Gremiums (mit Compliance-Expertin Birgit Galley, Rechtsanwalt und Vorstandsmitglied der Hertie-Stiftung Bernd Knobloch, Sportrechtsexpertin Professor Anja Martin und dem früheren Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland Nikolaus Schneider) gewählt. Die von dem bald 80 Jahre alten früheren FDP-Politiker geführte Ethik-Kommission soll in Fällen „illegaler oder unethischer Verhaltensweisen“ aktiv werden, die der Integrität und dem Ansehen des DFB schaden.

          Die Kommission soll eigenständig und unabhängig Ermittlungen aufnehmen können. Die Rechtsprechung wird in einer sogenannten Ethik-Kammer mit drei Mitgliedern (darunter zwei andere Ethik-Experten) innerhalb des DFB-Sportgerichts stattfinden, aber nicht wie bei der Fifa in einer vom Verband unabhängigen Kammer. Zudem wurden in Erfurt die Entlastungen des früheren DFB-Präsidenten Niersbach und des Generalsekretärs Helmut Sandrock zurückgestellt, um mögliche Schadenersatzansprüche nicht zu verwirken. Das wird dann aber allein Sache der staatlichen Ermittlungsbehörden bleiben.

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