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Formel 1 in Monza : Rosberg setzt Hamilton unter Druck

Stagediver: Nico Rosberg badet in der Mechaniker-Menge Bild: dpa

Der Deutsche gewinnt in Monza und reduziert seinen Rückstand in der Fahrerwertung auf zwei Punkte. Die Dynamik der WM hat sich verändert.

          Als alles vorbei war, wurde aus dem Rennfahrer ein Stagediver. Mit Anlauf lief Nico Rosberg auf seine Mechaniker zu, sprang ab und wurde von ihnen auf Händen getragen. Als er wieder Bodenhaftung hatte, lief er zu Daimler-Chef Dieter Zetsche, klatschte mit ihm ab und hob danach die Faust des Siegers. Mit einem Sieg beim Großen Preis von Italien in Monza vor seinem Mercedes-Rivalen Lewis Hamilton und Sebastian Vettel (Ferrari) hat sich der Deutsche am Sonntag endgültig zurückgemeldet im Kampf um die Weltmeisterschaft in der Formel 1. Nur noch zwei Punkte liegt Rosberg in der Gesamtwertung hinter Hamilton. Das Rennen beginnt von Neuem. „Dieser Sieg hier ist ein ganz besonders Gefühl“, sagte der Deutsche auf dem Podium. Tausende Tifosi standen unter ihm auf der Strecke und verbreiteten eine Stimmung, die man sonst nur aus Fußballstadien kennt.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Schon kurz vor dem Start wurden rote Rauchfeuer auf den Tribünen gezündet, Zehntausende hofften auf einen Erfolg ihrer Scuderia Ferrari. Als dann die Startampeln erloschen, die Motoren dröhnten und die 22 Boliden auf die erste Kurve zuschossen, zog sich einen langes Raunen durch das Rund. Hamilton beschleunigte weit langsamer als all seine Gegner, und so zogen nacheinander Rosberg, die beiden Ferrari-Fahrer Vettel und Kimi Räikkönen, Valtteri Bottas (Williams) und Daniel Ricciardo (Red Bull) am Weltmeister vorbei. Platz sechs nach ein paar hundert Metern – damit hatten sie nicht gerechnet im Lager von Mercedes. „Ich habe mich gleich bei meinen Ingenieuren dafür entschuldigt“, sagte Hamilton: „Ich wollte nicht, dass sie sich Sorgen machen.“ Vettel war auf einmal Zweiter, aber er wollte noch mehr, griff auch noch Rosberg an, doch der Silberpfeil-Pilot behielt die Führung im Duell der beiden Deutschen.

          Auf dem Sprung: Rosberg bereitet Hamilton Kopfzerbrechen

          Die Strategen von Ferrari hatten schon im Training gemerkt, dass sie über die Distanz keine Chance haben würden gegen Mercedes, und so wollten sie abermals über eine andere, eine weit aggressivere Taktik ihre Chance suchen. Vettel und

          Räikkönen gingen jeweils auf der weichsten Reifenmischung ins Rennen, nach 17 Runden hatten beide ihren ersten Boxenstopp absolviert und noch einmal die weichste Mischung aufziehen lassen.

          Rosberg und Hamilton waren hingegen auf der mittleren der drei Gummioptionen unterwegs. So konnten sie länger auf der Strecke bleiben, Rosberg bog erst in der 24. Runde zu seinen Mechanikern ab, Hamilton folgte eine Umdrehung später. Beide hatten sich dann sogar für die härteste der drei Reifenmischungen entschieden. So wollten sie nun dem Ziel entgegenfahren. Rosberg hatte seine Führung behalten, Hamilton blieb Vierter, doch sein Renningenieur machte ihm Mut: „Die beiden Ferrari müssen noch ein weiteres Mal stoppen.“ Vettel kam in Runde 33, Raikkönen in Runde 34 – und danach machten sie Tempo, ihr Rückstand aber betrug schon rund dreißig Sekunden auf Rosberg. Der Einunddreißigjährige fuhr in Monza nach dem Start in seiner eigenen Welt, denn auch Hamilton hatte da schon einen Rückstand von zehn Sekunden und brachte sich nie in die Situation, dass er auch nur an einen Angriff hätte denken können.

          Nico Rosberg siegt beim Großen Preis von Italien

          Was eine Nacht doch verändern kann: Noch am Samstag, nach dem Qualifikationstraining, war Rosberg sichtlich angefressen und reagierte einsilbig, weil Hamilton ihn beim Sprint über eine Runde um eine halbe Sekunde distanziert hatte – eine halbe Sekunde auf einer Strecke, bei der die langen Geraden nur durch drei Kurven und drei Schikanen unterbrochen werden. Einige Experten sahen darin schon den psychologischen Sieg im WM-Duell, doch Rosberg schlug zurück und verabschiedet sich nun im Windschatten von Hamilton aus Europa. Die letzten sieben Rennen dieser Saison werden allesamt in Übersee ausgetragen.

          Für zwei Fahrer war dieser Grand Prix sogar der letzte überhaupt auf europäischem Boden: Nachdem Felipe Massa (Williams) schon am Donnerstag sein Karriereende zum Saisonende angekündigt hatte, folgte am Samstag Jenson Button (McLaren) – allerdings mit einer Einschränkung. Der Brite vollzieht einen Abschied auf Raten. In der kommenden Saison wird er nicht mehr als Stammfahrer antreten. Der Sechsunddreißigjährige bleibt allerdings Teil des Teams, McLaren hat sogar die Option darauf, ihn 2018 wieder ins Cockpit zu holen. „Um es klarzustellen: Ich trete definitiv nicht ab“, sagte Button. Auch Nigel Mansell und Rubens Barrichello haben nie offiziell ihren Rücktritt aus der Formel 1 bekanntgegeben. Button wurde Zwölfter in Monza, Massa Neunter.

          Podium zum Heimrennen: Ein Erfolg für Vettel und Ferrari

          Sie wurden bejubelt wie alle anderen. „Die Unterstützung da draußen war der Wahnsinn“, sagte Vettel. „Wir alle durften heute einen Wahnsinns-Tag erleben. Das ist ein Meer von Leuten, das ist nicht zu beschreiben.“ Vettel wurde sogar noch zum Motivator der Massen und sagte: „Wir glauben an unsere Chance gegen Mercedes, glaubt ihr auch daran! Unsere Mission ist noch nicht beendet, wir wollen gewinnen.“ 2017 soll ein neuer Angriff auf Mercedes gestartet werden. Bis dahin geht das Duell zwischen Rosberg und Hamilton weiter. „Zwei Punkte Abstand, ist das nicht großartig?“, fragte der ehemalige Rennstallbesitzer Eddie Jordan auf dem Podium. „Ja, für die Zuschauer ist es bestimmt toll“, antwortete Hamilton.

          Rosberg setzt den Briten wieder mehr unter Druck – und das ist vielleicht sein größter Erfolg dieses Sonntags.

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