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Bewusste Mode für den Fuß : Nachhaltige Sneaker ohne Öko-Hedonismus

  • -Aktualisiert am

Helle Inszenierung: Gründer Noel Klein-Reesink mit seinen Sneakern. Bild: Michael Kretzer

Das Frankfurter Unternehmen EKN Schuhe produziert Mode für den Fuß. Doch anders als bei mancher berühmteren Marke geschieht das aus recycelten Materialien und ohne Schwermetalle.

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          Wer den kleinen Laden von Noel Klein-Reesink am Frankfurter Ostbahnhof betritt, soll nicht irgendeinen Sneaker kaufen. Der studierte Kommunikationswissenschaftler und Marketingexperte inszeniert seine aktuellen Schuh-Modelle in Lichtkunstwerken von Architekt Philipp Mainzer, dem Gründer der Möbelmarke e15.

          Die komplette Ladeneinrichtung trägt die gleiche Design-Handschrift: clean-chic und funktional auf nur 70 Quadratmetern Fläche, Showroom, Büro und Laden in einem. Von hölzernem Ökoflair keine Spur. Aus den Stufen, die die Schuhe präsentieren, zieht er Schubladen heraus, deren Inhalt jedem Kunden anschaulich vor Augen führen soll, wie nachhaltig EKN-Schuhe produziert sind: Ein dicker, unbearbeiteter Block aus Naturkautschuk findet sich darin genauso wie gemahlenes, vielfarbiges Granulat aus den Resten, die bei der konventionellen Sohlenproduktion anfallen. Aus dem metallenen Pressgerät quillt durch den Druck seitlich Gummi heraus wie bei einem Waffeleisen. Was sonst als Abfall einfach weggeworfen wird, kommt bei EKN unter den Schuh. Die farbigen Einsprengsel in der Sohle bei vielen Modellen sind das Erkennungszeichen schlechthin für das Unternehmen, fast so wie die rote Sohle bei Louboutin-Pumps.

          Schattenseite des Sneakers

          Sneaker sind sonst nicht gerade ein Symbol für nachhaltige Mode: Jede Saison muss für Trendsetter das neueste Modell der angesagten Hersteller her, die alten Treter wandern in die Tonne.

          Für Noel Klein-Reesink war das die große Herausforderung: Nachhaltige Sneaker mit hochmodischem Anspruch zu produzieren, die kein Wegwerfprodukt sind. Produziert wird in Portugal, das Leder ist vegetabil gegerbt, gefärbt wird mit Roter Bete und anderen Naturstoffen. „Alle Materialien kommen aus einem Umkreis von 20 Kilometer um Porto, die Gerber arbeiten so wie schon vor 300 Jahren, ohne Chromsalze oder andere Schwermetalle.“ Ist die Sohle abgelaufen, macht ein Schuster in Berlin eine neue, nachhaltig produzierte drunter, man kann sie ganz einfach einschicken oder im Laden abgeben.

          Kein Wegwerfprodukt: Sneaker von EKN setzen auf modische Nachhaltigkeit.

          Er war als Skateboardfahrer viele Jahre auf Wettkämpfen unterwegs, läuft Marathon und hat sich seit seinem 16. Lebensjahr damit beschäftigt, den optimalen Schuh für seinen Sport zu finden. Die berufliche Karriere führte den heute dreifachen Familienvater fast zwangsläufig zu Sportschuhherstellern wie New Balance und Adidas sowie zu Hess-Natur nach Butzbach. Denn ein New York-Aufenthalt hatte früh sein Interesse für Bioprodukte geweckt, für Fairtrade und nachhaltig produzierte Kleidung. Der amerikanische Öko-Hedonismus, der ihm in Brooklyn begegnete, hatte allerdings wenig von dem verbissenen Müsli-Image, das er aus Deutschland kannte. Das gefiel ihm, denn „Öko“ war für ihn bis dahin oft mit dem Image „hässlich und schmeckt nicht“ versehen, bedeutete immer irgendeine Form von Verzicht.

          Herre-Fans für Mundpropaganda

          2012 begann er also, die eigene Schuhmarke aufzubauen, gewann den Sänger Max Herre als Testimonial für die Markeneinführung in Berlin, der damals gerade sein Album „Hallo Welt“ herausgebracht hatte. Herre-Fans bestellten so als erste die Schuhe, es folgte Mundpropaganda.

          Qualität hat ihren Preis: Bis zu 200 Euro kosten die Schuhe von EKN.

          Der Unternehmensgründer überlässt wenig dem Zufall, für den Namen bemühte er ein Wort aus alten osmanischen Sprachen. „Ekin“ bedeute noch heute im Persischen und Türkischen „Samen“. Weil das rückwärtsgelesen allerdings eine Art Kampfansage an den größten Sportschuhhersteller gewesen wäre, die unter Umständen Klagen nach sich gezogen hätte, verschwand das „i“, es blieb nur der Punkt.

          Die Saat ging jedenfalls auf, heute beschäftigt er 14 feste Mitarbeiter und viele freie. Die Schuhe zum Preis zwischen 70 und 200 Euro bringen einen Jahresumsatz von einer Million Euro und werden in rund 200 Läden in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Australien verkauft sowie online vertrieben. Es gibt mittlerweile nicht nur ein- und mehrfarbige Sneaker, sondern auch klassische knöchelhohe Desert-Boots und Wanderstiefel sowie im Sommer auch Sandalen; die 15 verschiedenen Modelle jeweils in vier bis fünf Farben, unisex die meisten, manche auch auf schmaleren Frauenleisten geschustert. An den eigenen Kindern erprobt er gegenwärtig Junior-Modelle. Auch vegane Schuhe sind im Angebot, aus recyceltem Kunstleder aus PET-Flaschen, verbunden mit Ökobaumwolle. Nachhaltigkeit erreiche das Bewusstsein der Menschen schrittweise: „Je körperferner desto später“, glaubt Klein-Reesink, also von der Nahrung über die Kosmetik zur Kleidung. „Bei der Kleidung sind die meisten noch gar nicht so weit“, behauptet er. Dafür läuft sein Geschäft ziemlich gut.

           

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