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Charlotte Gainsbourg : „Ich entblöße mich“

Nach dem Fenstersturz ihrer Schwester zog Charlotte Gainsbourg mit ihrer Familie nach New York: „Ich hatte entschieden am Leben zu bleiben.“ Bild: F.A.S.

Die Liebe, der Tod und die berühmten Eltern: In einem persönlichen Gespräch erzählt die Schauspielerin und Sängerin Charlotte Gainsbourg, was sie bewegt.

          Alle Männer, sagt man in Frankreich, seien in sie verliebt, alle Frauen wollten sein wie sie. Schwarzes T-Shirt zu schwarzen Jeans, die Haare, die sie seit einer Weile stufig trägt, wirken windzerzaust: Charlotte Gainsbourg, die vielleicht berühmteste Tochter Frankreichs, ewiges It-Girl und Anti-It-Girl zugleich, tritt sympathisch unprätentiös auf. Beim Gespräch in einem Berliner Hotel wandert ihr Blick durch den Raum, während sie nach innen zu schauen scheint. Aber wenn die Sechsundvierzigjährige ihr Gegenüber fixiert, glitzern ihre Augen. Sofort zieht sie einen in ihren Bann.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Eigentlich lacht Charlotte Gainsbourg viel zu unbekümmert für die krassen Dinge, die sie erzählt. Nachdem sie ihre Karriere mit skandalumwitterten Auftritten an der Seite ihres Vaters begonnen hatte, ist die Tochter von Serge Gainsbourg und Jane Birkin längst selbst eine gefeierte Schauspielerin. Gerade ist ihr neues Album „Rest“ erschienen, gehauchter Gesang über melancholisch-elektronischem Puls.

          Frau Gainsbourg, womit entblößen Sie sich mehr: mit ihren Auftritten in Lars von Triers Skandalfilmen wie „Antichrist“ und „Nymphomaniac“ oder mit Ihrem neuen Album?

          Auf jeden Fall mit dem Album. Es war eine Offenbarung, mit Lars zu arbeiten, die Erfahrung war unglaublich. Aber am Ende war ich sein Werkzeug, weshalb ich mich nicht besonders verantwortlich fühlte. War ich auf der Leinwand gut, lag es an ihm.

          Und mit dem Album?

          Das ist anders. Ich entblöße mich, weil ich es will. Ich entscheide, was ich ausdrücke.

          Dabei reden Sie schon Ihr ganzes Leben über Ihre Schüchternheit.

          Das ist doch der Grund. Schüchtern zu sein ist so frustrierend, man ist nie zufrieden mit sich, immer würde man gerne mehr geben, nie traut man sich. Es geht um dieses Sichtrauen. Heute bin ich nicht mehr schüchtern. Aber früher war alles eine Herausforderung, selbst den Mund aufzumachen oder einen Raum zu betreten, war ein Problem. Und die Schauspielerei war der Versuch, solche Hürden zu überwinden. Mit dem Album überwinde ich keine Hürden. Ich entblöße mich vor mir selbst. Das war ein ziemlich selbstbezogenes Projekt, sehr persönlich, sehr intim.

          Charlotte Gainsbourg im Jahr 2010 bei inem Auftritt auf dem Coachella Valley Music and Arts Festival

          Ein Song ist nach Ihrer älteren Schwester benannt, der britischen Fotografin Kate Barry, die 2013 bei einem Fenstersturz ums Leben kam. Das Album heißt „Rest“, was sowohl an die Beerdigungsformel „Rest in peace“ – „Ruhe in Frieden“ – erinnert als auch auf Französisch „bleiben“ heißt. Hat Ihnen die Arbeit an dem Album geholfen, Kates Tod zu verarbeiten?

          Ich habe das weder als Therapie betrachtet, noch ging es mir dadurch besser. Ich habe auch nicht versucht, mich durch die Musik auszudrücken und dadurch etwas zu erreichen. Hätte ich nicht ohnehin an dem Album gesessen, vielleicht wäre es nie entstanden. Als Kate starb, stand im ersten Moment alles still. Als ich mich dann wieder an die Arbeit gesetzt habe, wollte ich nichts, als über sie zu sprechen: Alles, was zählte, war sie. Sie und ich. Meine Kindheit mit ihr. Mein durch sie geprägter Blick auf die Welt. Die Trauer war Teil meines Schreibens, aber geholfen hat es nicht.

          Was dann?

          Der Umzug nach New York. In Paris, in meiner Umgebung ging es mir immer schlechter. Ich lebe ja ganz in der Nähe des Hauses meines Vaters...

          Über dessen Tod Sie auch einen Song geschrieben haben.

          Ja, „Lying With You“, das war etwas, das ich wirklich einmal sagen musste. Aber der Song war schon fertig. Und plötzlich ging es nicht nur um meinen Vater. Plötzlich ging es um meinen Vater und meine Schwester. Und um meine Kindheit, zu viert, in der Rue de Verneuil, wenige Schritte von meiner Wohnung entfernt.

          In Paris sahen Sie sich ständig mit dem Tod konfrontiert.

          Ja. Und alle um mich herum wussten, was passiert war. Verstehen Sie mich nicht falsch, die Leute waren entzückend. Aber sie waren wie Zeugen. Man konnte nicht so tun, als wäre nichts gewesen. Nicht, dass ich das gewollt hätte. Aber manchmal braucht es Privatsphäre, besonders in solchen Momenten, und die hatte ich nicht. Also kam ich an einen Punkt, an dem es unerträglich wurde und ich das Gefühl hatte, meine Familie fortbringen zu müssen. Das war eine harte Entscheidung. Meine Mutter war ja auch in der Stadt. Ich habe meine Mutter und meine Schwester verlassen, um nur an mich zu denken. An mich, an meine Kinder, an Yvan.

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