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Fondsmanager Michael Browne : „Nur ein Konjunkturprogramm kann Italien retten“

Werden bestimmt kein Sparprogramm auflegen: Matteo Salvini (r), Vorsitzender der Lega-Partei und Luigi Di Maio, Anführer der Fünf Sterne Bewegung Bild: dpa

Hoch verschuldeten Ländern empfiehlt man üblicherweise eine Konsolidierung. Im Falle Italien würde das den Untergang beschleunigen, meint Fondsmanager Michael Browne.

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          Michael Browne hat es sich nicht leichtgemacht. „Zu dieser Meinung bin ich nicht von heute auf morgen gelangt“, sagt der Manager, der für Martin Currie, eine Tochtergesellschaft der amerikanischen Vermögensverwaltung Legg Mason, einen europäischen Aktienfonds verwaltet. „Doch wenn Italien etwas retten kann, ist es ein Konjunkturprogramm.“

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die konventionelle, auch an den Anleihemärkten verbreitete Auffassung, Italien müsse Schulden abbauen, um wachsen zu können, sei nicht zielführend. „Italien ist per saldo seit Beginn des Jahrtausends nicht mehr gewachsen. Wenn jetzt nichts Zukunftsweisendes unternommen wird, kommt spätestens dann ein Schuldenschnitt, wenn die Konjunktur nachlässt. Ein Sparkurs würde diesen Prozess nur beschleunigen.“ 60 Prozent der italienischen Staatsschulden hielten die einheimischen Banken. Eine Umschuldung hätte daher verheerende Folgen.

          „Sparprogramm wird nicht kommen“

          Es sei unter den gegebenen Umständen illusorisch, auf ein Sparprogramm zu hoffen, meint Browne. Derzeit befänden sich die Anleihemärkte in einem seltsamen Zustand doppelten Denkens. Auf der einen Seite erwarte man unkonventionelle Maßnahmen. Auf der anderen Seite könne man sich nicht damit abfinden und hoffen, dass es weitergehe wie bisher. „Es wird nicht dazu kommen. Die neue Regierung hat ganz andere Ansätze. Die muss man ernst nehmen.“ Selbst wenn es zu Neuwahlen käme, würde diese daraus gestärkt hervorgehen.

          Wenn Browne von einem Konjunkturprogramm spricht, hat er keineswegs klassische Staatsausgaben im Kopf. „Das nützt nichts. Man braucht etwas, das schnell wirkt – nicht ein über zehn Jahre oder länger angelegtes Straßenbauprogramm.“ Browne denkt vielmehr an eine Senkung der Einkommensteuer für Unternehmen und Private sowie eine Anhebung der Mindestlöhne. Hier könne ein Multiplikatoreffekt erreicht werden, der stärker sein könnte als erwartet. Schließlich seien italienische Unternehmen und Verbraucher im Gegensatz zum Staat eher wenig verschuldet.

          Beispiel Irland

          „Irland hat die Wende nach der Finanzkrise auch nicht nur geschafft, weil man die Löhne der Staatsangestellten um 15 Prozent gesenkt hat, sondern auch die Unternehmensteuern auf zehn Prozent.“ Damit habe man eine große Zahl neuer Investoren ins Land locken können. Dass man anderen Euroländern dadurch Geschäft wegnehme, sei die Logik des einheitlichen Währungsraumes, in der sich Länder nicht mehr durch Abwertungen Vorteile verschaffen könnten.

          Zumal das hochverschuldeten Ländern oft nicht dauerhaft helfe. „Mit der Abwertung steigt die Inflation, mit dieser die Zinsen, und am Ende steht ein Zahlungsausfall“, gibt Browne eine alte Erfahrung zu bedenken. Insofern könne der Euro mit seinem vergleichsweise stabilen Außenwert im Falle Italien durchaus einen positiven Effekt haben, etwa für Direktinvestitionen.

          Hoffen auf Einsicht am Anleihenmarkt

          Unter allen möglichen Politikmaßnahmen habe ein Konjunkturprogramm die beste Chance zu funktionieren, ist sich Browne sicher. „Andere werden nicht funktionieren. Und wenn sich dann positive Effekte zeigen, wird auch der Anleihemarkt das unterstützen.“ Dieser müsse neu denken, denn andere Wege führten zum Schuldenschnitt, und das könne den Anlegern auch nicht gefallen. Auch wenn sich Browne nicht hundertprozentig sicher ist, dass die Anleger dieser Logik folgen werden. Und auch anderswo ist er sich dessen nicht gewiss: ob man in Brüssel und Berlin dies akzeptieren wird.

          Widerstand in Italien erwartet Browne dagegen weniger. Auch wenn Steuersenkungen den ärmeren Bevölkerungsschichten weniger nützten, so werde das durch eine Anhebung der Mindestlöhne zumindest teilweise ausgeglichen. „Außerdem ist Ungleichheit in Italien nicht das vorrangige Thema, sondern Wachstum und Zukunft.“ Und damit verbunden natürlich Zuwanderung, was aber wiederum auch ein Teil des Wachstumsproblems sei. „Wenn es zu einem Schuldenschnitt kommt, wird das die Zuwanderungsdebatte noch verschärfen. Deswegen muss etwas geschehen. Dringend.“

          Dieselbe Erwartungshaltung bringt Browne als Anleger mit. Derzeit sei er in Italien schlicht nicht investiert. „Aber wenn bis April keine Konjunkturmaßnahmen auf dem Weg sind, werden wir uns gegen Italien positionieren. Denn dann wird es unwahrscheinlich, dass etwas geschieht, und dann sind Anlagen in Italien von gefährlich zweifelhaftem Wert.“

          Seine Idee sieht Browne mitnichten als Blaupause. In Griechenland wäre ein solches Konjunkturprogramm wirkungslos geblieben. Das Land produziere wenig und lebe vom Tourismus. Da hätte man deutschen Touristen einen Bonus aus der leeren griechischen Staatskasse zahlen müssen, meint der Fondsmanager. Und so ein Vorschlag ist ihm dann doch zu absurd.

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