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Übergewicht : Die falsche Botschaft des Body-Mass-Index

  • -Aktualisiert am

Bild: AFP

Übergewicht hat meistens schwere Folgen. Aber nicht alle Dicken werden krank: Die Medizin entdeckt jetzt die „Happy Obese“, die weder Diabetes noch Herz-Kreislauf-Leiden befürchten müssen.

          5 Min.

          Seit Jahren zittern übergewichtige Beamtenanwärter, wenn der Besuch beim Amtsarzt bevorsteht. In einschlägigen Foren im Internet wie www.referendar.de tauschen sie sich darüber aus, ob und wie ihr Body-Mass-Index zu Buche schlägt, wenn sie die lebenslange Verbeamtung anstreben. Der BMI - berechnet aus dem Körpergewicht in Kilogramm, dividiert durch die Körpergröße in Meter zum Quadrat - gilt derzeit als das Maß aller Dinge, wenn es um die Frage „zu dick oder nicht zu dick“ geht. Ein BMI von über 25 macht einen zum Übergewichtigen, ab 30 gilt der Betroffene als adipös oder fettleibig. Etlichen Anwärtern verwehrten Amtsärzte schon das notwendige Gesundheitsattest, weil ihr BMI zu hoch war. Aus dem BMI wurde der „Beamten-Mass-Index“, ein Nadelöhr, durch das hindurchmuss, wer Beamter auf Lebenszeit werden möchte. Allerdings wehrten sich nicht wenige in Berufungsverfahren dagegen, dass man ihnen allein aufgrund ihres Gewichtes diesen Status vorenthalten wollte. Gerade in jüngster Zeit haben etliche Oberverwaltungsgerichte, zuletzt der Verwaltungsgerichtshof in Bayern, den Klägern recht gegeben und die Ablehnungen aufgehoben. Denn den Juristen sind vage Kriterien bekanntlich ein Greuel. Deshalb bezeugt nichts besser, dass der BMI an Glaubwürdigkeit verloren hat, als das Urteil der Richter, ein BMI über 30 rechtfertige keineswegs die Prognose, „dass ein Beamter vorzeitig dienstunfähig werde“ (VGH Bayern vom 13.04.2012).

          Die Juristen differenzieren, wo die Gesellschaft und auch die Medizin noch alle über einen Kamm scheren wollen: Jeder meint zu wissen, dass Dicke abnehmen müssen, wollen sie sich ihre Chancen auf ein Alter in Gesundheit nicht verscherzen. Nicht zuletzt sehen die Kostenträger, die gesetzlichen Krankenkassen, in jedem Übergewichtigen denjenigen, der absehbar für die Behandlung seiner Fettstoffwechselstörung, seines Diabetes, seines Hochdrucks, seines Herzinfarktes und schließlich seines Schlaganfalles viel zu viel kosten wird. Denn genau das sind angeblich die unausweichlichen Folgen des Überwichts. Außerdem wird damit automatisch jeder Dicke, der sich nicht endlich anstrengt und abnimmt, zum Schmarotzer des Gesundheitssystems. Kaum eine Arbeitsgruppe hat genau diese beiden immer häufiger und immer aggressiver vorgetragenen Behauptungen nachhaltiger als Trugschlüsse entlarvt als die Wissenschaftler um Hans-Ulrich Haering.

          Immenser Stoff für Studien

          Aus seiner Abteilung der Universitätsklinik in Tübingen, die nicht nur die Klinik für Innere Medizin IV, sondern zahlreiche Forschungsinstitutionen einschließt, stammt die auch international beachtete „Tulip“-Studie, das Tübinger Lebensstil-Interventions-Programm. Aus einer Gruppe von rund zweitausend Prädiabetikern, bei denen verschiedene Risiken, etwa Diabetes in der Familie, darauf hindeuteten, dass sie eher als andere zuckerkrank werden oder Herz- und Gefäßschäden entwickeln würden, unterwarfen sich rund 400 Probanden einer Änderung ihrer Lebensgewohnheiten. Ihre Ernährung wurde fettärmer, aber ballaststoffreicher, zusätzlich achteten sie darauf, sich deutlich mehr zu bewegen und Sport zu treiben. Seit Beginn der Tulip-Studie sind fast zehn Jahre vergangen und sie hat immensen Stoff für wissenschaftliche Publikationen geliefert.

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