https://www.faz.net/-gwz-a0g29

Madagaskar : Saftige Wiesen im ausgebrannten Waldparadies

  • -Aktualisiert am

Wo einst Elefantenvögel, ausgestorbene Flusspferde und Riesenschildkröten grasten, weiden heute Rinder. Bild: Getty

Graslandschaften gab es auf Madagaskar schon vor Ankunft des Menschen. Ihre Vielfalt ist einzigartig und deshalb schützenswert. Rinder ersetzen mittlerweile die ausgestorbenen Flusspferde und Riesenschildkröten.

          3 Min.

          Madagaskar ist die Heimat der Lemuren. Hier konnten sich die Halbaffen ungestört entfalten, denn vom Festland hatte sich diese Insel schon zur Zeit der Dinosaurier getrennt. Nicht minder bemerkenswert ist die Vielfalt an Chamäleons und Fröschen. Deren Artenzahl steigt ständig, weil immer wieder neue Spezies entdeckt werden. Zum größten Teil tummelt sich Madagaskars einzigartige Fauna in den Wäldern. Kein Wunder, dass sich die Aufmerksamkeit der Naturschützer auf die schon arg dezimierten Waldgebiete konzentriert. Grassteppen gelten dagegen als monotones Ödland, als trauriges Endergebnis, wenn Waldflächen zugrunde gerichtet wurden.

          Wo unlängst noch üppiger Wald wuchs, steht heute tatsächlich oft kein Baum mehr. Doch madagassische Graslandschaften sind nicht nur durch rücksichtslose Rodung entstanden. Im zentralen Hochland haben sie schon existiert, bevor Menschen aufgetaucht sind. Zu dieser Schlussfolgerung sind Wissenschaftler um Cédrique L. Solofondranohatra von der Université d’Antananarivo und Maria S. Vorontsova von den Royal Botanic Gardens Kew in London gekommen. Gemeinsam mit Forschern der University of the Witwatersrand in Johannesburg haben sie von Gräsern bewachsene Areale quer übers madagassische Hochland unter die Lupe genommen. Dabei kristallisierten sich zwei Biotop-Typen mit jeweils eigenem Arteninventar heraus: Wie auf dem afrikanischen Festland sind die Grassteppen überwiegend von Bränden oder durch Beweidung geprägt.

          Beispiele von zwei typischen Graslandschaften im zentralen Hochland Madagaskars: Weideland unweit der Stadt Ibity (links) und höherwachsende Wiese im Nationalpark Isalo (rechts).

          Wo alle ein bis drei Jahre trockene Gräser in Flammen aufgehen, dominieren hochwüchsige Arten. In mehr oder minder dichten Horsten verstecken sie an der Basis alter Blätter die jüngsten Sprosse, die dann nach einem Brand rasch austreiben. Wo Gras dauerhaft beweidet wird, finden sich dagegen Arten, die mit ober- oder unterirdischen Ausläufern dichte Rasen bilden. Bodennah sind die jüngsten Sprosse sicher vor gefräßigen Mäulern. Die emporsprießenden Blätter lassen sich jedoch leicht abreißen oder -beißen. So fällt es Pflanzenfressern nicht schwer, das Gras kurz zu halten. Sie nutzen die rasenartigen Flächen intensiv, aber nachhaltig. Denn mit den Überresten ihrer Verdauung verteilen sie Dünger.

          Grassteppen als schützenswerte Biotope

          Spezielle Grasarten, die Weideland dominieren, gab es auf Madagaskar bereits, ehe Hirten mit ihren Herden dorthin kamen. Wie Solofondranohatra und seine Kollegen in den „Proceedings of the Royal Society B“ berichten, erwies sich ein Drittel dieser Gräser als endemisch. Ausschließlich auf Madagaskar heimisch, haben sie sich vor Ort entwickelt. Und zwar, so verrät der molekulargenetische Stammbaum, schon vor mehreren Millionen Jahren. Treibende Kraft der Evolution waren wohl mittlerweile ausgestorbene Vertreter der einheimischen Fauna.

          Zu den größten Pflanzenfressern auf Madagaskar zählten einst die bis zu drei Meter hohen und schätzungsweise bis zu acht Zentner schweren Elefantenvögel, auch bekannt als Madagaskar-Strauße. Gleichzeitig beherbergte die viertgrößte Insel der Erde Lemuren mit der Statur von Menschenaffen und Flusspferde sowie Riesenschildkröten. Dass vor etwa zehntausend Jahren auch Menschen auf Madagaskar Fuß gefasst haben, bezeugen Schnittspuren an Knochen von Elefantenvögeln. Anders als die Moas auf Neuseeland, die schon wenige Jahrhunderte nach Ankunft des Menschen ausgestorben sind, überlebten Elefantenvögel und andere große Tiere auf Madagaskar nachweislich noch Jahrtausende – selbst als die Landschaft schon von Menschenhand drastisch umgestaltet wurde, wie Holzkohlepartikel in gut zweitausend Jahre alten Sedimenten bezeugen.Während Hirten bereits ihr Vieh auf die Weide trieben, wurde das Grasland bis vor etwa 1200 Jahren noch von einheimischen Pflanzenfressern genutzt. Wie vielerorts auf dem afrikanischen Festland zu beobachten, können Flusspferde so gründlich grasen, dass kurzrasige Flächen entstehen. Wahrscheinlich waren ihre kleineren Verwandten auf Madagaskar ebenso effizient unterwegs, aber ähnlich wie das in Westafrika heimische Zwergflusspferd eher als Landbewohner. Wenn das Terrain für Tiere, die ihre Haut stets feucht halten müssen, nicht nass genug war, könnten dort Riesenschildkröten geweidet haben. Wo sie sich zahlreich tummeln, halten sie das Gras ebenfalls schön kurz.

          Vermutlich waren weitläufige Grassteppen über Jahrmillionen charakteristisch für Madagaskars zentrales Hochland. Deshalb plädieren die Forscher dafür, solche Biotope nicht mehr einfach unbesehen aufzuforsten. Schon gar nicht mit Eukalyptus oder anderen Bäumen fremder Herkunft, die sich bereits als invasiv entpuppt haben. Dass angepflanzte Baumarten ungefragt in benachbarte Ökosysteme eindringen, könnte aber nicht die einzige unliebsame Nebenwirkung von Aufforstungsprojekten sein. Großflächige Plantagen von Bäumen, die viel Wasser brauchen, könnten landwirtschaftlich genutzte Flächen auch so viel Feuchtigkeit entziehen, dass dort weniger Reis wächst. Da die Produktion von Nahrungsmitteln für die wachsende Bevölkerung auf Madagaskar ohnehin kaum ausreicht, wären sinkende Erträge fatal.

          Doch so typisch madagassische Graslandschaften sein mögen, die Rolle der ausgestorbenen Fauna hat nun Rindvieh übernommen. Es profitiert von einheimischem Gras, das sich ständiger Beweidung gewachsen zeigt. Andererseits hätten die Grasarten, die in Ko-Evolution mit grasenden Tieren entstanden sind, ohne die Rinder wohl den Kürzeren gezogen. Schließlich brauchen sie hungrige Mäuler, um nicht zwischen hochwüchsigen Gräsern unterzugehen. Ein ähnlicher Wechsel wie vor mehr als tausend Jahren auf Madagaskar scheint sich derzeit auf dem afrikanischen Festland anzubahnen: Auch dort hat sich im Laufe von Jahrmillionen ein Sortiment von Gräsern entwickelt, das auf intensive Beweidung angewiesen ist. Ob Rinder und anderes Vieh das Grasland ebenso gut instand halten wie die alteingesessenen Huftiere, wird sich zeigen.

          Weitere Themen

          Wie das Haus bei Hitze kühl bleibt Video-Seite öffnen

          Erklärvideo : Wie das Haus bei Hitze kühl bleibt

          Im Sommer steht einigen die Hitze bis ins Haus. Dabei lässt es sich in den eigenen vier Wänden leicht abkühlen. Mit einfachen Methoden verwandelt sich der Wohnbereich zur perfekten Abkühlung.

          Topmeldungen

          Der türkische Präsident mit seiner Ehefrau Emine in der Hagia Sophia

          Zukunft der Türkei : Kommt jetzt das Kalifat?

          Versperrte Wege: Wofür die Türkei dem Westen nicht mehr zur Verfügung steht und wohin sie unter dem „neuen Sultan“ treibt. Ein Gastbeitrag.
          Der Hauptangeklagte Stephan E. mit seinem Verteidiger.

          Geständnis von Stephan E. : „Es war falsch, feige und grausam“

          Eine schwere Kindheit, Jähzorn und Ausländerhass, der vom Vater übernommen sein soll. Nach dem Geständnis von Stephan E., Walter Lübcke erschossen zu haben, ist dessen Familie empört.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.