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Geschichte des Stalinismus : Der Midas-Effekt

Ihre Familienschätze, für die der Staat weniger als den Weltmarktpreis zahlte, tauschten die Leute vor allem gegen Mehl, Brot, Graupen ein, die im Torgsin teurer waren als selbst auf dem privaten Kolchosmarkt und deren Preise das Torgsin im Hungerwinter 1933 gleich zweimal erhöhte. Der Staat, der Marktspekulation strafrechtlich ahndete, betrieb selbst eine rücksichtslos spekulative Preispolitik.

Radikale Konsumhaltung im Sowjetstaat

 Im Torgsin waren ferner Seife, Konfekt, Kleidung, Schuhe zu haben, nach dem Ende des akuten Hungers auch zunehmend Luxusgüter, was die sozialistische Moral allzu offensichtlich korrumpierte, weshalb die Ladenkette im Säuberungsjahr 1937 geschlossen wurde. Da Devisentransaktionen im Prinzip verboten waren, betraten viele die Torgsin-Läden ängstlich. Und tatsächlich kam es vor, dass Milizionäre oder GPU-Fahnder Torgsin-Kunden festnahmen, ihre Einkäufe konfiszierten, ihre Wohnungen durchsuchten oder auch die Direktion zwangen, Kundenguthaben an den „Industrialisierungsfonds“ zu überweisen. Andererseits ließen sich auch lokale Kader der Partei und der Staatssicherheit, die durch die Lebensmittelzuteilung ohnehin üppig versorgt waren, manchmal unentgeltlich mit Torgsin-Waren beliefern.

Stalin verbuchte das der Bevölkerung abgenommene Gold als Teil der staatlichen Rohstoffausbeute. Anfang 1934 erklärte er gegenüber der „New York Times“ stolz, sein Land habe im Vorjahr mehr als achtzig Tonnen Feingold gefördert. Das lag über der Fördermenge der Vereinigten Staaten. Die westliche Welt wurde nervös. Osokina kann freilich zeigen, dass die sowjetischen Goldbergwerke – die GULag-Betriebe eingeschlossen – es nur auf gut fünfzig Tonnen gebracht hatten, dass der Diktator also die Torgsin-Einnahmen mitberechnete.

Die Forscherin bescheinigt dem Sowjetstaat eine radikale „Konsumhaltung“ dem eigenen Volk gegenüber, begründet diese jedoch auch mit der Überzeugung des Regimes, ohne Industrialisierung verloren zu sein. Deswegen wurden die Bauern ausgepresst, deswegen wurden Museumsschätze verkauft, Rohstoffe und Geld in den Westen gepumpt. Diese Priorität zeigte sich auch in der Zuteilung der Lebensmittelkarten, die keineswegs sozial Schwachen half, sondern außer Militärs und der Parteielite Industriearbeiter und Ingenieure mitsamt Familienangehörigen begünstigte, während Bauern und deren Kinder leer ausgingen.

Das Torgsin war jedoch auch ein Gleichmacher. Denn nachdem die Revolution die alten Eliten zerstört hatte, nahm der Devisenladen unterschiedslos allen ihre Ersparnisse ab. Außerdem bremste sein Erfolg den Export von Getreide, das – zum dreifachen Preis – Sowjetbürgern zugutekam und Menschen rettete. Osokina zitiert eine Passage aus der Autobiographie des in einem sibirischen Dorf aufgewachsenen Schriftstellers Viktor Astafjew, „Die letzte Verneigung“, worin er schildert, wie er das Jahr 1933 nur deshalb überlebte, weil seine Familie das letzte Andenken an seine tragisch verstorbene Mutter, ihre goldenen Ohrringe, in einem Büro namens Torgsin einlöste. Dessen Name sei, so Astafjew, von den Dorfbewohnern fortan geradezu ehrfürchtig ausgesprochen worden.

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