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Vom Sinn der Geschlechter : Das seltsame Verhalten zur Paarungszeit

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Er will, sie noch nicht: Das ist ein typischer Zielkonflikt quer durchs Tierreich. Bild: Getty

Etwas muss dran sein am Sex. Jedenfalls hat sich der Austausch von Körperflüssigkeiten zwecks Fortpflanzung praktisch überall im Tierreich durchgesetzt. Warum? Das ist Forschern bis heute ein großes Rätsel.

          Blattläuse haben es einfach. Wenn ihnen im Frühjahr nach Fortpflanzung zumute ist, gebären die Weibchen ohne Zutun eines Männchens Nachwuchs. Bis zu zehn Töchter am Tag kommen so zur Welt - lauter kleine, genetisch identische Kopien, die schon bald selbst zu jungfräulichen Müttern werden. Wo zunächst nur eine Laus saugte, drängt sich bald eine ganze Kolonie, die rein rechnerisch nach einer Saison Abermillionen von Individuen umfassen kann. Die Vorteile dieser Parthenogenese, wie sie im Fachjargon heißt: Durch den Verzicht auf Männchen, die eben keinen Nachwuchs gebären, verdoppeln Blattläuse ihre Vermehrungsrate und nutzen so ihre im Frühjahr im Saft stehenden Wirtspflanzen optimal aus. Natürliche Feinde wie Marienkäfer oder Florfliegen kommen dagegen nicht an.

          Trotzdem ist eine rein ungeschlechtliche Fortpflanzung im Tierreich die große Ausnahme. Nach etlichen jungfräulich gezeugten Generationen geht selbst die Blattlaus in Form geflügelter Weibchen und Männchen zur gleichen umständlichen, kräftezehrenden und ineffizienten Fortpflanzungsmethode über, wie sie die überwältigende Mehrheit der Tier- und Pflanzenarten praktiziert: Sex.

          Der enorme Aufwand, den Organismen betreiben, um Spermium und Eizelle zu vereinen, ist Thema der Kurzfilmserie „Green Porno“ der Schauspielerin und Filmemacherin Isabella Rossellini aus dem Jahr 2008. Die auf Youtube zu sehenden Clips machen deutlich, dass das Liebesleben des Homo sapiens, verglichen mit dem, was die Evolution für andere Spezies in petto hatte, gar nicht so außergewöhnlich ist. Rossellini zwängt sich dafür in kunstvolle Regenwurm-, Libellen- oder Seepockenkostüme und schildert das jeweilige Paarungsverhalten in der Ich-Form.

          Für Männchen geht es häufig böse aus

          Da ist zum Beispiel der bis zum Achtfachen der Körperlänge messende Penis der Seepocken, mit dem diese sesshaft lebenden Krebstiere ihre Umgebung nach möglichen Sexualpartnern abtasten. Oder die Gottesanbeterin, die noch während der Paarung den Kopf ihres Auserwählten verspeist, während sein Hinterleib dank dezentralisiertem Nervensystem den Akt zu Ende bringt. Ähnlich unerfreulich endet der Verkehr für den Drohn der Honigbiene: Während des Hochzeitsflugs reißt sein Begattungsorgan ab und bleibt als Stöpsel, der Konkurrenten von weiteren Paarungen abhalten soll, in der Geschlechtsöffnung der Jungkönigin stecken. Selbstaufgabe bedeutet die Liebe für das zwergenhafte Männchen des Anglerfischs: Hat es eine Partnerin gefunden, beißt es sich an deren Bauch fest und verwächst langsam mit ihr, degeneriert zu einem samenspendenden Anhängsel.

          Wozu der Aufwand? Wozu das ewige Hin und Her von Mann und Frau, das Rein und Raus komplizierter Begattungsorgane und das Auf und Ab von Sexualhormonen und Emotionen? Warum gehen praktisch alle Tiere früher oder später zum Austausch von Körperflüssigkeiten über, anstatt sich asexuell fortzupflanzen? Warum verabschieden sie sich im Zuge der Reifeteilung ihrer Keimzellen von der Hälfte ihres eigenen Erbguts, nur um es nach aufwendiger Partnersuche wieder vervollständigen zu lassen?

          „Sex ist das größte ungelöste Rätsel der Evolution“, sagt Manfred Milinski, der sich als einer der Direktoren am Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön mit der Suche nach Erklärungen beschäftigt. „Als Darwinisten gehen wir davon aus, dass die extreme Verbreitung der sexuellen Fortpflanzung über geschätzte 99,9 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten hinweg die Folge natürlicher Auslese sein muss. Sie muss also einen Selektionsvorteil bieten, der den Nachteil der halbierten Vermehrungsrate und all die anderen Kosten sexueller Fortpflanzung aufwiegt.“

          Die Mischung macht es nicht allein. Es muss noch andere Gründe geben.

          Tatsächlich sorgt die Durchmischung und Neukombination väterlicher und mütterlicher Gene während der Reifeteilung dafür, dass schädliche Mutationen, die sich im Laufe der Zeit im Erbgut anreichern, immer wieder aus einer Population verschwinden. Die wenigen bekannten sich rein parthenogenetisch fortpflanzenden Tierarten - darunter Vertreter von Rädertierchen und Krebsen, aber auch Fischen und Reptilien - befinden sich demnach in einer Sackgasse der Evolution. Dieser Effekt macht sich jedoch erst nach vielen Generationen bemerkbar, kann also kein Antrieb gewesen sein, denn alles beginnt mit dem individuellen Fortpflanzungserfolg.

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