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Vierschanzentournee : Sieger Schlierenzauer

  • -Aktualisiert am

Doppelsieger: Gregor Schlierenzauer (rechts) gewinnt die Tournee, Thomas Morgenstern das abgebrochene Springen in Bischofshofen Bild: REUTERS

Gregor Schlierenzauer gilt als Jahrhundert-Talent. Viele sportliche Ziele gibt es für den Skispringer aus Österreich nach dem Sieg bei der Vierschanzentournee nicht.

          3 Min.

          Unten im Ziel wehten die rot-weiß-roten Fahnen, als Gregor Schlierenzauer seiner erfolgreichen Karriere einen weiteren Höhepunkt hinzufügte und gleichzeitig die österreichische Erfolgsgeschichte bei der Vierschanzentournee fortsetzte. Aber der Hauptdarsteller der Siegerparty war erst einmal nur auf der Videoleinwand zu sehen.

          Erst später tauchte er nach dem Abbruch des zweiten Durchgangs im Auslauf auf, dann herzte er seine Familie. Die Eltern, die Freundin, die Geschwister, und dieses Mal auch der Manager und Onkel Markus Prock, früherer Rodel-Weltmeister. Sie alle haben mitgefiebert und am Ende mitgefeiert. „Ich habe sehr lange für den Tourneesieg gekämpft und jetzt ist dieser große Traum in Erfüllung gegangen“, sagte er. „Ich bin schon oft knapp daran gescheitert, aber ich habe die Nerven und bin bei mir geblieben.“

          Schlierenzauer sicherte sich am Freitag in Bischofshofen mit einem dritten Platz hinter seinem Teamkollegen Thomas Morgenstern und dem Norweger Anders Bardal den Gesamtsieg, als vierter Österreicher nacheinander. Andreas Kofler hat seine Chance auf seinen zweiten Triumph bei der Tournee mit einem missratenen ersten Sprung vergeben und rutschte dadurch in der Gesamtwertung noch auf den dritten Rang hinter Morgenstern ab.

          Die deutschen Skispringen schnitten ähnlich ab wie in Garmisch-Partenkirchen und Innsbruck: Dieses Mal war Richard Freitag aus Aue als bester seiner Mannschaft Zehnter, Maximilian Mechler (Isny) folgte auf Rang 14 und Michael Neumayer (Berchtesgaden) auf dem 17. Platz. Severin Freund verpatzte die Abschiedsvorstellung bei Tournee, blieb als 30. gerade noch in den Punkterängen und behielt den siebten Rang in der Gesamtwertung.

          Gregor Schlierenzauer gewinnt zum ersten Mal die Vierschanzentournee

          Schlierenzauer wurde auf eine harte Geduldsprobe gestellt: Zuerst wurde das Qualifikationsspringen wie schon am Tag zuvor abgebrochen, weil der Schneefall in der Anlaufspur die Skispringer bremste. Im kurz danach angesetzten ersten Durchgang ging lange alles gut, dann stürzte der Tscheche Lukas Hlava nach der Landung. Wieder gab es eine Pause, allerdings nur eine kurze. Hlava musste zwar aus dem Zielraum getragen werden, aber er winkte dabei. Die nächste Unterbrechung gab es im Finaldurchgang, weil der Schneefall wieder stärker geworden war. Nach einer dreiviertelstündigen Pause entschied die Jury, das Finale zu annullieren, den ersten Durchgang zu werten.

          Schlierenzauer wird an diesem Samstag 22 Jahre. Andere stehen in diesem Alter noch am Anfang ihrer Karriere. Der Tiroler denkt zwar noch nicht ans Aufhören, aber es bleiben nicht mehr viele sportliche Ziele. Von seinen 122 Weltcup-Springen bis zur Tournee gewann er 38. Insgesamt stand er 62 Mal auf dem Siegerpodest, und nur dreimal in seiner Karriere verpasste er den finalen Durchgang. Er ist Weltmeister und Olympiasieger, hat den Gesamtweltcup gewonnen und nun endlich auch die Vierschanzentournee.

          Zwar wurde es nichts mit dem Vierfachsieg auf allen Schanzen, der Österreicher ist dennoch glücklich

          „Er hat so etwas wie das absolute Gehör: ein unerklärliches, vielleicht auch untrainierbares Gefühl für das, was zur Verfügung steht auf einer Schanze“, erklärt Österreichs ehemaliger Sportdirektor Toni Innauer. Cheftrainer Alexander Pointner sagt, „der Gregor spielt regelrecht mit der Luft“. Mit 16 Jahren kam Schlierenzauer, wie es der damalige deutsche Cheftrainer Peter Rohwein formulierte, „wie eine Rübe aus dem Boden geschossen, und keiner weiß, warum“.

          Die österreichischen Trainer wussten es schon, denn der Schüler des Stamser Skigymnasiums war in der Saison zuvor bereits Junioren-Weltmeister geworden und hatte sich mit guten Leistungen für die Beförderung in den Weltcup-Kader empfohlen. „Ich will einmal der beste Skispringer der Welt sein“, sagte Schlierenzauer damals. Dass er diesem Ziel auf Anhieb sehr nahe kam, war aber dann doch überraschend. Er gewann in seinem Premieren-Winter fünf Weltcupspringen, die Branche sprach von einem Jahrhunderttalent.

          Das Springen musste aufgrund der schwierigen Verhältnisse immer wieder unterbrochen werden

          Er hält sich seither an der Spitze, das ist allein deshalb außergewöhnlich, weil er erst einmal jedes Jahr ein paar Zentimeter gewachsen ist. „Ich war einer der wenigen, der in jedem der vergangenen Jahre wieder eine andere Skilänge springen musste.“ Sein herausragendes Fluggefühl half Schlierenzauer dabei, gleichzeitig verbesserte er seine Sprungkraft, weshalb ihm Pointner attestiert: „Er ist ein kompletter Skispringer.“

          Die bisher vielleicht wichtigste Saison war die vergangene. Die hatte nicht gut begonnen für Schlierenzauer, er stürzte im Training in Seefeld unglücklich und erlitt einen Anriss des Innenbandes im rechten Knie. Aber statt zu resignieren, die Vierschanzentournee oder gar die WM im März in Oslo abzuhaken, arbeitete er wie ein Besessener an seinem Comeback. Er verpasste nur die ersten beiden Springen der Tournee, kehrte in Innsbruck zurück und ließ sich von zunächst mäßigen Resultaten nicht aus der Ruhe bringen. Als er am Holmenkollen Gold von der Großschanze holte, war er zu Tränen gerührt. „Diese Saison ist unglaublich wertvoll für mich“, sagte er, „ich habe so hart arbeiten müssen. Ich glaube, jetzt komme ich noch stärker zurück.“

          Selbst FIS-Direktor Walter Hofer (links) legte Hand an - es nützte nichts: Abbruch

          Stärker und vor allem etwas lockerer. Schlierenzauer stellte fest, dass ihm ein wenig Ablenkung guttut. Seit Sommer arbeitet er gelegentlich in einer Werbeagentur als Webdesigner, schon davor hatte er in seiner kargen Freizeit zu fotografieren begonnen. „Manchmal ist Skispringen ein hartes Business, man ist immer in dem Trott drin, um wie eine Maschine Leistung zu zeigen, da wünscht man sich schon mal Abstand, Normalität.“

          Diese Erkenntnis half nicht nur ihm, sondern auch den Kollegen und Trainern. „Der Gregor hat früher Ecken und Kanten gezeigt und sich damit oft das Leben schwer gemacht“, sagt Pointner. „Jetzt denkt er nicht mehr nur an sich, sondern lässt auch die Leute um ihn herum leben.“ Um Geld und Titel gehe es ihm nicht, sagt Schlierenzauer. „Ich bin süchtig nach dem perfekten Sprung.“ Auf den vier Stationen dieser Vierschanzentournee ist ihm der nicht immer gelungen, aber auf jeden Fall ein paar Mal.

          Vierschanzentournee-Gesamtwertung

          1. Gregor Schlierenzauer (Österreich) 933,8 Punkte
          2. Thomas Morgenstern (Österreich) 908,0
          3. Andreas Kofler (Österreich) 896,9
          4. Anders Bardal (Norwegen) 895,0
          5. Roman Koudelka (Tschechien) 881,2
          6. Daiki Ito (Japan) 852,1
          7. Severin Freund (Rastbüchl) 843,4
          8. Kamil Stoch (Polen) 843,0
          9. Taku Takeuchi (Japan) 842,6
          10. Richard Freitag (Aue) 820,4

          ...16. Stephan Hocke (Schmiedefeld) 783,0
          23. Maximilian Mechler (Isny) 660,0
          27. Michael Neumayer (Berchtesgaden) 596,0
          37. Andreas Wank (Oberhof) 439,9
          52. Martin Schmitt (Furtwangen) 191,1
          54. Markus Eisenbichler (Siegsdorf) 187,1
          65. David Winkler (Winterberg) 84,5

          Ergebnis des vierten Springens in Bischofshofen:

          1. Thomas Morgenstern (Österreich) 138,7 Pkt. (135,0 Meter);
          2. Anders Bardal (Norwegen) 136,5 (135,0)
          3. Gregor Schlierenzauer (Österreich) 128,4 (131,0)
          4. Robert Kranjec (Slowenien) 126,8 (129,0)
          5. Daiki Ito (Japan) 126,2 (130,5)
          6. Roman Koudelka (Tschechien) 124,0 (129,5)
          7. Michael Hayböck (Österreich) 123,9 (135,0)
          8. Dmitri Wassiljew (Russland) 123,1 (130,0)
          9. Kamil Stoch (Polen) 121,9 (129,0)
          10. Richard Freitag (Aue) 119,0 (125,5)

          ...14. Maximilian Mechler (Isny) 117,0 (126,0)
          17. Michael Neumayer (Berchtesgaden) 115,2 (125,5)
          30. Severin Freund (Rastbüchl) 105,4 (120,5)
          31. Andreas Wank (Oberhof) 105,0 (118,0)
          44. Stephan Hocke (Schmiedefeld) 90,4 (110,5)

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