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Skispringer Severin Freund : Mit Courage gegen die Strahlemänner

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So schön fliegen nur wenige: In der Luft ist Severin Freund ganz in seinem Element Bild: dpa

Severin Freund will bei der Vierschanzentournee die Glückssträhne der Österreicher durchbrechen. Der Skispringer schielt vor dem Auftakt in Oberstdorf auf den Gesamtsieg. Freund hat noch eine Rechnung offen.

          Das Warten hat ein Ende. Über Nacht verwandelte ein Kälteeinbruch das Allgäu dann doch noch in eine Winterwunderlandschaft wie aus einem Werbeprospekt. Bis zu einem halben Meter Neuschnee fiel aus heiterem Himmel. Die weiße Pracht wird beim Eröffnungsspringen der Vierschanzentournee in Oberstdorf an diesem Sonntag (16.30 Uhr / Live in der ARD, bei Eurosport und im Vierschanzentournee-Ticker bei FAZ.NET) für eine stimmungsvolle Kulisse sorgen.

          Für die Skispringer bedeutet der Klimaumschwung eine zusätzliche Herausforderung, die es zu meistern gilt. Sofern die Meteorologen recht behalten, wird der Auftakt auch deswegen eine knifflige Sache, weil der Temperatursturz die Thermik beeinflusst und in der Region rund um das Nebelhorn an diesem Sonntag mit starken Windböen gerechnet werden muss. Es wäre nicht das erste Mal, dass das Wetter in dieser Sportart maßgeblich über Erfolg und Niederlage mitentscheiden würde.

          Severin Freund kann kaum abwarten, dass es endlich losgeht. Der Sechsundzwanzigjährige fühlt sich so gut vorbereitet wie noch nie auf die Traditionsveranstaltung, deren 63. Auflage ansteht. „Ich habe definitiv das Zeug zum Gesamtsieg.“ In der Qualifikation zum Auftaktspringen wurde Freund mit 135 Metern Zwölfter. Im K.o-Duell trifft er diesen Sonntag auf den Russen Dimitri Wassiljew. „Schlagbar“, urteilte Freund.

          Er will bei der Vierschanzentournee auch die Seriensieger der vergangenen Jahre aus Österreich mit ihren Strahlemännern in die Schranken weisen. Freund möchte die Austria-Glückssträhne durchbrechen. Zwei Podestplazierungen und ein erster Platz in dieser Weltcupsaison bestätigten ihn in der Gewissheit, dass „alles nach Plan“ läuft. „Wenn die Chance da ist, will ich sie ergreifen“, sagte er nach der Rückkehr aus dem kurzen Weihnachtsurlaub.

          „Ente mit Maronenpüree und Apfelkirschsoße“

          Die freien Tage vor dem stressigen Dienstausflug rund um Silvester verbrachte er zu Hause in München mit Freundin und Familie, in deren Kreis er „den Kopf frei bekam“, wie er es formulierte, und für die er sich selbst hinter den Herd stellte. Sein Menü: „Ente mit Maronenpüree und Apfelkirschsoße“.

          Freund gehört zum aktuellen Jahrgang der Skispringer. Von der Vorgängergeneration, die jede überflüssige Kalorie zählte und sich zu Diäten zwang, um mit weniger Gewicht mehr Weite zu machen, unterscheidet er sich nicht allein aufgrund seiner Figur. Er ist 1,85 Meter groß und rund 70 Kilogramm schwer.

          „Ich habe noch eine Rechnung offen“: Diesmal will Freund es wissen

          Sein momentanes Selbstvertrauen hat er sich hart erarbeitet. Was im Idealfall wie ein spielend leichtes Dahingleiten durch die Lüfte ausschaut, ist das Resultat vieler Monate der Vorbereitung. Freund, der nebenbei Sportmanagement studiert, gehört aufgrund seiner Wissbegierde zu den Musterschülern von Bundestrainer Werner Schuster.

          Mit seinem Fleiß gleicht er Defizite aus, die er aufgrund seiner Statur gegenüber kleineren und leichteren Konkurrenten wettmachen muss. Bei Freund kommt es vor allem in der Millisekunde am Schanzentisch darauf an. Gelingt es ihm, sich aus der Hocke kraftvoll in die Höhe zu katapultieren, ist er nur schwer zu bremsen. Seine Technik, wie er in der kurzen Flugphase die Ski steuert, gilt als mustergültig. Bei der Landung gehört er zu den Stilisten, die oft beste Haltungsnoten einheimsen.

          „Severin hat sein System beisammen“

          Seit Schuster 2008 die Verantwortung beim Deutschen Skiverband übernahm, geht es auch mit Freund kontinuierlich aufwärts. Vorläufiger Höhepunkt der Entwicklung: seine Kunststücke im zurückliegenden Frühjahr.

          Zunächst führte er bei Olympia in Sotschi die Mannschaft zu Gold und bewies dabei im letzten Sprung Nervenstärke, als er trotz ungünstigen Rückenwinds weit hinab ins Tal segelte und dabei die entscheidenden Zentimeter in der Abrechnung herausholte, die den Coup vor dem Team Austria sicherten. Vier Wochen darauf wurde er zudem Weltmeister auf der Skiflugschanze von Planica. „Unsere Arbeit trägt Früchte“, urteilte Schuster, „Severin hat sein System beisammen.“

          Der Deutsche will die Dominanz der Österreicher durchbrechen

          Die Höchstleistungen haben Freund weiter reifen und noch willensstärker werden lassen. Mit der Bestätigung, dass er nichts und niemanden fürchten muss, ist die Last der Erwartung weg, die bisweilen wie ein schwerer Rucksack auf den Nachfolgern der Überflieger Sven Hannawald und Martin Schmitt lastete. Hannawald war es, der 2002 auf dem Weg zu seinem Tournee-Grand-Slam den bis heute letzten deutschen Sieg in Oberstdorf bejubelte.

          Freund traut er zu, ihm an diesem Wochenende nachzueifern, wenn er sich nicht von der zu erwartenden Jubelstimmung in der Arena verleiten lasse, wie Hannawald mahnte. Zum erweiterten Favoritenkreis gehörte Freund bei der Tournee schon öfter, am Ende standen immer Enttäuschungen zu Buche; der siebte Platz ist sein bis heute bestes Ergebnis.

          Stundenlanges Tüfteln im Materialcontainer

          An Rivalen mangelt es beim nächsten Anlauf abermals nicht: Der viermalige Olympiasieger Simon Ammann aus der Schweiz, Weltcup-Spitzenreiter Anders Fannemel (Norwegen) oder der dreimalige Saisonsieger Roman Koudelka aus Tschechien werden ebenfalls hoch gehandelt. Und dann gibt es natürlich noch die Österreicher um Gregor Schlierenzauer. Doch Freund gibt sich furchtlos: „Es gibt keinen, der sich in so eine Position gebracht hat, dass man Angst vor ihm haben müsste.“

          Bevor ihn Schuster unter seine Fittiche nahm, gehörte er zu den talentierten Typen der Szene, die stundenlang im Materialcontainer tüftelten - und wenn es sich nicht in erhofften Resultaten niederschlug, beim nächsten Mal noch mehr grübelten. Die Nachdenklichkeit ist Coolness gewichen. In den Schanzentürmen stehen für alle Athleten in den Warteräumen Snacks bereit, die die bangen Momente vor dem Abflug versüßen können.

          Schon beim ersten Springen in Oberstdorf will er in die richtige Spur finden

          Auch Freund bekam dort vor lauter Anspannung früher keinen Bissen herunter. Heute greift er zu Bananen und Müslischnitten. Und sein Erfolgshunger ist noch nicht gestillt. Er habe, sagt er, mit der Vierschanzentournee „noch eine Rechnung offen“. Um sie zu begleichen, könnte gerade ein besonders günstiger Zeitpunkt gekommen sein.

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