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Vierschanzentournee : Ein Freund, ein guter Freund

Das sieht doch gut aus: Severin Freund führt bei der Vierschanzentournee nach dem ersten Springen. Bild: dpa

Besser war der deutsche Vorspringer nie. Sein Erfolg zum Auftakt der Vierschanzentournee macht Lust auf mehr. Doch das Wetter spielt eine wichtige Rolle bei der Frage, wer am Ende ganz vorne landet.

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          Die Rolle des stillen Beobachters ist ihm über die Jahre vertraut geworden. Daran änderte Werner Schuster auch nichts. Nur dass er sie dieses Mal genussvoll auskosten konnte. Nach dem Sieg von Severin Freund zum Auftakt der Vierschanzentournee stand der Bundestrainer im „Oberstdorf-Haus“, wo sein Athlet der internationalen Presse zu erklären versuchte, wie er der Konkurrenz davongeflogen war, am Rande des Geschehens im „Kleinen Festsaal“ und suchte ebenfalls nach den richtigen Worten für seinen Auftritt.

          In der Vergangenheit musste der 46-Jährige an diesem Ort oft erklären, wieso es nicht wunschgemäß gelaufen war. Davon konnte am Dienstagabend keine Rede sein - und als der Coach zu vorgerückter Stunde das Podium bestieg, während Freund draußen auf dem Markplatz noch geduldig die Wünsche der Autogrammjäger erfüllte, nahm das Lob über seinen Vorzeige-Springer schwärmerische Züge an.

          „Heute ist ein phantastischer Tag für das deutsche Skispringen“, jubilierte der aus Österreich stammende Schuster, „und besonders für Severin. Er hat es sich verdient.“ Der 27 Jahre alte Münchner sei in einer Verfassung, die ihn, Schuster, optimistisch an die kommenden Prüfungen dieser Veranstaltung denken ließen, die an Neujahr in Garmisch-Partenkirchen (14.00 Uhr / Live im ZDF, bei Eurosport und im Vierschanzentournee-Ticker bei FAZ.NET) fortgesetzt wird. Dort ließ Freund am Silvestertag die Qualifikation aus nach zwei starken Trainingssprüngen. „Es war in den vergangenen Jahren nicht selbstverständlich, dass ich hier so gut gesprungen bin im Training. Das war das Ziel für heute, das habe ich geschafft. Deshalb bleibt nicht mehr viel übrig für die Quali“, begründete Freund seinen Verzicht.

          Freund, der in Oberstdorf schon so manche dunkle Stunden erlebte und damit früh alle Chancen bei der Tournee eingebüßt hatte, sei diesmal alles zuzutrauen. „Er weiß, was er kann, das ist am wichtigsten“, sagte Schuster, der es als seine wichtigste Aufgabe bezeichnete, „dass wir alles versuchen, die Qualität, die Severin gerade im zweiten Durchgang gezeigt hat, mitzunehmen und auf die nächste Schanze zu bringen“. Dann könne „eine Eigendynamik entstehen“ - und Freund (307,2 Punkte) mit Blick auf die Gesamtwertung „richtig Druck machen“. Noch liege in der Punktewertung alles dicht beisammen, deswegen „dürfen wir nicht überbewerten, was heute passiert ist“, sagte Schuster mit Blick auf seinen zweitplazierten Landsmann Michael Hayböck (304,2) und den Slowenen Peter Prevc (299,9), der als Favorit angetreten war und selbst „ein bisschen enttäuscht war“, dass es für ihn nur zum dritten Platz reichte.

          Glänzende Aussichten: Severin Freund siegt zum Auftakt der Vierschanzentournee. Bilderstrecke

          Der letzte deutsche Tournee-Triumph liegt bis 2002 zurück, als Sven Hannawald sogar der „Grand Slam“ glückte. Gedanken an die Wiederholung eines solchen Höhenflug verbieten sich laut Freund zum gegenwärtigen Zeitpunkt. „Unglaublich“ und „grandios“ nannte er seine Leistung, die ihn aber nicht überraschte: „Unsere Vorarbeit war gut, und ich wusste, dass ich gut springe und es sich entwickeln kann“, sagte er nach seinem 21. Weltcup-Sieg.

          Der Bayer hinterließ einen Eindruck tiefster Gelassenheit, die er sich auch durch manchen Rückschlag erarbeitet hat – und die im Gegensatz zu einigen Konkurrenten nicht gespielt wirkt. Seine innere Ruhe könnte sich bei dem, was jetzt noch ansteht, als Trumpfkarte entpuppen. Freund weiß, dass die Erwartungen noch ein Stück gestiegen sind. Er will mit der Situation entspannt umgehen. Seine Selbstsicherheit in Stressmomenten bescherte ihm schon den Team-Olympiasieg, den WM-Titel und den ersten Platz im Gesamt-Weltcup. Beweisen muss er sich nichts mehr, das lässt ihn den Druck ertragen: „Die Tournee ist etwas Besonderes. Du musst es freigeben und hoffen, dass die Form stimmt.“

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          2007/08 war Freund das erste Mal mit von der Partie gewesen und in der Gesamtwertung als 39. weit abgeschlagen gelandet. Der Durchbruch gelang 2011, als er in Oberstdorf Vierter wurde und sich in der Schlussbilanz auf den siebten Rang vorschob; diese Plazierung blieb bis heute sein bestes Endresultat, obwohl seine Karriere danach richtig Schwung aufnahm. „Jedes Jahr macht einen reifer. Selbst für mich, der eine recht kontinuierliche Entwicklung genommen hat, gab es immer wieder Hochs und Tiefs“, erzählte Freund. „Man analysiert die Niederlagen, wo man besser werden kann, und guckt auf die Erfolge, wie sie entstanden sind.“

          Für Schuster ist Freund, den er zu Beginn der Zusammenarbeit 2008 als zurückhaltendes Talent kennenlernte, mittlerweile vom einstigen „Testpiloten“ zum „Anführer“ gereift. Freund sei anfangs nur im hinteren Drittel der Leistungsstärke des Kaders einzuordnen gewesen: „Er musste ein paar neue Bindungen probieren, das hat ihm geholfen. Er ist dann immer kompletter geworden im Gesamtpaket.“ Freund betreibe sein Handwerk, das er als Skispringer benötige, „extrem akribisch“, betonte Schuster. „Deshalb ist es ein Geschenk, solch einen Athleten zu haben, denn er strahlt auch auf die Mannschaft aus.“

          Wohin der Weg für ihn und das Team führen wird, wagte auch Schuster noch nicht zu prophezeien. Nur so viel deutete er an: „Das Momentum ist auf unserer Seite.“ Aber er sagte ebenfalls: „Wer weiß, was noch alles passiert.“ Auch die Witterungsbedingungen spielten bei der Frage, wer bei der Abrechnung am 6. Januar in Bischofshofen die Konkurrenz von oben grüße, eine wichtige Rolle: „Wir hatten bislang eine Schönwetterperiode, das kann kippen“, sagte Schuster.

          Sollten es tatsächlich nur die aktuell frühlingshaft anmutenden Temperaturen sein, die sich zum Schlechteren verändern, werden der Bundestrainer und Freund über diesen Schönheitsfehler bei der Tournee 2015/16, die so vielversprechend begann, in den kommenden Tagen garantiert großzügig hinwegsehen.

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