https://www.faz.net/-gtl-7y0hi

Deutsche Skispringer : Reif für ein großes Ding

  • -Aktualisiert am

Gelingt dieses Mal bei der Vierschanzentournee der große Triumph für die Deutschen? Bild: dpa

Unter Bundestrainer Schuster  entwickelten sich die deutschen Skispringer kontinuierlich – bis hin zum Mannschaftsgold in Sotschi. Nur bei der Vierschanzentournee sind sie bislang leer ausgegangen.

          3 Min.

          Am Sonntagabend sind die deutschen Skispringer unverrichteter Dinge wieder in ihr Oberstdorfer Quartier zurückgekehrt. Aber allesamt mit einer großen Portion Erleichterung. Jetzt ist die Planung und Logistik bei der Vierschanzentournee zwar gleich am Anfang gehörig durcheinandergewirbelt worden, aber bei diesem Wetter mit Schneefall und böigem, unberechenbarem Wind mit Gewalt ein Springen durchzuziehen, wäre unverantwortlich gewesen.

          Da muss man nur mal Marinus Kraus fragen. Dem Team-Olympiasieger wäre eine tückische Böe fast zum Verhängnis geworden. Einen Sturz konnte das 60-Kilo-Leichtgewicht nur mit einer akrobatischen Einlage vermeiden. „Es war Horror pur. Ich hatte Glück, dass ich nicht auf die Nase gefallen bin“, sagte er. Und er hätte schon fast alle Chancen auf eine Top-Plazierung im Gesamtklassement eingebüßt. Da kommt so ein Abbruch wie gerufen. Also abhaken, alles wieder auf Null stellen, eine Nacht schlafen, und wieder einen neuen Anlauf nehmen. Wieder in Oberstdorf.

          Da trifft es sich ganz gut, dass sich der Deutsche Skiverband (DSV) diesmal für ein Quartier fernab des Trubels entschieden hat, um sich ganz konzentriert auf den vorläufigen Wettkampfhöhepunkt dieses Winters vorzubereiten: Bundestrainer Werner Schuster möchte mit seiner Mannschaft endlich mal wieder bei der Vierschanzentournee um den Gesamtsieg mitspringen. Dafür hat er seine Athleten vor dem Beginn in Oberstdorf so gut es ging von der Öffentlichkeit abgeschottet.

          Schusters Trainingssteuerung zeigte in den vergangenen Jahren oft die gewünschte Wirkung. Seit 2008 ist der gebürtige Kleinwalsertaler Chefcoach des DSV und bis heute brachten er und die Springer von allen Großereignissen Medaillen mit. Nur bei der Vierschanzentournee klappte es trotz bester Vorleistungen überhaupt nicht; im vergangenen Jahr belegte Andreas Wellinger, der nach seinem schweren Sturz Anfang Dezember in Kuusamo diesmal ausfällt, als bester Deutscher beim Triumph des Österreichers Thomas Diethart den zehnten Rang.

          „Jetzt arbeiten alle an einem Ziel“

          Wieder eine Enttäuschung. „Das nagt an uns“, sagte Schuster, der zudem ergänzte: „Dass wir es noch nicht hinbekommen haben, liegt an uns. Wir hatten einige gute Anläufe, konnten es aber nicht durchziehen.“ Das soll sich 2014/2015 ändern. Schuster wähnt die DSV-Auswahl nach „bestem Wissen und Gewissen vorbereitet“.

          Mit seinem Schritt vor wenigen Wochen, seinen im kommenden Sommer auslaufenden Vertrag bis 2019 zu verlängern, sorgte der 45-Jährige für Planungssicherheit. Dabei hätten die Österreicher dem „verlorenen Sohn“ gern wieder Verantwortung übertragen. Doch die Offerte des Skiverbandes, Nachfolger von Cheftrainer Alexander Pointner zu werden, lehnte Schuster ab. Vor seinem Wechsel zu den „Piefkes“ arbeitete er unter anderem an der Akademie in Stams in Tirol, aus der regelmäßig Skisprungstars des Team Austria hervorgehen: zuletzt Diethart, davor Schlierenzauer oder Morgenstern.

          Bundestrainer Werner Schuster hat die Deutschen wieder in die Spitze geführt

          Schuster hat viele Ausbildungskonzepte aus früheren Tagen zu seinem neuen Arbeitgeber mitgenommen, nach und nach auch einige alte Weggefährten in seinen Betreuerstab beim DSV eingebunden. Mittlerweile wird der Nachwuchs an allen Leistungszentren nach seinen einheitlichen Lehrplänen unterrichtet, findet eine kontinuierliche Kommunikation statt. „Jetzt arbeiten alle an einem Ziel“, betonte Schuster, die Stimmung habe sich „dramatisch verbessert“.

          Als er seine Entwicklungsarbeit startete, habe er „eine Hypothek von Hannawald und Schmitt übernommen“, die er gemeinsam mit den nachgerückten Springern Wellinger, Severin Freund, Richard Freitag, Andreas Wank, Marinus Kraus oder unlängst Markus Eisenbichler abbaute. „Die jungen Leute mussten erst in ihre Rolle reinwachsen.“ Skispringer müssen ausgeprägte Individualisten sein, doch ihr Ehrgeiz darf nicht soweit führen, dass der Egoismus negativ auf die Kollegen abstrahlt.

          „Zenit hat diese Mannschaft noch nicht erreicht“

          Dieser Spagat in der Kaderführung glückte dem Bundestrainer. Er merkte, dass er Verantwortung „auf mehrere Schultern verteilen“ konnte, weil sie sich „im Team wohler fühlen“. Er ist sicher: „Den Zenit hat diese Mannschaft noch nicht erreicht.“ Wobei Olympia in Sotschi im Frühjahr die Entwicklung noch einmal beschleunigte. Das Gold in der Mannschaftswertung wertet er als Bestätigung und Motivation zugleich: „Für uns war es wichtig zu sehen, dass wir etwas auf der Habenseite haben und jeden Tag die Besten sein können.“

          Da die Skisprung-Welt ziemlich überschaubar ist, begegnen sich Experten und Anfänger der Branche auf den wenigen Schanzen regelmäßig während der Trainingseinheiten - und beäugen sich kritisch. Was Schuster jüngst sah, bestätigte ihn in seinem Optimismus, mit dem er den kommenden Monaten bis zur Nordischen Weltmeisterschaft im Februar in Falun (Schweden) entgegenblickt. Er gewann früh den Eindruck, „dass wir in dieser Saison mit unseren Springern dagegenhalten können“.

          Vor allem auf Severin Freund ruhen die deutschen Hoffnungen

          Es sei ein beruhigendes Gefühl, dass „wir einige haben“, die für Siege in Betracht kämen, was die Erfolge von Severin Freund Anfang Dezember im russischen Ort Nischni Tagil und Richard Freitag eine Woche später in Engelberg belegen. Bei der Tournee will die DSV-Crew nun demonstrieren, dass sie reif ist für „ein großes Ding“, wie es Schuster blumig ausdrückte.

          Er hofft, dass es auch mit einem Tag Verzögerung auf Anhieb gelingt „mit einem guten Start auf die Welle aufspringen“. Wenn nicht, bleiben noch drei Gelegenheiten zur Kurskorrektur. Die Tournee, betonte der Bundestrainer, habe schließlich eine „spezielle Eigendynamik“. Der Blick in die Statistik verspricht dabei anhaltende Spannung: Lediglich 23 der bislang 62 Gesamtsieger landeten auch gleich zum Auftakt ganz vorn.

          Weitere Themen

          Graue Tage, weißer Elefant

          Nationalmannschaft : Graue Tage, weißer Elefant

          Vor den letzten EM-Qualifikationsspielen sehen sich die deutschen Nationalspieler als „bunter Haufen mit geilen Typen“. Bundestrainer Löw dagegen beklagt den Entwicklungsrückstand – und der abwesende Hummels ist ständig präsent.

          Hart und vernichtend

          Duell der SPD-Kandidaten : Hart und vernichtend

          Scholz zieht den Säbel, Geywitz sekundiert: Ihre Gegner, Esken und Walter-Borjans, Lieblingskandidaten der Jusos, sehen im direkten Duell der SPD-Spitzenkandidaten blass aus. Ein Abend im Willy-Brandt-Haus.

          Topmeldungen

          Die Diplomaten George Kent (links) und William Taylor (rechts) im großen Ausschusssaal im Longworth-Building des Repräsentantenhauses in Washington

          Ukraine-Affäre : Taylor belastet Trump

          Mit der öffentlichen Anhörung von Kent und Taylor hat eine neue Phase der Impeachment-Ermittlungen gegen Präsident Trump begonnen. Botschafter Taylor fügt seiner früheren Aussage eine Ergänzung hinzu, die aufhorchen lässt.

          Abwahl Brandners : Hetzen als System

          Der Rechtsausschuss hat seinen Vorsitzenden Stephan Brandner abgewählt. Seit Jahren beschimpft der AfD-Politiker alle politischen Gegner – und zeigt dabei eine Vorliebe für sexuell aufgeladene Pöbeleien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.