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Reit-EM in Aachen : Gibt es einen Holland-Faktor?

  • -Aktualisiert am

Sieg für die Niederlande: Jeroen Dubbeldam jubelt in Aachen. Bild: dpa

Oranje ist Trumpf: Die Niederländer sichern sich bei der EM in Aachen die drei spektakulärsten Mannschaftstitel im Reiten. Das Ergebnis lässt vor allem die großen Deutschen grübelnd zurück.

          Eigentlich sollten die Multi-Europameisterschaften in Aachen ja ein goldenes Heimspiel des deutschen Pferdesports werden. Stattdessen leuchten sie orange. Am Schlusstag lüftete Jeroen Dubbeldam nach zwei weiteren Null-Fehler-Runden mit ehrfürchtiger Miene seinen Helm im Vollgefühl seines historischen Erfolgs. Der 42 Jahre alte Niederländer ist nach dem Finalsieg vom Sonntag neben Hans Günter Winkler der einzige Springreiter, der in seiner Karriere Europameister, Weltmeister und Olympiasieger wurde.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Ein monumentaler Erfolg, zumal er zuvor auf seinem nervösen Wallach Zenith schon seine Mannschaft zur Goldmedaille geführt hatte. Damit haben sich die Niederlande bei diesen Europameisterschaften in Aachen die drei spektakulärsten Mannschaftstitel gesichert, neben dem Springen auch in der Dressur und im Vierspänner-Fahren. Die Stadt am Dreiländereck schien für fast zwei Wochen hippologisch von Holland eingemeindet.

          Und das ist der zweite Streich in zwei Jahren. Schon im vergangenen Jahr waren Dubbeldam und die Equipe des kleinen Nachbarlandes in der Normandie Weltmeister geworden und ließen die großen Deutschen grübelnd zurück. Wieso nicht sie, die doch genauso starke Reiter und Pferde haben? Gibt es einen Holland-Faktor? „So etwas gibt es nicht“, sagt Bundestrainer Otto Becker.

          Doch nach dem zweiten Platz im Nationenpreis, den sie als Niederlage werteten, schafften die Deutschen im Einzelfinale nicht die erhoffte Medaille. Ludger Beerbaum (Riesenbeck), der mit den besten Aussichten gestartet war, leistete sich mit seiner Schimmelstute Chiara in der ersten von zwei Runden einen exklusiven Fehler am Wassergraben - offensichtlich hatte er sich etwas zu stark auf die folgende dreifache Kombination konzentriert. „Ärgerlich“, sagte Beerbaum, „da wäre noch was drin gewesen.“

          „Wir haben ein sehr starkes Teamgefühl“

          Der Ärger sollte noch zunehmen, als er sich in Runde zwei am ersten Sprung einen weiteren Fehler einhandelte. So fiel er auf Rang zwölf zurück. An der Dreifachen endeten auch die Medaillenhoffnungen der anderen deutschen Reiter. Meredith Michaels-Beerbaum mit Fibonacci (Thedinghausen) und Christian Ahlmann mit Taloubet (Marl) belegten am Ende Rang sieben und acht. Und Daniel Deusser mit Cornet d’Amour, der nach dem Fehler an der Dreifachen kurz vor Schluss noch einen weiteren Abwurf hatte, wurde zur zweiten Runde nicht mehr zugelassen. Er hatte einen Steigbügel verloren und mit dem Sporn sein Pferd verletzt.

          „Jeder Sprung ist wichtig“, fasste Ahlmann die Lage zusammen. „Wir hatten hier und da einen Fehler, der nicht sein durfte, wenn man etwas erreichen will. Für den Sieg muss es etwas besser sein.“ Das war schon im Nationenpreis so. Nur ein einziger Abwurf kostete das deutsche Quartett in Aachen das Gold und ließ die Reiter sichtlich hadern. Wieso nur schaffen sie in letzter Zeit die paar Millimeter an die Spitze nicht mehr? Und wieso die Holländer? Allen vier deutschen Paaren waren im Mannschafts-Springen fehlerfreie Umläufe gelungen. Im anderen leisteten sie sich jeweils einen Hindernisfehler. Die Verdienste und die Pannen waren also gleichmäßig verteilt. In Nationenpreisen braucht man aber etwas anderes: viele Null-Fehler-Runden und einen Watschenmann, auf dem man das Pech abladen kann.

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          So wie es die Niederländer machten. Rob Ehrens, ein einstiger Olympia-Reiter und seit elf Jahren Bondscoach, ist zusätzlich einem irrationalen Moment auf der Spur. „Wir sind im Flow“, sagt der 57 Jahre alte Trainer. Offensichtlich schaffen es die Niederländer, sich stärker auf ein Championat auszurichten als andere. „Wir haben ein sehr starkes Teamgefühl“, sagt er. „Natürlich kann das nächstes Jahr wieder anders sein. Es müssen alle günstigen Faktoren zusammenfallen.“ Erzwingen könne man nichts. Tatsächlich strahlten die Niederländer, vorneweg Jeroen Dubbeldam, einen spürbaren Teamspirit aus, während die Deutschen eher wie vier Einzelgänger wirkten.

          Dubbeldam war im Nationenpreis jeweils der erste niederländische Starter. Sein empfindlicher Wallach Zenith weigerte sich immer wieder, die laute Arena zu betreten, und musste erst überzeugt werden. Es folgten trotzdem perfekte Ritte. „Jede Runde brachte ihren eigenen Druck mit sich“, sagte Dubbeldam. „Aber ich wollte der Mannschaft den Spirit mitgeben.“ Und wirklich: Maikel van der Vleuten mit Verdi blieb ebenso fehlerfrei, Jur Vrieling mit Zirocco Blue erlaubte sich nur einen Zeitfehler, den die Deutschen nicht nutzen konnten. Und als der Sieg schon feststand, nahm der letzte niederländische Starter, Gerco Schröder auf Cognac, mit 14 Fehlerpunkten als Streichresultat das ganze Pech auf sich.

          Kein Holland-Faktor bei den Vierspännern

          So also muss es laufen. Aber auch in Aachen waren nicht alle Niederländer so effektiv wie die Springreiter. Der unbesiegbar scheinende Vierspänner-Fahrer Ijsbrand Chardon, der am Samstag mit einem bequemen Vorsprung in den abschließenden Marathon gestartet war, erlaubte sich eine so gemütliche Kaffeefahrt, dass er die Führung verlor, und zwar an den 25 Jahre alten Michael Brauchle, der alles gegeben hatte. Vom Holland-Faktor also diesmal keine Spur. Der Einzel-Europameister der Vierspänner-Fahrer ist ein deutscher Sportsoldat und kommt aus Schwaben.

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