https://www.faz.net/-gtl-a181f

Abschied vom Siegerteam Ineos : Radstar Froome flieht vor der Kapitänsflut

  • -Aktualisiert am

Viermaliger Tour-Sieger: Christopher Froome, hier 2015, verlässt sein Team Bild: dpa

In den Trikots von Sky und Ineos wurde Chris Froome zur prägenden Figur des Radsports. Nun entscheiden sich Team und Profi für einen klaren Schnitt. Bevor das neue Abenteuer beginnt, will sich der Brite noch einen Traum erfüllen.

          3 Min.

          Vor zwei Jahren noch zweifelte niemand daran, dass Chris Froome bald in die Ahnengalerie der Besten seines Sports aufrücken würde: in den elitären Klub der fünfmaligen Tour-de-France-Sieger. Deren einzige Mitglieder bislang die Herren Anquetil, Merckx, Hinault und Indurain sind. Froome hatte die Frankreich-Rundfahrt zwischen 2013 und 2017 vier Mal gewonnen, der Radsport hatte einen unverwundbaren erscheinenden Patron, eskortiert vom unbesiegbar erscheinenden Team Sky (heute Ineos). Doch diesen Status hat der Brite eingebüßt. 2018 erwies sich der walisische Teamkamerad Geraint Thomas auf französischen Landstraßen als der Stärkere, im Vorjahr pausierte Froome aufgrund eines kurz zuvor erlittenen heftigen Sturzes, bei dem er diverse Knochenbrüche davontrug.

          In diese Lücke stürmte der junge Kolumbianer Egan Bernal, der sich bei Ineos im Schnelldurchgang vom Kronprinzen zum Tour-Champion (vor dem zweitplatzierten Thomas) aufschwang. Und so sieht sich die erfolgverwöhnte Equipe Ineos 2020 mit der für den Teamfrieden gefährlichen und für die Radsportwelt spannenden Konstellation konfrontiert, mit drei Kapitänen ins Tour-Rennen (29. August bis 20. September) zu gehen.

          Drei Spitzenspieler, drei große Egos – voraussichtlich ein großes Trilemma. Aber ein einmaliges. Denn am Donnerstag wurde bekanntgegeben, dass Froome das Team Ineos nach einem Jahrzehnt mit Triumphen bei allen drei großen Landesrundfahrten verlassen wird und sich dem aufstrebenden, wirtschaftlich wohlsituierten Rennstall Israel Start-Up Nation anschließen wird.

          „Richtige Entscheidung“

          Als die Räder nun coronabedingt monatelang stillstanden, bot die Personalie Froome für die Szene eine dankbare Beschäftigung. Sogar ein Wechsel des Stars noch vor der Tour de France stand im Raum. Dave Brailsford, der gewiefte Ineos-Manager, war der allgegenwärtigen Diskussionen offensichtlich überdrüssig geworden. Die Ankündigung, den am Jahresende auslaufenden Vertrag von Froome nicht zu verlängern, sei nun früher als üblich geschehen, „um den Spekulationen ein Ende zu setzen und es der Mannschaft zu ermöglichen, sich auf die Saison zu konzentrieren“, sagte er. Sein Statement machte auch deutlich, dass Froome innerhalb der verschwiegenen Sieg-Manufaktur Ineos keine Vorrechte mehr genießt. Zumal es noch längst nicht ausgemacht ist, ob der 35-Jährige nach seinen erheblichen Sturzverletzungen wieder zu alter Klasse finden wird. Eine darüber Aufschluss gebende Arbeitsprobe hat es noch nicht gegeben.

          Es sei die richtige Entscheidung für Chris und das Team, so Brailsford. Froome strebe verständlicherweise die alleinige Führungsrolle in einer Mannschaft an, die Ineos ihm nicht mehr garantieren könne. „Ein Wechsel kann ihm diese Sicherheit geben. Gleichzeitig wird er auch anderen Fahrern unserer Mannschaft die Führungschancen geben, die sie sich verdient haben und die sie zu Recht anstreben“, sagte Brailsford. Der Vertrag von Bernal (23 Jahre) läuft bis Ende 2023, der Kontrakt von Thomas (34) noch bis Ende 2021.

          Bei Israel Start-Up Nation (ISN) soll das Team im kommenden Jahr dagegen voll auf den in Kenia geborenen Froome zugeschnitten werden. Der Star werde am 1. August einen langfristigen Vertrag unterzeichnen und das blau-weiße Trikot des Rennstalls bis zu seinem Karriereende tragen, hieß es in einer Mitteilung des israelischen Rennstalls, bei dem mit André Greipel, Nils Politt und Rick Zabel auch drei deutsche Profis angestellt sind. „Dies ist ein historischer Moment für ISN, Israel, den israelischen Sport, unsere vielen Fans auf der ganzen Welt und natürlich für mich persönlich – ein Moment des enormen Stolzes“, sagte Team-Mitinhaber Sylvan Adams.

          Der israelisch-kanadische Geschäftsmann, der mit Immobilien ein Milliardenvermögen angehäuft hat, macht keinen Hehl daraus, dass ISN zügig nach den Radsport-Sternen greifen soll. Dem Ziel, die Tour de France zu gewinnen, ist er durch Verpflichtung von Froome, der für seine Dienste angeblich mehr als fünf Millionen Euro im Jahr erhalten soll, einen großen Schritt näher gekommen. Die ehrgeizige Radsportunternehmung ISN ist vor fünf Jahren entstanden und gehört erst seit Jahresbeginn der WorldTour, der ersten Radsport-Liga, an. Froome soll nach dem Willen von Adams nicht nur als Kapitän, sondern auch als Mentor für junge Fahrer wirken.

          „Der Einfluss von ISN auf den Sport nimmt rapide zu, und ich bin begeistert, dabei zu sein. Ich habe das Gefühl, dass wir gemeinsam Großes erreichen können“, sagte Froome. Doch zuvor wolle er in diesem Spätsommer noch sein Tour-Meisterstück, seinen fünften Sieg auf den Champs-Élysées in Paris erreichen. Als scheidender Fahrer von Team Ineos.

          Weitere Themen

          „Das war ein riesiger Fehler“

          Spielverbot in Schottland : „Das war ein riesiger Fehler“

          Boli Bolingoli von Celtic Glasgow sorgt für einen Eklat, da er trotz einer Reise nach Spanien nicht in Corona-Isolation geht und für seinen Klub Fußball spielt. Das hat Folgen. Sogar die schottische Regierung greift ein.

          Topmeldungen

          Die Arbeitsagentur in Oberhausen

          Im ersten Halbjahr : Arbeitslosenkasse macht 10 Milliarden Euro Defizit

          Die Bundesagentur für Arbeit zahlt in der Krise Summen in nie dagewesener Größenordnung aus – insbesondere für Kurzarbeiter. Auch für die zweite Jahreshälfte rechnet sie mit „weiteren, teilweise erheblichen Mehrausgaben“.

          Kamala Harris : So flexibel wie sie war Biden nie

          Kamala Harris ist politisch erfahren, aber noch nicht zu alt. Und sie steht, anders als Trump es suggeriert, gar nicht sehr weit links. Alles gut also mit Bidens Vize? Abwarten. Denn sie ist eine sehr wendige Politikerin.
          Rücksichtslos: Cornelia Koppetsch hat der Untersuchungskommission zufolge gegen „die gute wissenschaftliche Praxis“ verstoßen.

          Verfahren gegen Koppetsch : Plagiate im Dutzend

          Das Disziplinarverfahren der TU Darmstadt gegen Cornelia Koppetsch setzt neue Maßstäbe der Wissenschaftshygiene. Mit genau der gleichen Strenge und Transparenz sollten auch die Plagiate in der Doktorarbeit der Ministerin Franziska Giffey untersucht werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.