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Handball-Nationalmannschaft : Zu spät für Tricks

  • Aktualisiert am

Martin Heuberger ist ratlos: Dem deutschen Handballteam fehlen Profil und Linie Bild: dapd

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft muss an diesem Dienstag gegen Mazedonien gewinnen, sonst ist der Verbleib im EM-Turnier gefährdet - und mit ihm die kleine Chance auf Olympia.

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          Die Atmosphäre wird aufgeheizt sein, von Anfang an. Das hatten schon die Schweden zu spüren bekommen, und den Deutschen wird das nicht anders ergehen. Nis wird an diesem Dienstag vermutlich fest in mazedonischer Hand sein, mit wahrscheinlich fast 4000 äußerst begeisterungsfähigen Fans. Deutschland wird sich auch gegen sie stemmen müssen, gegen einen ohrenbetäubenden Lärm.

          Das dürfte die Sache für die deutsche Handball-Nationalmannschaft noch schwieriger machen, als sie ohnehin schon ist. Deutschland steht unter massivem Druck vor dem zweiten Auftritt bei der Europameisterschaft in Serbien, es geht nicht nur um die kleine Olympiachance, es geht nun vor allem um den Verbleib im Turnier. Auch der ist schon gefährdet, nach nur einem einzigen Spiel in Nis, nach der 24:27-Niederlage gegen die Tschechen. Deutschland machte somit unter Martin Heuberger genau dort weiter, wo es unter Heiner Brand, dem alten Bundestrainer, aufgehört hatte. Eine bittere, aber keineswegs überraschende Entwicklung.

          „Heiß wie Frittenfett“

          Für die Deutschen kam erschwerend hinzu, dass die Mazedonier, angeführt von WM-Torschützenkönig Kiril Lazarov, bei ihrer Ouvertüre in Nis einen immensen Behauptungswillen offenbarten und Schweden ein 26:26 abtrotzten. Die Schweden wurden immerhin Vierte bei der Weltmeisterschaft 2011. Vor einigen Jahren noch hätten die Deutschen einen Gegner wie Mazedonien wohl kaum als möglichen Stolperstein eingestuft, die Zeiten aber haben sich geändert: Auch kleinere Handball-Nationen können dem Weltmeister von 2007 nun schwer zu schaffen machen. „Die sind heiß wie Frittenfett“, urteilte der Göppinger Michael Haaß salopp über die Mazedonier.

          Die Mienen sagen alles: Roggisch, Torwart Heinevetter und Kaufmann (v.l.) gegen Tschechien Bilderstrecke

          Die Deutschen hatten gegen Tschechien vieles von dem vermissen lassen, was Heuberger sich gewünscht hätte, sie präsentierten sich - wie zuletzt unter Brand - als ein Team ohne wirkliches Profil. Ihnen fehlte es an Schlagkraft und an einer entschlossenen Führungskraft. Auch Kapitän Pascal Hens vom deutschen Meister HSV Hamburg konnte dem deutschen Gefüge keine Stabilität verleihen. „Bei mir lief heute nichts zusammen.“

          Kaum personelle Alternativen

          Heuberger schien überrascht zu sein von den vielen Schwächen bei Hens und dessen Kollegen, er wirkte ratlos. „Ich kann es mir auch nicht erklären“, sagte er, „aber als Katastrophe würde ich es nicht bezeichnen.“ An Hens immerhin will er festhalten, trotzig vertraut er dem Rückraumspieler weiterhin. „Für uns bleibt er eine wichtige Figur.“ Es gibt, das ist ein Dilemma des deutschen Handballs, ohnehin kaum personelle Alternativen. So kommt auch Hens trotz wechselhafter Leistungen immer wieder zum Einsatz, zumindest vorläufig. Sollte das serbische Intermezzo mit einer Enttäuschung enden, will der Hamburger als Handballspieler kürzertreten. „Wenn wir die Teilnahme an den Olympischen Spielen nicht schaffen, brauche ich erst einmal Ruhe. Mein Körper schafft diese Belastungen nicht mehr.“

          Es erwies sich als Trugschluss von Heuberger, zu glauben, er könnte eine engagierte Einheit auf das Handballfeld schicken. Er wollte zwar positive Zeichen in der Vorbereitung auf die EM erkannt haben, im ersten Ernstfall in Serbien verfielen die Deutschen aber schon in alte Fehler. Weder war mit einer offensiven Abwehr ein entscheidender Fortschritt zu erzielen, noch war die Darbietung im Angriff überzeugend. In der Not greift Heuberger nun zu einer besonderen Maßnahme. Im Duell mit Mazedonien gibt es ein Trickwurf-Verbot. Die Spieler sollen klaren Strukturen folgen, um zu retten, was noch zu retten ist. „Wir dürfen keine Heber und Dreher mehr machen. Das geht nicht in unserer Situation“, betonte der neue Bundestrainer.

          Er hofft, mit dieser Maßnahme die Chancenverwertung deutlich zu verbessern. Schließlich benötigt das deutsche Team an diesem Dienstag einen Sieg, um sich die Perspektive auf einen Platz bei einem olympischen Qualifikations-Wettbewerb zu erhalten. Auch Hens hatte sich gegen die Tschechen mal an einer kunstvolleren Wurfvariante versucht - und war gescheitert. „Da muss er“, sagte Heuberger, „dem Torhüter auch mal den Scheitel ziehen.“

          Natürlich gibt es nun auch aufmunternde Worte, von verschiedenen Seiten. „Ich traue der Mannschaft zu, dass sie das wegsteckt und dass wir am Dienstag neu über das Turnier diskutieren.“ Das sagte Horst Bredemeier, Vizepräsident des Deutschen Handball-Bundes. „Ich gehe davon aus, dass die Mannschaft sich fängt.“ So äußerte sich Brand. Das sind aber auch eindeutige Belege dafür, dass die Lage prekär ist.

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