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Handball-Nationalmannschaft : Mann der Fantasie

Einfach mal loslegen: Dagur Sigurdsson soll neuer Handball-Nationaltrainer werden Bild: dpa

Isländische Handball-Lehrer genießen hohes Ansehen, auch in Deutschland. Nicht zuletzt wegen ihrer Vielseitigkeit. So spricht einiges für Dagur Sigurdsson als neuen Bundestrainer.

          3 Min.

          Nur nicht lange fackeln, einfach loslegen, das Leben also in die Hand nehmen – das sei, sagt Dagur Sigurdsson, typisch isländisch. So war das einst auch, als der Handballtrainer Sigurdsson in Reykjavík zusammen mit dem isländischen Fußballstar Eidur Gudjohnsen kurzerhand in das Geschäft mit dem Tourismus einstieg: Sie kauften eine ehemalige Keksfabrik, ließen sie zu einem Hostel umbauen, und wenige Monate später lief der Betrieb bereits. „Ein bisschen im Berliner Stil“, sagt Sigurdsson, „altes Haus, coole Atmosphäre.“

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Nicht immer allerdings funktioniert alles von heute auf morgen, schon gar nicht in Deutschland. Und auch nicht beim Deutschen Handball-Bund (DHB). Das hat Sigurdsson, Coach der Berliner Füchse, in den vergangenen Tagen und Wochen hautnah erlebt. Immerhin scheint nun festzustehen, dass der 41 Jahre alte Isländer wieder vor einem neuen Werk steht: Er wird, als Nachfolger von Martin Heuberger, neuer Bundestrainer. Das ist dem Vernehmen nach sicher, auch wenn der DHB am Freitag nur die Bekanntgabe des Neuen ankündigte, aber seinen Namen noch nicht nannte. Die Präsentation wird am kommenden Dienstag in Leipzig stattfinden, in enger Kooperation angeblich mit der Handball-Bundesliga (HBL).

          „DHB und HBL haben gemeinsam eine optimale Lösung für den deutschen Handball gefunden. Daher werden wir diese auch gemeinsam vorstellen“, ließ DHB-Präsident Bernhard Bauer mitteilen. „Wir reden nicht nur vom Schulterschluss zwischen Verbänden und Vereinen, sondern wir wollen und werden diesen auch leben.“

          Erstmal in Doppelfunktion

          Sigurdsson wird nach dem Stand der Dinge einen langfristigen Vertrag erhalten, schließlich hat der DHB das Projekt 2020 ausgerufen, inklusive des angestrebten Olympiasieges. Diese Strategie soll helfen, dem deutschen Handball, der in jüngerer Vergangenheit mehrere Rückschläge einstecken musste, dank einer umstrittenen Wild Card aber doch an der Weltmeisterschaft 2015 in Qatar teilnehmen kann, eine Zukunft zu geben.

          Sigurdsson soll jetzt maßgeblich daran beteiligt sein, vorerst wohl in einer Doppelfunktion, wie er sie schon einmal praktiziert hatte: Er war gleichzeitig bei den Füchsen und beim österreichischen Nationalteam beschäftigt. Sigurdsson steht noch bis 2017 in Diensten des Berliner Bundesligaklubs, eine flexible Vereinbarung ermöglicht ihm jedoch nach Informationen dieser Zeitung im Jahr 2015 den Ausstieg.

          So lange wird Sigurdsson nun zweigleisig fahren. Der DHB musste offenbar Überzeugungsarbeit in Berlin leisten, um Sigurdsson loszueisen. Weniger vermutlich bei Bob Hanning, dem Manager der Füchse, der auch Vizepräsident Leistungssport beim DHB ist, eher bei anderen Berliner Verantwortlichen. Die Personalie Sigurdsson ist ohnehin pikant: Neben Hanning stellt sich nun wahrscheinlich ein weiterer Berliner dem DHB zur Verfügung, in der Hauptstadt konzentriert sich somit eine beträchtliche Machtfülle. Das könnte, obwohl die HBL ihre Zustimmung gab, an manchen Bundesliga-Standorten Kritik hervorrufen. Sigurdsson gilt in jedem Fall als exzellenter Handball-Fachmann. Der frühere Nationalspieler hat Erfahrungen unter anderem in Japan und in Bregenz gesammelt. Er kennt sich auf der internationalen Bühne aus, und er beweist offensichtlich Geschick im Umgang mit Talenten, wie sich auch in Berlin gezeigt hat.

          Das ist eine wesentliche Anforderung des DHB an den Mann, der künftig das Nationalteam betreut. Isländische Handball-Lehrer genießen hierzulande grundsätzlich hohes Ansehen. In der vergangenen Saison standen die Teams von Alfred Gislason (THW Kiel) und Gudmundur Gudmundsson (Rhein-Neckar Löwen) an der Spitze der Bundesliga. Sie identifizieren sich, auch das eine isländische Eigenart, stark mit ihrem Sport, sie definieren ihr Leben gewissermaßen über den Handball. Trotz gewisser Interessen, die deutlich über das Spielfeld hinausreichen. So hat der belesene Gislason die Schirmherrschaft für den Literatursommer 2014 in Schleswig-Holstein mit Schwerpunkt Island übernommen.

          Und Sigurdsson, der eigentlich gar nicht Trainer hatte werden wollen, bietet in seiner Heimat nicht nur Übernachtungsmöglichkeiten an. Er ist zudem Teilhaber an einem Feinschmecker-Restaurant namens „Dill“.
          Der DHB soll ursprünglich darauf aus gewesen sein, den Schweden Ljubomir Vranjes von der SG Flensburg-Handewitt als neuen Bundestrainer zu verpflichten – Sigurdsson wäre demnach die zweite Wahl.

          Allerdings ist auch zu hören, dass man Sigurdsson bei den Verhandlungen nicht das Gefühl vermittelt habe, dass ein anderer Kandidat bevorzugt werde. Seine Premiere wird der neue Bundestrainer auf heimischem Boden geben. Deutschland trifft am 20. und 21. September in Göppingen und in Neu-Ulm auf die Schweiz. Zwei Testspiele – vermutlich mit frischem isländischen Schwung.

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