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Bob Hanning über die Handball-Krise : „Wir haben uns vom WM-Titel blenden lassen“

  • Aktualisiert am

Bob Hanning: „Im Fußball verlieren wir auch nicht gegen Luxemburg“ Bild: dpa

Der Geschäftsführer der Berliner Füchse will im September Vizepräsident des Deutschen Handballbundes werden. Die verpasste EM-Qualifikation ist für ihn eine sportliche Katastrophe, die viele mitverschuldet haben.

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          Hätten Sie gedacht, dass man in einer Gruppe mit Israel, Tschechien und Montenegro nur Dritter wird und die EM 2014 verpasst?

          Es ist eine sportliche Katastrophe. Es ist nicht hinzunehmen, wenn eine deutsche Handballnationalmannschaft in solch einer Gruppe nicht Zweiter wird. Da muss man nicht über Verletzte oder eine lange Saison diskutieren, da muss man sich einfach qualifizieren. Im Fußball verlieren wir auch nicht gegen Luxemburg. Dass wir Dänemark jetzt verpassen, wirft uns weit zurück.

          Wo sehen Sie Gründe für das Scheitern?

          Für eine große Analyse ist es noch etwas früh. Aber mit Blick auf manche Spieler muss ich sagen, es reicht nicht, die besten Interviews zu geben. Mit fehlte bei einigen im entscheidenden Spiel in Montenegro die letzte Bereitschaft. Aber wir alle, die Vereine, der Deutsche Handballbund, wir alle haben diese Pleite mit verantwortet. Wir haben uns vom WM-Titel 2007 blenden lassen und danach unsere Hausaufgaben nicht gemacht.

          Worin liegt die Mitschuld der Klubs?

          Die Vereine brauchen mehr Mut. Sie müssen sich trauen, mit jungen, deutschen Spielern auch mal zu verlieren. Auf Sicht ist das der richtige Weg. Mich erinnert die Situation an den englischen Fußball: Die haben eine sehr starke Liga, aber kriegen auch keine Nationalmannschaft hin. Unser Hauptthema ist: Wie kriegen wir unsere jungen Spieler ans Spielen?

          Es droht nun eine lange Dürre, weil auch die Qualifikation für die nächste WM und die Olympischen Spiele 2016 schwer wird.

          Das ist das Worst-Case-Szenario, das Journalisten jetzt ausmalen. Das sehe ich nicht. Fakt ist, dass in den Play-off-Spielen zur WM schwere Gegner warten werden. Aber verloren haben wir genug, jetzt müssen wir eben auch mal gegen stärkere Gegner wieder gewinnen.

          Sie selbst haben gesagt, es täte mal gut, nicht bei Olympischen Spielen zu sein, um innezuhalten und zu reflektieren. Da sind wir jetzt ungefähr, ist das denn gut?

          Wir stehen vor großen Herausforderungen, keine Frage. Wenn wir gestärkt draus hervorgehen, kann das hilfreich sein.

          Was wird aus Bundestrainer Martin Heuberger?

          Es wird kein Bauernopfer geben, das wir den Medien zum Fraß vorwerfen. Es ist viel zu kurz gesprungen, alles am Trainer festzumachen. Der aktuelle DHB-Präsident Ulrich Strombach hat ja schon gesagt, dass keine personellen Konsequenzen folgen werden.

          Inwieweit gibt es ein Machtvakuum beim DHB, weil die Führung um Präsident Strombach im September aufhört und erst dann Sie als Vizepräsident und Bernhard Bauer als Präsident antreten?

          Wir dürfen es zu keinem Vakuum kommen lassen. Bernhard Bauers Schattenkabinett wird bald in Berlin zusammenkommen. Wir wollen dann die Analyse der Situation mit Martin Heuberger machen. Er muss uns sagen, wie er die Lage sieht, was er ändern will, wie es weitergehen soll. Aber wie gesagt, es ist zu einfach, alles an ihm festzumachen. Bei einem Trainerwechsel können alle Beteiligten sagen: So, jetzt haben wir etwas unternommen - und dann geht es so weiter wie vorher. Das ist mir zu billig. Hinter der Trainerdiskussion kann man sich schön verstecken.

          Kann am Ende dieses Prozesses trotzdem eine Trainerentlassung stehen?

          Martin ist der Letzte, der an etwas festhält. Niemand hat eine Jobgarantie, das hat Bernhard Bauer ja auch gesagt.

          Müsste der hauptamtliche DHB-Sportdirektor Heiner Brand nicht die Verantwortung übernehmen und auch gehen, falls Heuberger ausscheidet?

          Heiner Brand hat diese Entwicklung genauso mitzutragen wie alle anderen auch. Er sagt immer, dass die Nationalmannschaft gegen jeden Gegner gewinnen kann. Ich finde, wir zeigen, dass wir gegen jeden verlieren können.

          Wie schnell lassen sich Änderungen, die Sie und Ihr Team vorhaben, in die Wirklichkeit umsetzen?

          Ich muss erst einmal gewählt werden. Der DHB ist ein Tanker, der in Hamburg hält, wenn er in Bremen bremst. Ich habe jüngst gesagt, seit 1997 tackern wir unsere Werbebotschaften an Holzbanden, obwohl es seit langer Zeit Drehbanden gibt. Das ist nur eine Kleinigkeit. Wir brauchen ein paar Schnellboote. Es geht im Verband auch um Hauptamtlichkeit. Man kann vieles nicht mehr im Ehrenamt stemmen. Im Verband haben zu viele immer sofort eine Erklärung, warum Dinge nicht gehen. Das muss sich ändern.

          Sie sind mit den Füchsen Berlin gerade wieder Meister mit der B- und A-Jugend geworden. Wann werden wir diese Talente in der Nationalmannschaft sehen?

          Es geht ganz grundsätzlich um Persönlichkeitsentwicklung. Jedem Einzelnen muss verständlich gemacht werden, was es bedeutet, Nationalspieler zu sein. Hart werfen können viele. Wir müssen im Nachwuchs ganzheitlich erziehen.

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