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Leichtathletik-WM-Bilanz : Das eigene Ding ist wichtiger als Medaillen

Sie setzte den goldenen Schlusspunkt: Katharina Molitor Bild: dpa

Den goldenen Schlusspunkt bei der Leichtathletik-WM setzt Katharina Molitor mit dem Wurf ihres Lebens. Insgesamt überstrahlt beim deutschen Auftritt die Freude sogar noch die Erfolge.

          4 Min.

          Das mit der Begeisterung muss Katharina Molitor wohl noch lernen. Als wäre die Dramaturgie ebenso wichtig wie der Erfolg, haute die 1,83 Meter große Athletin im allerletzten Wurf des Speerwerfens der Leichtathletik-Weltmeisterschaft von Peking 67,69 Meter raus, 1,56 Meter weiter als der bis zu diesem Moment am Sonntagnachmittag beste Wurf des Wettbewerbs, den der Chinesin Lyu Huihui. Katharina Molitor riss die Arme hoch, bevor die Weite angezeigt wurde. Dann zog sie erst mal die Trainingsjacke an. Die deutsche Flagge, die ihr jemand zuwarf, legte sie wie eine Serviette über den Unterarm und entschied sich dann, nach kurzem Hin und Her, gegen eine Ehrenrunde. „Du musst jetzt ausrasten“, habe sie der Weltmeisterin zugerufen, erzählte Christina Obergföll, doch sie habe zur Antwort bekommen: „Feiern werde ich heute Abend.“

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Der Gleichmut der 31 Jahre alten Studentin mag darin begründet sein, dass sie jahrelang im Schatten anderer Speerwerferinnen stand. Da war zunächst Steffi Nerius, mit der gemeinsam sie bei Helge Zölkau in Leverkusen trainierte, Europameisterin 2006, Weltmeisterin 2009. Da war Christina Obergföll, Zweite und Dritte bei Olympia und Weltmeisterin von Moskau 2013. Und da war Linda Stahl, Europameisterin von 2010 und Olympia-Dritte von London. Und dann tauchte das Talent Christin Hussong auf.

          Katharina Molitor hatte eine so schreckliche Saison 2014, dass sie sich und ihren Trainer fragte, ob sie überhaupt noch eine Perspektive im Sport habe. Sie unterbrach ihr Lehramtsstudium, machte Pause vom Volleyball - sie spielt mit Bayer Leverkusen in der zweiten Liga - und stellte ihre Technik um. Um gut drei Meter hat sie seitdem ihre Bestleistung verbessert. Als es am Sonntag darauf ankam, tat sie den Wurf ihres Lebens. „Ich habe mir gesagt: Leg alles rein und guck, was rauskommt“, sagte sie über ihren letzten Versuch.

          Christina Obergföll, Weltmeisterin von Moskau 2013, war gut ein Jahr nach der Geburt ihres Sohnes zufrieden mit Platz vier und ihrer Nachfolgerin. „Ich bin zufrieden, ich habe das Maximum rausgeholt“, sagte sie. „Ich bin froh, dass wir das Ding mit nach Hause nehmen und nicht die anderen.“

          Titelverteidigerin Obergföll (l.) zu Weltmeisterin Molitor: „Du musst jetzt ausrasten“
          Titelverteidigerin Obergföll (l.) zu Weltmeisterin Molitor: „Du musst jetzt ausrasten“ : Bild: dpa

          Das passte gut zur Stimmung im deutschen Team. Die Freude ist größer als der Erfolg. Nicht, dass die deutschen Leichtathleten schlecht abgeschnitten hätten in Peking. Im Gegenteil. Doch die lachenden Gesichter der deutschen Sportlerinnen und Sportler überstrahlten all ihre Medaillen, die der deutschen Mannschaft Position sieben im Medaillenspiegel verschafft haben.

          Insgesamt acht Medaillen - auch zwei bei den Läuferinnen

          Die Siege von Katharina Molitor zum Schluss im Speerwerfen und von Kugelstoßerin Christina Schwanitz zum Auftakt, dazu die unverhofften Erfolge der Hürdensprinterin Cindy Roleder (Silber) und der Hindernisläuferin Gesa Krause (Bronze) sowie die Bronzemedaille des Zehnkämpfers Rico Freimuth waren gewiss die größten Überraschungen des deutschen Teams, während Christina Obergföll, David Storl und Raphael Holzdeppe - alle drei Titelverteidiger - sich souverän über ihr Abschneiden freuen konnten; die junge Mutter Obergföll als Vierte, Storl eher gefasst mit seiner Silbermedaille und Holzdeppe durch und durch glücklich mit Platz zwei nach zwei rabenschwarzen Jahren.

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