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Straßenschlacht unter Fans : Tödlicher Kampf ohne Regeln in Madrid

Gedenken an den toten Fan: In Sevilla hängen die Anhänger dieses Plakat auf. Bild: AFP

Eine Stunde wütet vor einem Fußball-Erstligaspiel in Madrid eine Schlacht ohne Regeln. Die schockierende Bilanz: Ein Toter, ein Dutzend Verletzte und 21 Festnahmen. Der Schwarze Peter wandert nun hin und her.

          2 Min.

          Ein Toter, ein Dutzend Verletzte und 21 Festnahmen: Das ist die vorläufige Bilanz der brutalen Straßenschlacht am Sonntagmorgen in Madrid, drei Stunden vor dem Spiel Atlético Madrid gegen Deportivo La Coruña. Mehrere Hundert radikale Anhänger beider Seiten hatten sich in den sozialen Netzen so verabredet, dass sie der Polizei zuvorkamen, die sich vor gewöhnlichen Partien erst zwei Stunden vorher einfindet: ein bewaffneter Kampf mit Ankündigung.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Fassungslos erlebten Anwohner und Passanten in der Umgebung des Calderón-Stadions am Fluss Manzanares, wie die rechtsradikale „Frente Atlético“ (Madrid) und die linksradikalen „Riazor Blues“ (La Coruña) sich mit Schlagstöcken, Messern und Baseballschlägern traktierten. Aluminiumstühle aus umliegenden Cafés wurden als Wurfgeschosse benutzt. Fans von drei weiteren Vereinen – zweien aus Madrid, einem aus Gijón – waren auch dabei. Unter den Augen von ein paar Polizeibeamten wütete etwa eine Stunde lang eine atavistische Schlacht ohne Regeln.

          Dann geriet Francisco Javier („Jimmy„) Romero, 43 Jahre alt, zweifacher Vater und polizeilich bekanntes Mitglied der „Riazor Blues“, in die Hände der Gegner. Die den Neonazis nahestehenden Mitglieder der „Frente Atlético“ schlugen auf den Mann ein, warfen ihn über die Mauer in den Fluss, der fünf Meter weiter unten dahinfließt, und überließen ihn seinem Schicksal.

          Niemand reagierte auf die Hilferufe, niemand warf sich in den Fluss, dessen Strömung als ungefährlich gelten kann, auch Polizisten standen dabei und beschränkten sich darauf, den Rettungsdienst zu verständigen. Erst eine halbe Stunde später wurde der leblose Körper aus dem Wasser gezogen. Schwere Schädelverletzungen und Auskühlung hatten zum Herzstillstand geführt.

          Der Katzenjammer ist besonders groß

          Während man im Krankenhaus versuchte, Romero zu reanimieren, wurde das Spiel um zwölf Uhr – die frühe Zeit ist ein Zugeständnis der Primera División an den asiatischen Markt – pünktlich angepfiffen. Es verlief in spukhafter Atmosphäre und endete 2:0 für Atlético. Aus der Deportivo-Fanecke ertönten „Mörder!“-Sprechchöre. Hier und da zeigte das Publikum seine Ablehnung der Radikalen durch Pfiffe. Ein Atlético-Fan auf den Rängen tauschte in einer noblen symbolischen Geste seinen Schal mit dem eines Deportivo-Anhängers, doch um die normalen Besucher eines Spiels ging es am allerwenigsten.

          Sondern um Hunderte organisierter Schläger, die den Fußball als Tarnung benutzen und den Rechtsstaat lächerlich machen. Zwar haben die Festnahmen im Zusammenhang mit der Fangewalt stark zugenommen, doch auch die Zahl der Gewaltbereiten ist angeschwollen. Nach einer Studie des Jahres 2012 gibt es in Spanien mehr als 106.000 Anhänger, die als „potentiell gefährlich“ gelten.

          Eine Mahnung auf dem Asphalt: „Hier wurde Francisco J. Romero ermordet. Kein Vergessen, kein Vergeben.“
          Eine Mahnung auf dem Asphalt: „Hier wurde Francisco J. Romero ermordet. Kein Vergessen, kein Vergeben.“ : Bild: AFP

          Dieses Problem wird seit langem beschönigt, auch seitens der Vereine, die sich manchmal aus Opportunismus von denen, die am lautesten schreien, feiern lassen, ihnen Zugang und billige Reisemöglichkeiten verschaffen, kurz: sie als „Fans“ behandeln. Deshalb ist der Katzenjammer diesmal besonders groß. Dass Polizei und Sicherheitskräfte versagt haben, liegt auf der Hand.

          Unerklärlich ist, wieso die Partie als „niedriges Risiko“ eingestuft wurde – dafür werden 150 Polizeibeamte abgestellt und nicht das Zehnfache. Warum hat niemand etwas geahnt? Die nordwestspanischen Radikalen entgingen der Beobachtung, weil sie ihre Reisebusse nicht in La Coruña, sondern in Nachbarstädten mieteten, aber das darf nicht als Entschuldigung dienen.

          „Das hat mit Fußball nichts zu tun“

          Nicht nur unter den Sicherheitsbehörden, auch zwischen dem Profiligaverband LFP und dem Spanischen Fußballverband wandert der Schwarze Peter hin und her. LFP-Präsident Javier Tebas sagte, er habe die Partie kurz vor Anpfiff absagen wollen, doch beim zuständigen Fußballverband niemanden erreicht. Atlético-Vereinsboss Enrique Cerezo sagte, die Ereignisse hätten „mit dem Fußball nichts zu tun, das sind Radikale“.

          Diese bequeme Haltung verhindert, dass Gegenmaßnahmen ergriffen werden wie die des couragierten Joan Laporta. Der ehemalige Präsident des FC Barcelona verbannte vor Jahren mit einem Federstrich die Radikalen aus dem Camp Nou – und konnte sich wegen Morddrohungen lange Zeit nur unter dem Schutz von Leibwächtern bewegen.

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