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BVB-Torhüter Weidenfeller : Kein gewöhnlicher Bankangestellter

  • -Aktualisiert am

Training an der Anfield Road: Roman Weidenfeller steht im Europapokal im Tor stehen Bild: dpa

Roman Weidenfeller darf nur noch international ran: Dem alten BVB-Vorgesetzten und neuen Liverpool-Trainer Klopp begegnet der Torhüter beim Wiedersehen im Viertelfinal-Rückspiel der Europa League beim FC Liverpool eher geschäftsmäßig.

          Gerade bei Torhütern ist die Form zumeist keine Frage des Alters. Diese Regel aus dem Allgemeinwissen des Fußballs hat Roman Weidenfeller jüngst noch einmal unterstrichen und sich selbst als Beleg dafür angeführt. „Ich fühle mich noch nicht so alt, wie man mich oftmals macht“, sagt der Fünfunddreißigjährige. „Mein Körper spielt mit, und ich freue mich über jedes einzelne Spiel, das ich bestreiten kann.“

          Inzwischen ist Weidenfeller bei Borussia Dortmund zwar nicht mehr die Nummer eins, aber 14 Jahre nach seinem Wechsel ins Ruhrgebiet besitzt er immer noch eine Planstelle zwischen den Pfosten - wenn der BVB in der Europa League antritt. Er hat sich damit abgefunden, im Alltag Roman Bürki den Vortritt lassen zu müssen, der im Sommer den angeblich offenen Konkurrenzkampf für sich entschieden hat.

          „Herausragende Leistung“ im Hinspiel

          Trainer Thomas Tuchel machte aus Weidenfeller aber keinen gewöhnlichen Bankangestellten. Ähnlich wie Marc-Andre ter Stegen beim FC Barcelona rückt Weidenfeller regelmäßig in die Elf, sobald Dortmund international auftritt - wie an diesem Donnerstagabend. Im Viertelfinalrückspiel beim FC Liverpool (21.05 Uhr/ live bei Sport1, Sky und F.A.Z.-Liveticker) darf der erfahrene Torhüter wieder zeigen, was er kann. Das war ihm vor einer Woche mit Bravour gelungen. Nicht zuletzt dank Weidenfellers Paraden gingen die Borussen im eigenen Stadion nicht als Verlierer vom Platz. Nach dem 1:1 in Dortmund hegen sie die begründete Hoffnung weiterzukommen. Tuchel bescheinigte dem Torwart nach dem Hinspiel „eine herausragende Leistung“. Die Lobeshymnen auf den Routinier seien „der Lohn für seine Einstellung“, der gerechte Gegenwert für „die Energie, die Roman der Mannschaft in jedem Training gibt“.

          Mit Tuchel und dessen Günstling Bürki hat sich Weidenfeller arrangiert. Auch wenn der Alltagstorwart in seinem ersten Jahr durchaus nicht fehlerfrei spielt und manches Mal in die Kritik geraten ist, akzeptiert Weidenfeller den jungen Kollegen als einen Mitspieler, der seine Interessen verfolgt, wie er selbst es vor vielen Jahren tat, als er die damalige Dortmunder Nummer eins „Jens Lehmann genervt“ hat. Viel schwerer ist es Weidenfeller in der vergangenen Saison gefallen, seinen Stammplatz zeitweise an Mitchell Langerak zu verlieren, einen jungen Torhüter, der den Verein inzwischen verlassen hat, ohne dass ihm jemand eine Träne nachgeweint hätte.

          Geschäftsmäßiges Wiedersehen mit Klopp

          Weidenfeller hatte zwischen den Pfosten durchaus Angriffsflächen geboten, Jürgen Klopp aber, zu jener Zeit Trainer des BVB, begründete den Wechsel mit dem Argument, er wünsche sich auf dem Platz „das Lächeln von Mitch“.

          Wiedersehen: In Dortmund arbeiteten Weidenfeller (r.) und Klopp sieben Jahre zusammen

          Weidenfeller konnte darüber nicht einmal lächeln. Vielleicht ist es ihm auch deshalb leichter gefallen als anderen, das Wiedersehen mit Klopp geschäftsmäßig zu betrachten. Ob der Torhüter ein Jahr später noch eine Rechnung mit seinem früheren Vorgesetzten offen hat oder nicht: Nach außen wirkt Weidenfeller so abgeklärt, wie es sich für einen Profi mit seiner Vita geziemt. Schon vor einer Woche hatte er sich nicht anstecken lassen von dem Hype um die BVB-Ikone, die nun den FC Liverpool trainiert. Weidenfeller erledigte seinen Job wie in besten Zeiten und tat so, als wäre Klopp einer von vielen Menschen, die in Dortmund beruflich zu tun haben. „Ich habe mich ums Spiel gekümmert. Ich hatte keine Zeit, irgendwelche Gästetrainer zu begrüßen“, sagte er.

          Der Respekt vor Klopp als Fachmann und BVB-Kenner spricht aber auch aus Weidenfeller. Klopp wisse Stärken und Schwächen der Dortmunder Spieler einzuschätzen und seine Schlüsse daraus zu ziehen. „Er wird versuchen, die Spieler schachmatt zu setzen oder aus dem Spiel zu nehmen. Und er wird versuchen, seiner Mannschaft einzuimpfen, über den Kampf ins Spiel zu kommen.“ Weidenfeller dürfte über das Stadium hinaus sein, es jemandem richtig zeigen zu wollen, mit dem man mal schlechte Erfahrungen gemacht hat. „Wir dürfen nicht den Fehler machen und denken, wir würden gegen Jürgen Klopp spielen. Wir spielen gegen den FC Liverpool“, sagt er.

          In Aktion: Roman Weidenfeller war im Hinspiel ein starker Rückhalt

          Auch wenn es nicht in erster Linie gegen Klopp geht, gibt es jemanden, dem der Torwart etwas beweisen will. „Ich freue mich natürlich, wenn mein Sohn später wertschätzt, was der Vater mal geleistet hat“, sagt er. Gelingt gegen Liverpool der Einzug ins Halbfinale, steigt die Chance, dass Weidenfeller in der Dämmerung seiner Karriere erstmals einen europäischen Titel gewinnt. Das wüsste der kleine Leo später sicher zu schätzen.

          Klopp sendet eine Spitze an Dortmund Oben das Dach eines Gewächshauses, unten Kunstrasen - so kann man sich grob den „Indoor-Outdoor-Pitch“ des FC Liverpool auf dem Trainingsgelände Melwood vorstellen. Und wegen dieses Daches waren die Mitarbeiter des Klubs froh, dass es nicht regnete am Mittwochnachmittag. Sonst hätte es nämlich gut sein können, dass Jürgen Klopp klanglich ein wenig untergegangen wäre bei der Pressekonferenz vor dem Viertelfinal-Rückspiel in der Europa League. Dass diese in derart ungewöhnlicher Umgebung stattfand, war ein Novum bei den „Reds“ - das besondere Interesse am Duell mit Borussia Dortmund ließ den Medienraum als zu klein erscheinen. So saß Klopp auf knallrotem Podium inmitten von künstlichem Grün und parlierte zweisprachig über seine Erwartungen an Teil zwei dieses englisch-deutschen Fußballvergleichs. Die Fragen der Reporter drehten sich vor allem um zwei Themen: die Atmosphäre an diesem Donnerstagabend (21.05 Uhr) an der Anfield Road sowie die Bedeutung des Auswärtstores beim 1:1 im Hinspiel in Dortmund. Letzteres schien Klopp beinahe als Muster ohne Wert zu betrachten. Die Borussia, sagte er, sei eine Mannschaft, die „überall auf der Welt Tore erzielen kann“. Weshalb es für ihn keinen Sinn ergebe, auf ein Zu-Null hinzuarbeiten. Nein, es gehe darum, „mutig, konsequent, geradlinig“ zu sein - und selbst den Weg zum Tor zu suchen. In welcher Formation seine Mannschaft das tun werde? Divock Origi, Daniel Sturridge oder gar beide? Origi, der ja auch im Hinspiel getroffen hatte, lieferte am Wochenende zwei Tore beim 4:1 gegen Stoke City nach, als Einwechselspieler. Aber auch Sturridge, in Dortmund auf der Bank, war erfolgreich und wirkte dabei so hungrig, dass es seinem Trainer gefallen musste. Insgesamt war es Klopp wichtig, noch einmal die Außenseiterrolle zu betonen. Der Einzug ins Halbfinale sei „nicht das absolute Muss“, sagte er, „dafür ist Dortmund zu stark“. Für seine „Reds“ bedeute das Spiel deshalb keinen Druck, sondern eine „große Chance“. Und dann war da noch die Frage, ob der BVB im Hinspiel wegen der besonderen Situation um Klopps Dortmunder Vergangenheit nicht zu gewohnter Stärke aufgelaufen sei - so wie das auch BVB-Trainer Thomas Tuchel formuliert hatte. Klopp antwortete zunächst mit Humor. „Entschuldigung - ich konnte nicht zu Hause bleiben.“ Dann aber noch mit dem Hinweis, dass es ja vielleicht auch seine Mannschaft gewesen sei, die es „halbwegs gut hingekriegt“ habe. Das ließ sich als kleine Spitze aus dem Gewächshaus verstehen. (camp.)

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