https://www.faz.net/-gtl-7buap

Nadine Angerer : Elfmeter und Hüte

Wer hat den Hut auf? Nadine Angerer und DFB-Chef Wolfgang Niersbach (l.) Bild: dpa

Strafstöße und Kopfbedeckungen sind die Leidenschaften von Nadine Angerer. Bei der „Silvia’s Night“ nach dem EM-Sieg der deutschen Fußballfrauen konnte sie am Sonntag mal wieder beide Hobbies pflegen.

          3 Min.

          Um 23 Uhr war es dann so weit: Die Bundestrainerin schnappte sich den DFB-Präsidenten und legte einen hinreißenden Tanz hin. Es war das sportliche Highlight von „Silvia’s Night“ im Anschluss an den Sieg bei der Europameisterschaft der Fußballfrauen in Schweden. Nichts anderes war zu erwarten, schließlich hat Silvia Neid der F.A.Z. vor der EM im Interview erläutert, dass sie ohne den Fußball vermutlich Profitänzerin geworden wäre. Und dem DFB-Präsidenten eilt der Ruf voraus, ein gewisses Talent auf dem Tanzparkett zu besitzen.

          So schlüpfte Niersbach nach dem 1:0-Sieg im Endspiel gegen Norwegen bei der Party im Royal Park Hotel vor den Toren Stockholms in die Rolle, die seit einem legendären Tänzchen zwischen Silvia Neid und seinem Amtsvorgänger nach dem WM-Sieg 2007 in China Theo Zwanziger gebührte.

          Doch es gab beim sechsten EM-Triumph des deutschen Frauenfußball-Teams in Serie und dem achten Erfolg überhaupt noch eine andere Parallele zum Erfolg in China. Denn wenige Meter vom prominenten Tanzpaar entfernt stand Nadine Angerer, bestens gelaunt als Stimmungskanone,  wie einst in China als gefeierte Heldin des Abends.

          Hüte und Elfmeter

          Damals wie heute trug sie eine Kopfbedeckung auf dem Kopf, dieses Mal war es ein Hut. Fern des Fußballplatzes ist das modische Accessoire fast schon ein Markenzeichen für die Torhüterin, die als Mützenfetischistin zuhause vermutlich einen Schrank voller unterschiedlicher Hüte, Kappen und  Mützen hat.

          Doch nicht nur der Hut erinnerte an Nadine Angerers legendäre Wochen in China, wo sie 2007 sechs WM-Spiele lang keinen Gegentreffer hinnehmen musste. Einen solchen Rekord hatte noch keine Schlussfrau und auch kein Schlussmann auf dieser Welt aufgestellt. Bei der EM in Schweden hat sie nun ein Gegentor gefangen - bei der 0:1-Vorrundenniederlage gegen Norwegen.

          Aber dafür steigerte sie gegen den selben Gegner im Finale ihren zweiten Rekord: Nachdem sie damals im Finale einen Elfmeter der fünffachen Weltfußballspielerin Marta gehalten hatte, wehrte sie nun gleich zwei Strafstöße der Norwegerinnen Trine Rönning und Solveig Gulbrandsen ab. Auch das gelang noch keiner Torhüterin zuvor in einem Endspiel ohne Elfmeterschießen. Obwohl Anja Mittag das Tor des Tages geschossen hatte, war Nadine Angerer wie einst 2007 die Titel-Heldin. „Es ist schön, dass ich das Tor geschossen habe“, sagte die bescheidene Stürmerin Anja Mittag. „Aber ich bin froh, dass Natze im Mittelpunkt steht. Sie hat sich das verdient.“

          Harte Arbeit beim Crossfit

          Tatsächlich hat Nadine Angerer für diesen Titelgewinn so viel Mühe in Kauf genommen wie vielleicht noch nie in ihrer Karriere. Sie hatte im Vorjahr mit Verletzungen zu kämpfen, die bei ihr auch Zweifel aufkommen ließen, ob sie noch einmal zur Weltklasseform finden würde. Im November kam es dann zu einem Gespräch zwischen der Bundestrainerin und ihrer Spielführerin. Beide kamen überein, dass Nadine Angerer gerade nach ihrer Verletzungspause dringend an ihrer Fitness würde arbeiten müssen. „Wir waren uns einig, dass Fitness das A und O für Natze ist“, sagt Silvia Neid. „Sie hat dann den Winter über hart gearbeitet und mir im Februar eine SMS geschickt, dass sie sechs Kilo abgenommen hat. Das hat man dann auch gemerkt. Und dieses herausragende Turnier von ihr ist nun der Lohn.“

          Silvia’s Night: Kapitänin Angerer (r.) und Bundestrainerin Neid (l.) mit Pokal (Mitte)

          Nadine Angerer hat für ihre Fitness die Ernährung umgestellt und eine neue sportliche Leidenschaft entdeckt: Crossfit ist Sport in der Natur, man klettert auf Bäume, arbeitet sich an Tauen müde oder mit Autoreifen. „Das macht riesigen Spaß“, sagt Nadine Angerer, die nach Stand der Dinge im Anschluss an ihre Fußballkarriere, die sie von September an mit Abstechern nach Australien und Amerika fortsetzen wird,  eben mit Crossfit-Angeboten auf Fuerteventura ihren Lebensunterhalt verdienen will. Ein Haus hat Nadine Angerer sich dort schon gekauft, an dem sie in den kommenden Urlaubswochen ein bisschen handwerklich tätig sein will.

          Zuvor aber wird sie noch ein paar Mal erklären müssen, wie sie die beiden Elfmeter im Finale halten konnte. Am Morgen des Endspieltages hatte sie sich zur Vorbereitung auf ein mögliches Elfmeterschießen mit ihrem Torwarttrainer Michael Fuchs, der nach der EM für zunächst ein Jahr Vollzeit in den Schuldienst zurückkehrt, vorbereitet. „Wir haben uns alle Schützen angeschaut, am Ende habe ich aber doch meiner Intuition vertraut“, sagt Nadine Angerer.

          Die Intuition brachte ihr die Verehrung der Mitspielerinnen ein. Während der Pressekonferenz nach dem Spiel überfielen die Kolleginnen ihre Kapitänin und skandierten immer wieder „Super-Natze, Super-Natze, hey, hey“. Der Starkult schmeichelte Nadine Angerer, aber er war ihr auch ein Stück weit peinlich wie schon zuvor auf dem Feld die Ehrung zur Spielerin des Spiels durch ihre ehemalige Teamkollegin und heutige Uefa-Botschafterin Steffi Jones.

          In erster Linie Teamplayer

          Denn bei allem Ehrgeiz und Selbstbewusstsein ist Nadine Angerer, die in den vergangenen Jahren durchaus mal Gefahr lief abzuheben, in erster Linie Teamplayer. Und so wird es sie, die nun womöglich Chancen auf die Wahl zur Weltfußballspielerin 2013 hat, nicht weiter stören, dass wenigstens der Titel der Fußballerin des Jahres an eine andere verliehen wurde, an Martina Müller vom VfL Wolfsburg. Bei der Party soll sie entsprechend eher im Gruppentanz denn im trauten Duett mit Wolfgang Niersbach unterwegs gewesen sein.

          Weitere Themen

          Alles hört auf sein Kommando

          HSV-Trainer Hecking : Alles hört auf sein Kommando

          Er wirkt etwas altmodisch, aber Trainer Hecking tut dem sonst so aufgeregten Hamburger SV dank seiner natürlichen Autorität gut – das imponiert auch seinen Vorgesetzten.

          Großmeister mit 14 Jahren

          Schachspieler Vincent Keymer : Großmeister mit 14 Jahren

          Im Alter von 14 Jahren, elf Monaten und vier Tagen steigt Vincent Keymer zum jüngsten deutschen Schach-Großmeister der Geschichte auf. Obwohl er noch so jung ist, markiert der Titel das Ende einer Durststrecke für den Schüler.

          Topmeldungen

          Erledigen Sie die Spieler des gegnerischen Teams: Szene aus dem Handyspiel Call of Duty Mobile

          Anschlag von Halle : Vom Ballerspiel zum Mordanschlag

          Stephan B. wollte seine Attacke in Halle aussehen lassen wie ein Videospiel. Eine Spurensuche in einer Welt, in der alles nur ein Witz sein kann – oder bitterer Ernst.
          Er wirkt altmodisch, aber alles hört auf sein Kommando: Trainer Dieter Hecking beim HSV

          HSV-Trainer Hecking : Alles hört auf sein Kommando

          Er wirkt etwas altmodisch, aber Trainer Hecking tut dem sonst so aufgeregten Hamburger SV dank seiner natürlichen Autorität gut – das imponiert auch seinen Vorgesetzten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.