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Eichlers Eurogoals : „Mission Impossible“ für Mourinho

Wer kann Chelsea noch zum Meister machen? Der echte José Mourinho (nicht im Bild) traut es sich nicht mehr zu. Bild: Reuters

Chelsea ist weit entfernt von der Tabellenspitze in England. Selbst der sonst so selbstbewusste José Mourinho hakt den Meistertitel ab – zumindest mit sich als Trainer. Nur einer könnte dieses Fußball-Wunder schaffen.

          3 Min.

          Der „Clásico“ wird seit einigen Jahren als globales Gipfeltreffen des Klubfußballs vermarktet. Auf dem dafür nötigen Level permanenter Aufgeregtheit ist der Zyklus der Duelle von Real und Barca, von Ronaldo und Messi fast zur Routine geworden. Doch dieser, der 263. „Clásico“, verdiente seinen Namen: klassisch, ja historisch.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          So chancenlos wie beim 0:4 am Samstag hat sich Real Madrid im eigenen Stadion, dem Bernabéu, zuvor nur beim 0:5 mit Johan Cruyffs legendärem Auftritt 1974 fühlen müssen; und bei der Geburtsstunde von Pep Guardiolas Barca-Team als neuem Maßstab des Weltfußballs, dem 2:6 im Mai 2009.

          Zugleich war es der erste „Clásico“ des 21. Jahrhunderts ohne den erfolgreichsten Fußballer der Welt. Und die Rede ist nicht von Lionel Messi. Sondern von Xavi. Er war einmal Weltmeister (und einmal Junioren-Weltmeister), zweimal Europameister, viermal Champions-League-Sieger, achtmal spanischer Meister. Die ganzen Pokale, Supercups und Klub-Weltmeisterschaften mitgezählt, sind es 25 Titel. Und seit er im Februar 2000 erstmals gegen Real Madrid auflief, hat Xavi in über fünfzehn Jahren 42 „Clásicos“ am Stück gespielt, Rekord.

          Doch selbst an diesem Mann, der mit seiner sagenhaften Passgenauigkeit wie kein anderer für den Markenkern des FC Barcelona stand (und für die größte Ära des spanischen Nationalteams), ist die Zeit irgendwann vorbeigegangen. Das wurde sichtbar vor einem Jahr, als er bei seinem letzten Auftritt im Bernabéu auf eine für ihn unfassbar schwache Passquote von 78 Prozent kam und mit Barca 1:3 verlor.

          Nicht nur Cristiano Ronaldo wollte gar nicht mehr hinschauen. Bilderstrecke
          Nicht nur Cristiano Ronaldo wollte gar nicht mehr hinschauen. :

          Die Größe des kleinen Regisseurs besteht auch darin, das erkannt zu haben und im Mai auf dem Gipfel abgetreten zu sein, nach dem „Triple“, zu dem er nur noch Kurzeinsätze beizusteuern hatte.

          Während also die Fußballwelt am Wochenende auf den „Clásico“ schaute, 80.000 im Stadion, angeblich 400 Millionen vor den Fernsehern, spielte Xavi nach 17 Jahren und 767 Einsätzen für den FC Barcelona auf einer etwas kleineren Bühne auf: vor einigen hundert Zuschauern beim 4:2-Sieg mit Al-Sadd bei Al-Khritiyat in der qatarischen Liga. Bei seinem Debüt im September waren immerhin 2253 Zuschauer gezählt worden.

          Iniesta ist der Mann für große Spiele

          Xavi wird bald 36. Nun gehört der Platz einem anderen allein, dem alten kongenialen Partner, bei dem man kaum glauben kann, dass er erst 31 ist – weil er eigentlich schon immer älter aussah, als er heute ist, aber immer noch läuft wie ein junger Mann. Andres Iniesta brillierte beim 4:0 in Madrid in seiner einmalig leichtfüßigen Art, dass er selbst aus dem großartigen Barca-Team noch herausragte; und dass sich bei seiner Auswechslung nach 77 Minuten auch Tausende Real-Fans erhoben, um ihm zu applaudieren.

          Iniesta ist Solist und Teamplayer zugleich, ein Mann für die großen Spiele. Er schoss das Siegtor im WM-Finale 2010 gegen die Niederlande. Er wurde zum „Man of the Match erkoren im WM-Finale 2010, im EM-Finale 2012 und im Champions-League-Finale 2015, wo Barca in Berlin das „Triple“ vollendete.

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          Und um Xavi als erfolgreichsten aktiven Spieler der Welt einzuholen, benötigt er nur noch einen spanischen Meistertitel mit Barca – nunmehr sechs Punkten Vorsprung vor Real. Sein Trainer Luis Enrique erhob Iniesta nach dem Sieg in Madrid gar in den Rang eines fußballerischen Unesco-Kulturerbes: Er sei ein „patrimonio de la humanidad“, ein Vermögen, ja Vermächtnis der Menschheit.

          Das wird man eines Tages in München vielleicht auch von Thomas Müller sagen. Und vielleicht ist es kein Zufall, dass es ein und derselbe Mann war, der diese drei, Xavi und Iniesta bei Barca, Müller bei den Bayern, als Teenager in die erste Mannschaft holte und den Vereinen, die ihn bald darauf entließen, als Quell bleibender Freude und wachsender Weltklasse vermachte: Louis van Gaal. Auf seiner letzten Karrierestation, bei Manchester United, wird ihm ein solcher Treffer vermutlich nicht mehr gelingen, bis er 2017 aufhört – oder vorher aufhören muss.

          „Ich delegiere und verdiene viel Geld“

          Die Fans von United murren über den wenig inspirierten Fußball der Van-Gaal-Truppe, die sich nun immerhin mit einem glücklichen 2:1-Sieg beim Aufsteiger Watford durch ein Eigentor in der Nachspielzeit von auf Platz zwei der Premier League vorgerumpelt hat – dank der Patzer von Manchester City (1:4 gegen Liverpool) und Arsenal (1:2 bei West Bromwich).

          Vor United steht nur noch das Sensationsteam von Leicester City, dessen Stürmer Jamie Vardy zum zehnten Mal hintereinander traf. Er stellte damit den Liga-Rekord von Ruud van Nistelrooy ein und könnte die Marke des alten Torjägers von ManUnited am Samstag sogar überbieten – gegen ManUnited, im Duell Erster gegen Zweiter.

          Van Gaal zeigt sich gelassen und versprüht, in England gern gehört, sogar Selbstironie. „Ich komme aus einer Zeit, in der man als Teamchef alles gemacht hat. Nun bin ich der Teamchef – und habe eine wissenschaftliche Abteilung, eine Scouting- und eine medizinische Abteilung, ich habe Manager-Assistenten, ich habe Ko-Trainer“, sagte er der Zeitung „Telegraph“. Und traf eine überraschende Feststellung über einen Job, der ihm im Jahr an die zehn Millionen Euro einbringt: „Ich mache eigentlich gar nichts mehr – nichts! Ich delegiere. Ich delegiere und verdiene viel Geld".

          Noch mehr Geld verdient José Mourinho, angeblich 18 Millionen Euro, Rekord in der Trainerbranche. Er findet allerdings, dass in der aktuellen Situation beim FC Chelsea nur noch einer helfen könnte, der noch mehr verdient. Nämlich mehr als 20 Millionen: nicht pro Saison, sondern pro Einsatz. Platz vier, also die Qualifikation für die Champions League, sei noch in Reichweite, sagte Mourinho nach dem 1:0 gegen Norwich, dem ersten Sieg des auf Platz 15 abgerutschten Meisters nach zuletzt drei Niederlagen. Die Titelverteidigung dagegen nennt er „Mission Impossible“. Und wer könnte die schon erfüllen? Niemand, nicht mal Mourinho. Halt, einer fällt ihm doch noch ein: „Vielleicht Tom Cruise”.

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