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Letzter der Bundesliga : Die Gründe für das Dilemma des VfB Stuttgart

„Nicht angenehm“: Der VfB Stuttgart hat in dieser Saison so manche Enttäuschung zu verkraften. Bild: Imago

Zuletzt erreichten die Schwaben fast den Europapokal. Das machte Mut für ambitionierte Ziele. Nun aber ist der VfB Letzter. Und ein Anfang vom Ende der Krise ist noch nicht in Sicht.

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          Das Dilemma des VfB Stuttgart lässt sich in dieser Saison – mal wieder – in einem einfachen Missverhältnis subsumieren. Dem zwischen der eigenen Erwartungshaltung und der Leistung auf und neben dem Feld. Das Ziel des Traditionsklubs ist vor der Saison klar definiert worden. Mit dem Abstieg werde man unter keinen Umständen etwas zu tun haben, sagte Sportvorstand Michael Reschke damals. Einen Platz im oberen Mittelfeld der Tabelle gab Präsident Wolfgang Dietrich als Marschroute vor. Nun aber ist der VfB auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Mindestens.

          Pokal-Aus in der ersten Runde gegen Hansa Rostock. Nach neun Spielen in der Bundesliga belegen die Stuttgarter mit fünf Punkten den letzten Rang des Klassements. Sechs Niederlagen und ein Torverhältnis von minus 15 stehen zu Buche. Schon nach sieben Partien musste Trainer Tayfun Korkut gehen; es war – mal wieder – die erste Trainerentlassung eines Bundesligavereins in dieser Spielzeit. Noch tiefer sinken können die störrischen Schwaben kaum. Zumal an diesem Freitag mit Eintracht Frankfurt (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und im Eurosport Player) alles andere als ein Aufbaugegner wartet.

          Bundesliga

          Auch andere Mannschaften stehen derzeit nicht gut da in der höchsten deutschen Fußballklasse. Allen voran Aufsteiger Fortuna Düsseldorf, der punktgleich mit dem VfB am Tabellenende steht. Champions-League-Teilnehmer Schalke 04 ist unerwartet schlecht gestartet. Vereine wie Hannover 96 und Mainz 05 kämpfen beinahe schon traditionell eher um den Klassenverbleib als um die internationalen Plätze. Und der 1. FC Nürnberg, zweiter Aufsteiger neben Düsseldorf, wurde sogar schon 0:6 und 0:7 aus dem Stadion gefegt in dieser Runde.

          Besser ein gesunder Realist sein

          Im Gegensatz zu den Stuttgartern aber übt sich ein Großteil dieser Klubs in Bescheidenheit. Der Optimismus ist in weiten Teilen des unteren Tabellendrittels dem gesünderen Realismus gewichen. Nirgendwo sonst, zumindest nicht in solcher Vehemenz, wurde bis zuletzt ein Schleier der Ignoranz über die Wirklichkeit gelegt. Immer wieder betonten die Verantwortlichen am Cannstatter Wasen, an den ursprünglichen Zielen festhalten zu wollen. Trotz der sportlichen Talfahrt. Die Spieler übten sich in platten Floskeln und Durchhalteparolen. Noch am Abend der 1:3-Niederlage gegen Hannover versicherte Sportvorstand Reschke, es gebe keine Diskussion um den Trainer. Am darauffolgenden Morgen wurde Korkut beurlaubt. Der VfB zehrt in seiner eigenen Wahrnehmung bis heute vom guten Abschneiden in der vergangenen Saison. Frisch der Zweitklassigkeit entkommen, belegte der Klub am Ende dank einer furiosen Rückrunde den siebten Tabellenplatz. Nur der spätere deutsche Meister Bayern München war nach der Winterpause erfolgreicher in der Bundesliga.

          Übte sich schon in Durchhalteparolen: Stuttgarts neuer Trainer Weinzierl mahnt Realismus an, will einen klaren Plan und Struktur durchsetzen.

          Dieses unerwartete Ergebnis verleitete die Vereinsführung allem Anschein nach jedoch zu einer Fehlinterpretation. Nämlich – mal wieder – zu einer überheblichen Bewertung der eigenen Fähigkeiten. Der Erfolg in der vergangenen Spielzeit hat sich keineswegs deshalb eingestellt, weil es der VfB geschafft hat, nach dem Aufstieg eine Mannschaft zu formen, die beinahe jedem Gegner gewachsen ist. Sondern deshalb, weil es diese Mannschaft geschafft hat, über einen ungewöhnlich langen Zeitraum über ihren Verhältnissen zu spielen. Dies ist den Beteiligten hoch anzurechnen. Fälschlicherweise aber wurde angenommen, man könnte diesen Leistungsklimax weiter, möglicherweise sogar dauerhaft konservieren. Daraus hat sich eine Selbstüberschätzung entwickelt, die nahezu jeder Grundlage entbehrt. Doch selbst ein so beachtenswerter Aufschwung findet irgendwann sein Ende. In Stuttgart haben sie es offenbar verpasst, dieses Ende rechtzeitig zu erkennen und zu realisieren, dass sie sich eben doch erst in der zweiten Saison nach dem Wiederaufstieg befinden. Und dass die vielversprechenden Neuzugänge eben doch nicht die erhoffte Wirkung hatten.

          Erst mit der Entscheidung, Markus Weinzierl als Cheftrainer für den geschassten Korkut zu installieren, hat die Vereinsführung auf die brenzlige Lage reagiert. Die Vorgaben für die laufende Saison wurden nach unten korrigiert. Ein wenig jedenfalls. Immerhin spricht in Stuttgart kaum noch jemand davon, dass der Klub sich für die Europa League qualifizieren könne. Die Spieler nehmen mittlerweile sogar öffentlich Begriffe wie „Abstiegskampf“ in den Mund. Und Weinzierl, der sich zumindest bei seinem früheren Arbeitgeber FC Augsburg schon als Krisenmanager profiliert hat, ist stets bemüht zu zeigen, Herr der Lage zu sein. Das Problem? Die ersten beiden Begegnungen unter seiner Leitung hat der VfB verloren. Jeweils 0:4. Ein Anfang vom Ende ist noch nicht in Sicht.

          „Es ist nicht angenehm, in so einer Situation zu stecken“, gab der 43-Jährige nun vor der schwierigen Aufgabe gegen den Tabellensiebten aus Frankfurt zu. „Wir brauchen einen klaren Plan, eine klare Struktur.“ Dass dieser Plan im besten Fall auch umsetzbar ist für eine Mannschaft, die einzig um das sportliche Überleben in der Erstklassigkeit kämpft, ist nun die Hoffnung derer, die mit ihrem beruflichen Schicksal mit dem VfB verbunden sind. Denn sicher ist: Bei einer weiteren Niederlage dürfte sich die Situation für alle Beteiligten in Stuttgart noch weiter verschärfen. Der Abstieg im Jahr 2016 ist noch nicht so lange her, als das man ihn vergessen sollte.

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