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VfB Stuttgart : Die letzte Chance für Korkut und Reschke

Michael Reschke (links) und Tayfun Korkut bei der Vorstellung des neuen VfB-Trainers. Bild: Picture-Alliance

Kompromisskandidat Korkut hat beim VfB Stuttgart eine heikle Mission übernommen. Für ihn wie für Sportvorstand Reschke geht es um mehr als den Klassenverbleib. Beide sind angezählt.

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          Sie muss sich für Michael Reschke wie eine sehr lange Zeit angefühlt haben, die Suche nach einem neuen Trainer. So zumindest machte es den Eindruck, als er am Montagabend den Mann vorstellte, der von nun an für den sportlichen Auftritt des Klubs in der Fußball-Bundesliga verantwortlich sein wird. Erleichterung war zu erkennen im Gesicht des 60 Jahre alten Rheinländers, gleichzeitig wirkte er zermürbt und erschöpft. Tatsächlich aber waren es gerade einmal 36 Stunden, in denen der Sportvorstand des VfB Stuttgart unentwegt telefonierte, um einen neuen Coach an die Seitenlinie des Bundesligaklubs zu holen. Nach allem was zu hören ist, hatte er es beileibe nicht einfach gehabt in diesen 36 Stunden. Am Ende präsentierte er eine Lösung, von der alle Verantwortlichen im Verein „total überzeugt“ seien: Tayfun Korkut.

          Doch der 43 Jahre alte Schwabe, der in Stuttgart geboren und nebenan in Ostfildern aufgewachsen ist, war wohl nicht Reschkes erste Wahl. Und allem Anschein nach auch nicht die zweite oder dritte. Zwar möchte sich der VfB-Manager zur genauen Reihenfolge der Gespräche nicht äußern, aber er sagt im Gespräch mit dieser Zeitung: „Nach dem Austausch mit Tayfun Korkut ist alles sehr schnell gegangen.“ Will heißen: Nach dem ehemaligen türkischen Nationalspieler stand kein Hochkaräter mehr in seinem Terminkalender.

          Zuvor oder während dieses zwei Stunden dauernden Gesprächs hatte es Absagen gegeben von Kandidaten, die mancher lieber in der Rolle des Retters, der gleichsam auch Gestalter sein soll, gesehen hätte. Die Fans kritisierten die Entscheidung, vielleicht sogar so vehement wie noch nie in Stuttgart. Reschke stellt klar: „Wir wollten keine populistische Entscheidung treffen, sondern eine, die wir für den Verein am besten geeignet halten.“ Dass es dafür keinen Applaus gebe, habe er gewusst. „Aber die einzige Währung, die momentan zählt, ist der Klassenverbleib. Und dafür müssen wir ein deutlich verändertes Gesicht zeigen.“

          Der VfB steckt in einer Sackgasse

          Korkut ist nun der Kompromiss, den Reschke gemeinsam mit Präsident Wolfgang Dietrich angesichts der aktuellen Situation eingehen musste. Ein Kompromiss zwischen eigener Anspruchshaltung und selbst auferlegter Linientreue dem vor eineinhalb Jahren eingeschlagenen neuen Stuttgarter Weg gegenüber, als sie am Cannstatter Wasen eine Neuausrichtung in den Bereichen Nachwuchsförderung, Vereinsstruktur und Spielkultur beschlossen hatten. Dieser wurde seit dem Abstieg in der Saison 2015/16 gemeinsam beschritten mit dem nun – zum Teil auf eigenen Wunsch hin – entlassenen Trainer Hannes Wolf. Doch der Weg hat in eine Sackgasse geführt, weil die handelnden Personen in den entscheidenden Momenten nicht bereit waren, Kurskorrekturen zuzulassen.

          Und so steht der Klub nach einem einigermaßen soliden Saisonbeginn mittlerweile auf dem 14. Platz der Tabelle, lediglich drei Punkte vor dem Relegationsrang. In den vergangenen acht Spielen unterlag der VfB siebenmal, auswärts gelang bislang überhaupt nur ein einziges Remis. Der Vertrag von Korkut hat eine Laufzeit bis zum Sommer 2019. Er gilt nur für die erste Liga. Im Falle eines Abstiegs müsste neu verhandelt werden, was andere Kandidaten, etwa Markus Weinzierl, von einer Unterschrift abgehalten haben soll. „Eine längerfristige Planung ist im heutigen Fußballgeschäft nicht mehr notwendig“, sagt Reschke dazu, der sich nun in einer ungewohnten Rolle wiederfindet.

          Der ehemalige Kader-Planer des FC Bayern München und Manager bei Bayer 04 Leverkusen steht in Stuttgart wie noch nie zuvor im Rampenlicht – und damit auch in der Verantwortung. Bei seinen bisherigen Stationen zog er immer im Hintergrund die Fäden. Nun muss er sich erstmals als alleiniger Entscheider beweisen. Als Lotse in einer schwierigen Phase, in der sich für den VfB entscheidet, ob es in naher Zukunft unglücklich oder annehmbar weitergeht. „Die Saison ist noch 14 Spiele lang“, sagt Reschke. „Unser Weg soll auch in der nächsten Spielzeit in der ersten Liga verlaufen.“

          An diesem Samstag steht mit der Partie beim VfL Wolfsburg (15.30 Uhr) eine schwierige Aufgabe an. Korkut könnte bei einem Erfolg die Lorbeeren des ersten gewonnenen Auswärtsspiels einheimsen und würde gleichsam die aktuell wenig optimistische Anhängerschaft wie auch Reschke selbst beruhigen. Denn für den gebürtigen Frechener geht es mit der Verpflichtung des neuen VfB-Trainers auch darum, sich selbst als kompetenten und umsichtigen Lenker eines Bundesligaklubs zu beweisen, der aus einer schwierigen Situation den richtigen Ausweg findet.

          Offensiver zumindest werden die Stuttgarter unter Korkut wahrscheinlich werden. Momentan stehen gerade einmal 16 geschossene Tore zu Buche. Dafür stabilisierte der Aufstiegsheld Wolf die seit Jahren wackelige Abwehr des VfB, was ihm zwar von vielen hoch angerechnet, aufgrund der fehlenden Erfolge jedoch oft als zu große Zurückhaltung ausgelegt wurde. Korkut wird mutiger agieren, eine aggressivere Grundordnung wählen. Er will einen schnellen, auf viele Abschlüsse ausgerichteten Fußball spielen lassen, auch wenn die taktische Ausrichtung immer auf die vorhandenen Spieler und ihre Fähigkeiten ankomme, wie er bei seiner Vorstellung am Montagabend im Presseraum der Mercedes-Benz-Arena deutlich machte. Ob dies den gewünschten Effekt bringt, werden das Spiel in Wolfsburg und die anschließenden Wochen zeigen. Möglicherweise wird ihm dafür noch ein offensiver Neuzugang an die Seite gestellt. Die aktuelle Transferperiode endet an diesem Mittwoch.

          Bislang war Korkut Cheftrainer bei Hannover 96, dem 1. FC Kaiserslautern und in Leverkusen. Doch besonders lange angestellt war er nirgendwo. Eineinhalb Jahre hielt er sich in Hannover, in Kaiserslautern etwa sechs Monate und in Leverkusen war bereits nach einem Vierteljahr Schluss. Beim VfB scheint sich nun für ihn nochmals eine Chance aufzutun. Wie für Reschke könnte es jedoch seine letzte sein. Für beide geht es in Stuttgart um mehr als nur den Klassenverbleib in der Bundesliga.

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