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Neues bei Sky-Übertragungen : Fangesang als Opium für das Volk

Jetzt bekommen sie auch noch eine Stimme: Sky verhilft den Pappkameraden im Mönchengladbacher Borussia-Park zu Gehör. Bild: AFP

Sky will seinen Zuschauern etwas ganz Besonderes bieten bei den Fußball-Geisterspielen. Deshalb sollen nicht nur Traineranweisungen und Schimpftiraden zu hören sein. Fans finden: „kompletter Quatsch“.

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          Was die „heute-show“ im ZDF kann, das kann Sky schon lange: So wie die Satiriker unter der Regie von Oliver Welke in Corona-Zeiten aus Mangel an Studiozuschauern frenetisch Applaus wahlweise aus sorgenlosen 80er-Jahhre-Spielshows von Rudi Carrell bis Peter Frankenfeld oder von durchchoreographierten Jubel-Massen in Pjöngjang einspielen, so will nun Sky bei der Fortsetzung der Fußball-Bundesliga mit „Geisterspielen“ unter Ausschluss von Zuschauern(ab Samstag/ 1530 Uhr/ F.A.Z.-Bundesliga-Liveticker und Sky) das fehlende Publikum durch Einspielungen von Fangesängen und Torjubel ersetzen. Die Fußballverbände hatten im März bei den ersten Überlegungen zu Geisterspielen aufgekommene Gedankenspiele, in den Stadien Spielatmosphäre vom Band einzuspielen, schnell verworfen.

          Im Werbesprech des Bundesliga-Rechteinhabers liest sich das nun so: „Als frei wählbare Alternative für Sky Kunden, die die Bundesliga über den Sky Q oder den Sky+ Receiver verfolgen, bietet Sky eine neue zusätzliche Audio-Option an. Neben dem Live-Kommentator werden dort auch zum Spielgeschehen passende Fan-Gesänge der beteiligten Mannschaften und Publikumsreaktionen eingespielt.“ Immerhin gibt es die Jubel-Perser-Option also nur auf Wunsch und nicht als Wohlfühl-Zwang.

          Der Standard bleibt bei Sky die ruhige Wirklichkeit in den Stadien, die sogar durch den Kommentator und laut Versprechen des Senders durch stärkeren Mikrofon-Fokus auf Traineransagen oder Spielerrufe der Spieler bereichert werden soll. Wenn die Akustik gut genug ist, wird man also etwa Mats Hummels lamentieren und Christian Streich schimpfen hören und vernehmen, wie Lewandowski den Ball für den Torschuss fordert oder der Dortmunder Wortführer Emre Can den Befehl zum Pressen erteilt. Das kann spannend werden. Beim Champions-League-Geisterspiel zwischen Paris Saint-Germain und Borussia Dortmund bekam man kurz vor dem erzwungenen Stillstand im europäischen Fußball einen Eindruck davon, dass die stimmgewaltigere und emotionalere Bank der Pariser durchaus ein Vorteil war im leeren Prinzenpark.

          „Diese Idee ist kompletter Quatsch“

          Doch was bekommen wir da nun in der Fake-Fan-Audio-Spur zu hören? Wahrscheinlich scheint, dass Schmährufe, das große Thema an den Spieltagen vor der Corona-Krise, keine Rolle spielen werden. Stattdessen dürfte es braven Jubel und politisch korrekte Fangesänge geben. Der Name „Dietmar Hopp“ dürfte genauso wenig zu vernehmen sein wie die Abkürzungen DFB und DFL. Eher erwartbar sind Fangesänge als Opium für die geschundene Fußballseele des Volks.

          Ist akustisch dichter Torjubel auf der Tonspur freilich angebracht, wenn die Spieler mit anderthalb Metern Distanz ihre Jubelchoreographie aufführen? Wie entscheidet der Regisseur im Sky-Studio, ab welchem Spielstand „Zieht den Bayern die Lederhosen aus“ bereits angebracht ist oder ob „Wir woll’n Euch kämpfen sehen“ passend ist für die Schalker, wenn sie in Dortmund in Rückstand geraten? Machen die Mainzer Fans dann ihre „Humba“ bei einem Punkterfolg oder pfeifen die BVB-Anhänger ihre Helden bei einem Unentschieden gegen Schalke aus? Vermutlich wird die Auswahl deutlich wertungsfreier vonstatten gehen. Ergibt das dann aber überhaupt einen Sinn? Auf Nachfrage zum genaueren Vorgehen, ob die Gesänge indivduell für jeden Klub ausgesucht oder beispielsweise von Klubs oder DFL autorisiert werden, ließ Sky nur wissen: „In der Tat werden individuell zu jedem Bundesligaspiel durch einen Toningeniuer die Fangesänge der beteiligten Mannschaften eingespielt.“ Einen gewissen Grad an Verfälschung seines journalistischen Angebots nimmt Sky damit in Kauf, freilich nach freier Entscheidung des Konsumenten für diese „Optimierung“ des Fernseh-Fußballkunsums.

          Es bedarf nicht allzu großer Phantasie, um Unmutsbekundungen seitens der in den Übertragungen zitierten Fans erwarten zu dürfen. Gesänge der „Ultras“, eingespielt als Kulisse zu anderen Spielen und Spielsituationen? Wenn auch nicht justiziabel, so dürften sich die aktiven Fans in ihrem Urheberrecht verletzt fühlen. „Diese Idee ist kompletter Quatsch. Fankultur findet im Stadion statt und nicht vom Band“, sagt Jan-Henrik Gruszecki, BVB-Fan und Sprecher des Bündnisses Südtribüne. Für beste Stimmung beim ersten Spieltag ist gesorgt.

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