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Berlin besiegt Köln 2:0 : Hertha ist klamm, aber fröhlich

  • -Aktualisiert am

Fingerzeig: Herthas Wilfried Kanga (links) jubelt über seinen Treffer zum 1:0. Bild: dpa

Ein Sieg über Köln und eine gelungene Jahreshauptversammlung verleihen dem Berliner Bundesligaklub Auftrieb: Die Hertha scheint auf dem Weg, ihr absurdes Theater hinter sich zu lassen.

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          Applaus für das Präsidium, Applaus für die Geschäftsführung und Applaus für den Trainer, wann hat es das zuletzt gegeben bei Hertha BSC? Lange her, aber genau so begann die Jahreshauptversammlung des Berliner FußballBundesligaklubs am Sonntag. Präsident Kay Bernstein hatte kaum die Bühne betreten, da schlug ihm schon der Jubel des Publikums entgegen.

          Bundesliga

          Der 42 Jahre alte Unternehmer gilt als die personifizierte Hoffnung auf Wandel, ein Kind der Kurve, früher stand er selbst im Olympiastadion auf den Rängen. Noch lauter wurde es, als Trainer Sandro Schwarz kurz darauf das Mikrofon übernahm und zu den Mitgliedern sprach. Schwarz und Bernstein sind die prominentesten Gesichter der neuen Hertha, die sich so gern von den Wirren der vergangenen drei Jahre befreien würde.

          Wer es nicht besser wusste, der hätte auf den Gedanken kommen können, hinter Hertha lägen die erfolgreichsten Monate der jüngeren Vereinsgeschichte. Zur Stimmung passte zu gut, dass die Mannschaft am Vortag das letzte Bundesliga-Spiel in diesem Jahr gegen den 1. FC Köln vor rund 60.000 Zuschauern im Olympiastadion 2:0 gewonnen hatte, dank der Tore von Wilfried Kanga und Marco Richter.

          Ebenfalls zum Berliner Sieg trug ein Kölner bei, wenn auch unfreiwillig. Sargis Adamyan brachte das Kunststück fertig, das leere Tor aus wenigen Zentimetern Entfernung zu verfehlen. Ob er so einen Fehlschuss schon mal gesehen habe, wurde Kölns Trainer danach gefragt. „Ja“, sagte Steffen Baumgart, „als ich selbst noch Stürmer war.“

          Köln hat die vergangenen drei Spiele verloren, Hertha verabschiedete sich mit einem Erfolgserlebnis in die Winterpause. „Diesen Jahresabschluss haben wir uns alle gewünscht, die Stimmung war ein Vollbrett. Die Mannschaft ist sehr froh, dass sie etwas zurückgeben konnte und wir die drei Punkte geholt haben“, sagte Trainer Sandro Schwarz.

          „Herausfordernde Situation“

          Durch den Sieg stieg Hertha auf Tabellenplatz 15, der am Saisonende zum Verbleib in der Bundesliga berechtigen würde. Bis dahin ist es zwar noch lange hin, aber kurzfristig stand der positive psychologische Effekt im Vordergrund, den dieser Sieg mit sich brachte. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass das Gefühl ein besseres ist, wenn man sich mehr als zwei Monate außerhalb der ärgsten Gefahrenzone aufhalten darf.

          So lange wird die Pause dieses Mal aufgrund der Weltmeisterschaft in Qatar dauern. Weiter geht es erst am 20. Januar mit dem Spitzenspiel zwischen RB Leipzig und dem FC Bayern. Hertha tritt einen Tag später beim VfL Bochum an. Dass es bis dahin nicht nur für Schwarz und sein Trainerteam viel zu tun gibt, wollte und konnte niemand verschweigen. „Das Jahr war ein richtiger Ritt, umso wichtiger war der gelungene Abschluss“, sagte Sport-Geschäftsführer Fredi Bobic.

          Nach einem gescheiterten Abwahlantrag gegen den Vorsitzenden des Aufsichtsrats, Klaus Brüggemann, kam die Sprache bald auf die missliche Finanzlage. Hertha beendete die vergangene Spielzeit 2021/22 mit einem Verlust von 79,75 Millionen Euro. Das Eigenkapital des Vereins verringert sich auf 29,5 Millionen Euro. Kurz: Die finanzielle Situation ist mindestens angespannt, der Verein und seine Entscheider stehen vor „einer herausfordernden Situation“, wie Finanz-Geschäftsführer Thomas Herrich erklärte.

          Erst drei Jahre ist es her, da war die Lage noch eine gänzlich andere. Hertha erwarb sich nach dem Einstieg von Investor Lars Windhorst in großem Tempo einen Ruf als neuer Protz der Branche. Windhorst pumpte über mehrere Tranchen verteilt 374 Millionen Euro in den Verein. Für die Summe erwarb er zwei Drittel an der Profiabteilung von Hertha. Was folgte, war ein an Absurditäten unübertroffenes Schauspiel zwischen Verein und Investor, die sich gegenseitig das Leben so schwer machten wie nur möglich.

          Verlierer dieser Epoche gab es mehr als Gewinner. Einer von ihnen ist der ehemalige Manager Michael Preetz, der am Sonntag parallel zur Mitgliederversammlung in einer Fußball-Talkshow zu Gast war und beim Sender Sport 1 vor allem mit Jürgen Klinsmann abrechnete. Dessen überstürzten Rücktritt als Trainer von Hertha im Februar 2020 nannte Preetz „eine der unverantwortlichsten Aktionen, die die Bundesliga wahrscheinlich je erlebt hat“.

          Spinnefeind mit Windhorst

          Preetz und Klinsmann sind Akteure der jüngeren vergangenen Klubgeschichte. Zu ihnen wird sich bald Lars Windhorst gesellen, der ebenfalls mehr Vergangenheit als Zukunft repräsentiert. Von seinem Geld ist nichts mehr übrig. Dass der Investor den Finanzhaushalt noch einmal ausgleicht, gilt als ausgeschlossen.

          Herthas neue Führung und Windhorst sind sich spinnefeind, die endgültige Entfremdung hatte eine vermeintliche Bespitzelung von Bernsteins Vorgänger Werner Gegenbauer ausgelöst. All das wollen die Berliner hinter sich lassen. Die Atmosphäre dafür scheint geschaffen. Das war eine der wichtigsten Botschaften, die von der Jahreshauptversammlung ausgingen.

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