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Vor dem Deutschland-Spiel : Holland droht ein Nordsee-Orkan

Schwerer Gang: Bert van Marwijk muss gegen Deutschland punkten Bild: dapd

Muss es wieder van Persie sein? Kein anderer EM-Trainer wird so seziert wie Bert van Marwijk. Der Bondscoach wird zusehends misstrauischer und wortkarger.

          Schweigen ist Gold, Toreschießen wäre besser. Von allen Niederländern ist Robin van Persie derzeit der Schweigsamste. Er redete nicht vor dem Spiel gegen Dänemark, er redete nicht danach, und beides wäre egal, hätte er dazwischen ein einziges Mal Taten sprechen lassen.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Doch der Torschützenkönig der englischen Premier League vergab bei der 0:1-Auftaktniederlage drei große Chancen kläglich. In solchen Fällen wird in Holland gern daran erinnert, dass er im Oranje-Trikot noch nie völlig überzeugt hat.

          Von dem Sohn zweier Künstler aus Rotterdam geht seit jeher ein Hauch von Abgehobenheit aus, den man ihm gern als Arroganz auslegt. Sollte van Persie im wichtigsten Spiel der Niederländer seit dem WM-Finale 2010 an diesem Mittwoch gegen Deutschland abermals nicht überzeugen und sein Team ausscheiden, dann dürfte aus dem leichten Gegenwind, den die Entscheidung von Trainer Bert van Marwijk für van Persie statt Klaas-Jan Huntelaar auslöste, ein Nordsee-Orkan werden.

          Van der Vaart: „Manchmal etwas mutlos“

          Schon jetzt regt sich die übliche Systemkritik der Altvordern, die seit jeher im holländischen Fußball Spiel und Stil ihrer Nachfolger in Frage stellen. Im Augenblick ist es vor allem die Generation von den Europameistern von 1988 wie Marco van Basten bis zu den Champions-League-Siegern von Ajax 1995 wie Clarence Seedorf.

          Sie prangern etwa die Wahl des kampfstärkeren Nigel de Jong im Mittelfeld anstelle des kreativeren Rafael van der Vaart an - und der frühere Hamburger erklärte, dass ihn die Versetzung auf die Bank „manchmal etwas mutlos“ mache.

          Auch der Chef-Kritiker Johan Cruyff attackierte einige Entscheidungen van Marwijks, goss aber anders als früher vor dem Duell mit Deutschland kein weiteres Öl ins Feuer. Staatsmännisch rief er alle Holländer auf, das Team zu unterstützen.

          Avancen von Manchester City

          Die meisten Experten treten für die populärste Option ein, beide Torjäger aufzustellen - eine Variante, die gegen Dänemark in der Schlussphase, als Huntelaar kam und van Persie nach links auswich, aber auch nicht funktionierte.

          Im Spielaufbau war van Persie gut, im Strafraum ein Ausfall. Danach mied er abermals jede öffentliche Auskunft, anders als die anderen, durchweg bereitwilligen Holländer. Auch beim traditionellen Tischgespräch mit der heimischen Presse im Quartier in Krakau fehlte er am Montag.

          Ziel verfehlt: Robin van Persie Bilderstrecke

          Seit Wochen bereits weicht er krampfhaft der Frage aus, ob er seinen Vertrag bei Arsenal verlängert oder den Avancen von Manchester City nachgibt, das ihm angeblich das neue englische Rekordgehalt von 300.000 Pfund pro Woche, also fast 20 Millionen Euro im Jahr, bietet. Auch vom FC Barcelona wurde Interesse vermeldet.

          Van Marwijk setzt auf tiefe Staffelung

          Auch van Marwijk, der den schwierigen Jungstar van Persie 2004 bei Feyenoord aus dem Stammteam geworfen hatte, worauf er nach England ging, tritt zuletzt immer wortkarger und misstrauischer auf, was manche Beobachter an seine letzten Monate bei Borussia Dortmund erinnert. Der Verband hat seinen Vertrag zwar gleich um vier Jahre bis 2016 verlängert. Doch wird die Arbeit keines anderen Trainers der EM in der heimischen Öffentlichkeit so sehr seziert und kritisiert wie die des Bondscoachs.

          So warf Cruyff van Marwijk vor, das Mittelfeld zu defensiv und tiefstehend aufgestellt zu haben, so dass Spielmacher Wesley Sneijder weit zurückmusste, um den Ball zu bekommen, und dann zu weite Passwege in die Spitze hatte. Doch genau diese tiefe Staffelung ist für van Marwijk der Schlüssel zum Spiel gegen Deutschland, um Özil, Müller und Co. nicht wieder solche Räume zwischen den holländischen Reihen zu geben wie beim 0:3 im November.

          „Wir werden auch am Mittwoch offensiv spielen“, sagte er dem niederländischen Fernsehen. „Allerdings müssen wir kontrolliert angreifen. Wir dürfen dem Gegner nicht ins offene Messer laufen.“

          Stürmer, Telefon!

          Sneijder forderte zwei Dinge: „Den Deutschen wenig Raum geben. Und vorne die Chancen nutzen.“ Im ersten Spiel konnte das Team, das nach Messi und Ronaldo mit van Persie Europas besten Torjäger der Saison hat, von 28 Torschüssen keinen verwerten.

          Und nicht mal, als er dann doch einmal redete, machte van Persie es richtig. Willem van Hanegem, einer der wortmächtigsten Veteranen aus dem legendären Team, das 1974 WM-Zweiter wurde, forderte van Marwijk auf, ein ernstes Wort mit van Persie zu wechseln - weil der unmittelbar nach der Niederlage gegen Dänemark am Spielfeldrand telefoniert hatte.

          „Was für einen Eindruck macht so etwas auf die Kollegen und die Öffentlichkeit?“, fragte van Hanegem in einer Kolumne. „Du hast gerade ein wichtiges Spiel verloren, in dem du einige interessante Chancen ausgelassen hast, und dann stehst du da und telefonierst. Ich finde das unglaublich.“ Vielleicht brauchte der torlose Torjäger einfach eine dringende Auskunft.

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