Kolumne „Nine to Five“ : Reisende Tränen, bebendes Begehren

Den älteren Kollegen hat es voll erwischt. Er ist frisch verliebt, hat stabile Vorurteile ad acta gelegt und summt Schlagerlyrik über die Flure.
Alles neu macht der Mai. Strenggenommen zeichnete sich das schon im Februar ab, berichtet die Freundin, die ob des jungen Glücks ihres deutlich älteren Kollegen ein bisschen frustriert wirkt. Sie arbeitet in einer Branche, die auf Fakten, Zahlen, messbare Ergebnisse setzt und in der Menschen, die sich beruflich mit den schönen Dingen des Lebens, Sprachen und Künsten beschäftigen, oft mit leisem Argwohn und einer Prise Neid betrachtet werden. Einer ihrer extrovertierten Kollegen betrieb das sehr beharrlich, sich „solche Künstlertypen“ – es klang nie freundlich, wie er das aussprach – vom Leib zu halten. Abstand war vorvorgestern. Denn in sein durchgetaktetes Leben ist eine aparte Geisteswissenschaftlerin getreten, nennen wir sie Veronika.


