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Prinz Charles : Rätselhafter Ureinwohner des Planeten Windsor

Seltsam oder seltsam gemacht? Der Prinz von Wales als Oberst der Welsh Guard in London. Bild: AP

Im Umfeld von Prinz Charles versuchte man alles, um dieses Buch in Verruf zu bringen. Dabei kommt der britische Thronfolger im Porträt der amerikanischen Journalistin Catherine Mayer gar nicht so schlecht weg.

          Es zeugt von der Überempfindlichkeit des Hofstaates von Prinz Charles, dass seine Mitarbeiter sich beeilt haben, Catherine Mayers Porträt des britischen Thronanwärters mit bissigen Kommentaren zu diskreditieren, als Anfang dieses Jahres die ersten Vorabdrucke ihres Buches „Charles – The Heart of a King“ für Schlagzeilen sorgten. Soeben ist das Buch in deutscher Übersetzung erschienen. Die Autorin, die bis kurz nach Erscheinen der englischen Ausgabe für das amerikanische Magazin „Time“ tätig war, sei dem Prinzen nicht so nahe gekommen, wie sie glauben machen wolle, ließ sein Büro in Clarence House, seiner Londoner Residenz, verlautbaren. Sie habe rund neun Minuten exklusiven Zugang zu ihm gehabt. Zu behaupten, es seien zehn gewesen, sei übertrieben.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Um zu unterstreichen, wie streng der Prinz behütet wird, schreibt Catherine Mayer, dass von dem Gespräch, das er ihr in seinem Jagdhaus nahe Schloss Balmoral gewährte, einige der aufschlussreichsten Sätze im Papierkorb gelandet seien, „desgleichen aber auch völlig unschuldige Bemerkungen“. Alarmiert über aufgemotzte Schlagzeilen, wie jene, die nahelegten, dass im Haushalt des Prinzen meuchlerische Zustände herrschten wie in Hilary Mantels Schilderung der Ränkespiele am Hof Heinrichs VIII. in dem Bestsellerroman „Wölfe“, ging Clarence House dennoch scharf in die Offensive: Vieles in dem Buch beruhe auf „schlecht informierter Spekulation“.

          Die Anwälte würden den Inhalt genau auf künstlerische Freiheit überprüfen; es fielen die Worte „nicht hilfreich“, als sei von einer seriösen Journalistin zu erwarten, dass sie Partei ergreife für ihr Sujet, statt sich ein unabhängiges Urteil zu bilden. Es ist freilich nicht ohne Ironie, dass die Reaktion manche Vorurteile zu bestätigen schien, mit denen Catherine Mayer aufzuräumen sucht, obwohl sie erklärt, es sei leichter, den Thronfolger zu kritisieren, als ihn zu verstehen.

          Sie bevorzugt die Republik und den Atheismus: die amerikanische Journalistin und Autorin Catherine Mayer

          Dabei kommt der Prinz gar nicht schlecht weg bei der Amerikanerin, die der Monarchie grundsätzlich eine Republik vorzieht und bekennt, Atheistin zu sein. Im Gegenteil. Zwar bedient sie sich häufig des rhetorischen Mittels, unbelegte Unterstellungen oder Geschichten vom Hörensagen zu wiederholen, um sie dann richtigzustellen, wie etwa das Gerücht, dass sich das verwöhnte Prinzchen von seinem Diener die Zahnpasta auf die Bürste pressen lasse oder dass die Küche jeden morgen sieben Frühstückseier koche, um sicherzustellen, dass eines so gelinge, wie es dem Thronfolger behage. Doch macht die Autorin Ernst mit ihrer Ankündigung, das von ihm gezeichnete Zerrbild korrigieren zu wollen und die zwischen der steifen Oberlippe der Windsors und „dem gefühlsbetonten, therapieerfahrenen, bekenntnishaften Stil“ seiner ersten Frau hin- und hergerissene Figur in ihren Widersprüchen und Brüchen darzustellen.

          Das Buch ist aus der Erkenntnis geboren, dass die Monarchie ungeachtet ihrer arkanen und absurden Züge eine Rolle spiele und es sich deswegen lohne, das Wesen des nachdenklichsten Mitglieds der königlichen Familie zu durchleuchten, in dessen Händen die Zukunft der Institution einmal liegen wird. Die Darstellung liest sich eher wie ein ausgedehntes Magazinporträt mit reportagehaften Elementen, anschaulichen Einblicken und Interviewfetzen als eine herkömmliche Biographie. Die Autorin verzichtet auf eine chronologische Lebensgeschichte. Stattdessen wählt sie einen thematischen Ansatz, bei dem die Schwerpunkte zu stark diktiert werden durch die königlichen Termine, denen sie beiwohnen durfte, darunter ein offizieller Besuch in Kanada, dem sie ungebührenden Platz einräumt.

          Catherine Mayer setzt sich intensiv mit der um Harmonie mit der Natur bestrebten Philosophie des Thronanwärters, die ihm bisweilen Spott, mitunter, etwa vonseiten der Architekten, die unter seiner antimodernistischen Einstellung stöhnen, sogar tiefes Ressentiment eintragen. Damit wird der empfindliche Punkt der Einflussnahme berührt, die Charles’ Kritiker als verfassungswidrigen Missbrauch seiner privilegierten Position empfinden. Als die englische Ausgabe erschien, war das Verfahren über den Antrag des „Guardian“, die Veröffentlichung der Korrespondenz des Prinzen mit Mitgliedern der Regierung zu erwirken, noch nicht bekannt.

          Man hätte sich in der deutschen Ausgabe mehr gewünscht als die bloße Mitteilung, dass der Oberste Gerichtshof schließlich dem Gesuch der republikanischen Zeitung stattgegeben habe. Ein Satz über die Rezeption dieser engagierten Interventionen des Prinzen, der, wie Catherine Mayer schildert, nicht zuletzt aus einem tiefen Schuldgefühl über die Ungleichheit heraus entschlossen sei, die Welt zu verbessern und etwas zu bewegen im Leben der Menschen, wäre nicht fehl am Platze gewesen. Ein Patzer in der dienstbaren Übersetzung ist unverzeihlich: In dem berühmten Gespräch mit Camilla, wo der Prinz erklärte, ein Tampon in der Scheide der damaligen Geliebten sein zu wollen, wird die selbstironische Klage, dass es typisch für sein Pech wäre, wenn er dann in der Toilette landen würde mit „Was für ein Glück, in die Toilette geworfen zu werden“ übersetzt. Dabei dient die Episode als wunderbare Illustration für die Neigung des dünnhäutigen Charles zur ständigen Selbstabwertung, die, durch Humor gelindert, selbst beim Liebesgeflüster zum Vorschein kommt.

          Am Ende maßt sich Catherine Mayer die Rolle der Beraterin an. Sie beruft sich auf Machiavelli, um ihrem Prinzen schulmeisterliche Verhaltensstrategien zu verabreichen, die dieser beherzigen könnte, „damit er mehr geliebt und weniger gehasst“ werde. Vor allem rät sie dem Thronerben, sein Personal unter Kontrolle zu halten und sich für mehr Transparenz einzusetzen. Im Ganzen aber fällt die Bilanz positiv aus, wobei die Autorin auch schonungslose Kritik übt an den Torheiten und Eigenarten dieses Ureinwohners des „Planeten Windsor“, wie sie das Königshaus bezeichnet, um hervorzuheben, dass der „mit einem großen Bündel silberner Löffel im Mund“ geborene Prinz nach anderen Maßstäben zu messen sei als gewöhnliche Sterbliche.

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