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Auf und Ab an der Börse : Berenberg erwartet eine Jahresendrally an den Börsen

Was geschieht momentan an den Börsen? Der Chefanleger der Berenberg Bank Henning Gebhardt in seinem Büro. Bild: Wolfgang Eilmes

Laut Finanzfachmann Henning Gebhardt ist die Konjunktur in diesem Jahr keine Begründung für die zum Teil großen Kursverluste in der jüngeren Vergangenheit. Was geschieht momentan an den Börsen?

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          Solch einen Satz sagt Henning Gebhardt selten. „Ich kann nicht nachvollziehen, was zurzeit an den Börsen geschieht“, sagt der Leiter der Vermögensverwaltung im Hamburger Bankhaus Berenberg in einem Gespräch mit Journalisten. „Die Herbststürme sind in diesem Jahr stärker als erwartet.“ Gebhardt verfügt über eine lange Erfahrung an den Kapitalmärkten und hat schon so manches Auf und Ab an den Börsen erlebt. Jetzt schüttelt er den Kopf: „Ich finde es überraschend, wie sehr die Politik in diesem Jahr die Börsen beeinflusst. Der alte Satz, wonach politische Börsen kurze Beine haben, gilt dieses Jahr nicht“, konstatiert Gebhardt.

          Eines steht für die Anlageexperten im Hause Berenberg fest: Die Konjunktur taugt nicht als Begründung für die zum Teil sehr herben Kursverluste der jüngeren Vergangenheit. „Der Markt preist eine deutliche Verlangsamung des Wirtschaftswachstums ein“, meint Bernd Meyer, der Chefstratege in der Vermögensverwaltung. „Auch wenn wir von einer moderaten Eintrübung der Konjunktur im kommenden Jahr ausgehen, halten wir Rezessionsbefürchtungen und den momentanen Abverkauf an den Börsen für übertrieben.“ Der Konjunkturzyklus sei zwar seinem Ende näher als seinem Anfang, aber das Gewinnwachstum der Unternehmen werde solide.

          Und da das Jahresende traditionell eine gute Zeit für die Börsen sei und der amerikanische Aktienmarkt in der Vergangenheit nach Zwischenwahlen zum Kongress häufig mit Kursgewinnen reagiert habe, zeigt man sich bei Berenberg optimistisch. „Wir glauben an eine Jahresendrally“, sagt Gebhardt. „Die unerwartet starken Turbulenzen seit Oktober müssten in den kommenden Wochen ein Ende finden.“ Gebhardt nennt ungern Kursziele, aber er kann sich vorstellen, dass der Dax bis Jahresende in Richtung 12.000 Punkte marschieren könnte. Dann wäre 2018 für den deutschen Markt immer noch kein gutes Aktienjahr, aber immerhin würde man mit einer versöhnlichen Note schließen.

          Gebhardts Zuversicht gründet unter anderem auf der Überzeugung, dass am deutschen Aktienmarkt so manche schlechte Nachricht auf dieses Jahr beschränkt bleibt und im kommenden Jahr nicht länger die Börse prägt. Dazu rechnet er das schlechte Abschneiden der Aktien von Autoherstellern und Zulieferern. Generell sieht Gebhardt die Börsen nach den jüngsten Kursrückgängen nun wieder moderater bewertet, und bei einzelnen Werten, zum Beispiel BASF oder Wacker Chemie, könne man sich schon fragen, ob da nicht wieder Einstiegskurse vorlägen. Zudem böten auf dem ermäßigten Kursniveau viele Unternehmen sehr attraktive Dividendenrenditen. Das ist ein Grund, warum Aktien im Vergleich zu Anleihen als attraktiver gelten.

          Generell liegt dem Berenberg-Mann Pessimismus fern. „Wenn man sich die Renditedreiecke des Deutschen Aktieninstituts ansieht, kann man leicht erkennen, dass sich langfristig Aktienanlagen lohnen, auch wenn es einmal schwierigere einzelne Jahre gibt“, sagt der Anlagefachmann. „Ein Fondsmanager kann auch nicht nur pessimistisch sein. Dann stellte sich schon die Frage, ob er im richtigen Beruf ist.“ Allerdings müsse auch klar sein, dass nach dem allmählichen Auslaufen der sehr expansiven Geldpolitik die Renditen auf Aktienanlagen in den kommenden Jahren geringer sein würden als früher.

          Wenn aber nach der von Gebhardt und Meyer verbreiteten Ansicht nicht die Konjunktur auf der Börse lastet – was ist es dann? Meyer hat als einen Einfluss die Politik identifiziert. Damit meint er unter anderem die Geldpolitik, die global betrachtet nicht mehr so expansiv ist wie in den vergangenen Jahren. Zum Zweiten spielen, wie Meyer sagt, ein zunehmender Protektionismus und die Gefahr einer Beschädigung der Globalisierung eine Rolle.

          Auch die Lage in Italien wird bei Berenberg als eine Quelle der Unsicherheit benannt. Allerdings vertritt man dort die These, dass die Regierung nachgebe, wenn die Renditen für Anleihen so stark stiegen, dass sie eine Gefahr für den italienischen Haushalt und die italienischen Banken bedeuteten. Schwarzmalerei gilt als übertrieben. „Italien hat noch nie eine Staatsanleihe nicht zurückgezahlt“, betont Gebhardt. Jeder Vergleich von Italien und Griechenland sei daher nicht zulässig.

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