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Start in Skisprung-Saison : Wellingers bemerkenswerter Reifeprozess

Flugtauglich: Andreas Wellinger in der Skydiving-Anlage in Bottrop. Bild: dpa

Die lange Vorbereitung ist beendet, die Skispringer starten in Wisla in die neue Saison. Besonders viel erwartet der Bundestrainer von einem deutschen Athleten.

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          Das Timing passt. Pünktlich zu diesem Wochenende, an dem die langen Wochen der Vorbereitung ein Ende haben und erstmals mit zählbaren Resultaten zu rechnen ist, die Aufschluss über die Qualität der zurückliegenden Grundlagenarbeit des Sommers geben, sendet der Winter ein paar kalte Vorboten über Schlesien. Die Rahmenbedingungen – leichter Schneefall und Temperaturen rund um den Gefrierpunkt – dürften zum Weltcup-Auftakt der Skispringer an der Adam-Malysz-Schanze von Wisla, wo an diesem Samstag (16.00 Uhr im ZDF und bei Eurosport1) der Startschuss in eine besonders spannungsgeladene Saison fällt, stimmen. Werner Schuster, der österreichische Bundestrainer des Deutschen Skiverbands (DSV), prognostizierte jedenfalls vorab eine „tolle Atmosphäre“, von der er sich erhofft, dass sie seinen Leuten den nötigen Auftrieb verleiht, um bei den zahlreichen Großereignissen, die demnächst anstehen, ein Wort bei der Titelvergabe mitreden zu können.

          Schuster, der im kommenden Jahr sein zehnjähriges Dienstjubiläum als Chefausbilder beim DSV hat, steht vor der Herausforderung, sein Team so aufzustellen, dass es den Ausfall des nominell besten Manns verkraftet. Severin Freund, Mannschafts-Olympiasieger in Sotschi 2014 sowie Gesamtweltcup-Gewinner und Einzel-Weltmeister (beides 2015), fällt wegen eines Kreuzbandrisses aus. Es ist bereits die zweite Verletzung dieser Art, nachdem ihn zuvor schon wiederholt Bandscheibenprobleme und die Folgen einer Hüftoperation in seinem Bewegungsradius eingeschränkt hatten. Er konzentriert sich aktuell auf sein Comeback, steht den Kollegen bei Bedarf aber als Ratgeber zur Verfügung. Freund zeigte sich bei mehreren Auftritten abseits der Bakken davon überzeugt, dass bei ihm „noch genug Potential da ist“ und er „auf jeden Fall“ auf ein Niveau kommen könne, um „wieder konkurrenzfähig“ zu werden.

          Zukunftsmusik. Aktuell muss Schuster ohne seinen Vorzeige-Athleten auskommen, und so, wie es ausschaut, bringt Andreas Wellinger vieles mit, um in die Rolle der Führungsfigur zu schlüpfen. Hinter dem gebürtigen Traunsteiner, der im August 22 Jahre alt geworden ist, liegt ein bemerkenswerter Reifeprozess, der ihn in diesem Gewerbe, wo zwischen Aufschwung und Absturz mitunter nur Zentimeter liegen, zu einem auch von der Konkurrenz vielbeachteten Kandidaten mit Champion-Potential werden ließ. Andreas Kraft, die Nummer eins der erfolgverwöhnten Österreicher, sagte, dass er vor niemandem so viel Respekt verspüre wie dem mittlerweile in München lebenden Oberbayern. „Ich rechne mit Wellinger. Ich habe ihn zuletzt beim Training gesehen, er ist sehr gut drauf“, sagte Kraft vor der Abreise nach Polen.

          „Es geht in die richtige Richtung“: Andreas Wellinger.

          Wellinger war auch während der Schlussphase der vorigen Weltcup-Kampagne in herausragender Verfassung, an der er nun während der wettkampffreien Zeit weiter feilte. Zwischen Mitte Januar und Ende März sprang er zwölfmal aufs Podium, wobei es zu zwei ersten Plätzen reichte. „Es geht in die richtige Richtung“, sagte Wellinger im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Mehrere Wehwehchen hätten ihm anfangs bei der Einstimmung auf die nun beginnende Termin-Hatz behindert und „Zeit und Energie gekostet“. Doch nach einer Phase des Innehaltens, in der er eine Entzündung an der Patellasehne im Knie kurierte, und einem Urlaub auf den Philippinen meldete sich der begeisterte Hobby-Surfer voller Tatendrang zurück. Er wolle sich weiter „nach vorne orientieren“, sagte Wellinger.

          Fast 400 Übungssprünge liegen hinter ihm, ein Großteil dabei auf Matten im Grünen. Er hat sie als „beschwerlich“ in Erinnerung. Aber: „Jetzt habe ich ein gutes Gefühl.“ Und das ist bei den sensiblen Skispringern, bei denen die mentale Konstitution mindestens genauso wichtig ist wie die körperliche, ein entscheidender Faktor. Schuster lobt Wellinger für seine Akribie und seinen Fleiß, mit denen er nach Verbesserung strebt: „Andreas hat eine gute Haltung gefunden. Sein Zugang zum Sport ist noch professioneller geworden.“ Beim Hanteltraining, das der Sprungkraft der Beine dient, legt er mittlerweile zehn Kilogramm mehr auf die Stange als vor zwölf Monaten.

          Insbesondere Wellingers Abschneiden bei der Nordischen WM im vergangenen März wertet Schuster in der Entwicklung als wegweisend; seinerzeit reichte es im Einzel von der kleinen und der großen Schanze jeweils zu Silber. Das habe ihn bestärkt und zugleich seinen Ehrgeiz geweckt, ist sich der Bundestrainer sicher. „Dadurch, dass er nicht gewonnen hat“, so Schuster, sei „die Energie noch höher, um Gold zu schaffen“. An Gelegenheiten mangelt es Wellinger demnächst nicht, die Reihe vorzeigbarer Auftritte zu verlängern: Vierschanzentournee, Olympische Spiele in Pyeongchang und dazwischen im Januar die Skiflug-WM in Oberstdorf, wo er mit 238 Metern den Schanzenrekord hält.

          Der frühere Kombinierer, der von sich sagt, er habe lernen müssen, „dass man mit dem Kopf nicht durch die Wand kommt“, weiß, dass Nuancen im Anlauf durch die vereisten Keramikspuren, beim Absprung mit 90 Kilometern pro Stunde oder während der nur wenige Sekunden dauernden Flugphase ausschlaggebend sein können, wenn es um die Medaillen geht: „Es kommt auf das passende System an. Es gibt Momente, in denen man links und rechts von der Straße abkommt. Dann ist das wichtigste, schnell den richtigen Weg zurückzufinden“, sagt Wellinger. Das Ergebnis in Wisla wird dabei eine erste Marschrichtung vorgeben.

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