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Russen im Eiskanal : „Rückt unser Gold raus!“

  • -Aktualisiert am

Die Meinungen zum Start Russlands gingen bei Fans und Athleten auseinander. Bild: EPA

Nach der Aufhebung der Suspendierung wegen Dopingverdachts sind Russlands Skeleton-Sportler in Winterberg zurück im Weltcup. Fans und Athleten reagieren unterschiedlich – und bisweilen heftig.

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          Der Mann, den sein Wintersportanzug als Andrej aus Krasnodar auswies, hatte sich für das Wochenende in Winterberg viel vorgenommen: Im Zielbereich der Kunsteisbahn stand er allein, mit einer riesigen Russland-Fahne direkt neben einer Gruppe dunkelrot gekleideter Skeleton-Fans, die nicht nur viermal mehr lettische Fahnen schwenkten, sondern dazu noch ein Transparent mit unmissverständlicher Botschaft nach oben hielten. „Sotschi 2014 – Rückt unser Gold raus!“ stand dort auf Russisch. Den etwa 40-jährigen weitgereisten Russen unter seiner grünen Fellmütze mit russischem Doppeladler beeindruckte das wenig. Mit einer Vuvuzela feuerte er gut gelaunt sein Nationalteam an und stellte sich dem Wortgefecht: Die Debatte um Konsequenzen aus dem McLaren-Bericht zum russischen Doping-Programm hat auch die Fans von Sportarten wie Skeleton und Bobfahren erreicht.

          Erst kurz vor den Weltcup-Rennen in Winterberg, zugleich die Europameisterschaft, war die Suspendierung vier russischer Skeletonathleten durch den Internationalen Bob- und Skeleton-Verband (IBSF) aufgehoben worden. Sie stehen unter dem dringenden Verdacht, während der Winterspiele 2014 in ein Staats-Doping involviert gewesen zu sein. Allerdings erklärte die IBSF, dass die ihr von der Welt-Anti-Doping-Agentur übermittelten Belege vorerst nicht ausreichten, die Berufung abzulehnen. Start frei also auch für den Olympiasieger von 2014, Alexander Tretjakow. Danil Tschaban, Cheftrainer des russischen Skeleton-Teams, bezeichnete diese Entscheidung als „logische und gerechte“. Die russische Zeitung „Iswestija“ titelte: „Erster Sieg über MacLaren“, und der frühere Präsident des Russischen Olympischen Komitees, Tjagatschew, sprach von einem „Atemzug frischer Luft.“

          Russlands Skeletoni waren in Winterberg erstmals nach der Suspendierung am Start.

          Keine dicke Luft in Winterberg? Der deutsche Christopher Grotheer sauste mit seinem Skeleton auf Rang vier, landete just hinter Alexander Tretjakow. Bundestrainer Jens Müller fand das ärgerlich, räumte aber ein, dass Tretjakow „einfach besser war“. Er glaube nicht, dass die laufende Doping-Diskussion die sportlichen Veranstaltungen überlagere, sagte Müller, auch das Verhältnis zwischen russischen und anderen Athleten sowie den Teambetreuern sei nicht von Anfeindungen geprägt. Es sei lediglich „kühler geworden“. Kühler? Die Russin Jelena Nikitina, in Sotschi gewann sie Bronze, wurde auch von der Suspendierung befreit und trat in Winterberg an: „Ja, man merkt schon, dass da was nicht stimmt – vor allem an den Blicken. Obwohl man sich grüßt, schwingt da immer auch Missgunst mit.“ Missgunst oder doch eher Misstrauen?

          Manipulierte Proben reichen nicht für Verurteilung

          Der kanadische Jurist McLaren beschreibt in seinen Berichten für die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) detailliert, wie Doping-Proben russischer Athleten nachts im Labor mit Hilfe des Geheimdienstes ausgetauscht worden sein sollen. Analysen hätten zu eindeutigen Ergebnisse geführt: In dem angeblichen Urin zweier Eishockey-Spielerinnen fand man männliche DNA. Auch andere kuriose Analyseresultate sowie Kratzspuren an den Kontrollflaschen belegen die vom ehemaligen Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors (Rodschenkow) beschriebenen Manipulationen. Sie allein reichten aber in einem juristischen Verfahren nicht aus, die Athleten zu verurteilen. Nikitina, als 18. in Winterberg weit hinter der neuen Europameisterin Jacqueline Lölling (Winterberg) zurück, gelobte, „alles in meiner Macht Stehende tun, um zur Aufklärung“ beizutragen.

          Ginge es nach den lettischen Fans, dann müsste das Ergebnis von Sotschi sofort revidiert werden: „Gebt uns unser Gold zurück!“, riefen sie in Winterberg, was Andrej aus Krasnodar mit „Russland voran“-Rufen konterte. Die Athleten ließen sich nicht aufheizen. Nach dem Rennen gaben die lettischen Brüder Martins und Tomass Dukurs bei der Siegerehrung auch ihrem Bezwinger von Sotschi, Tretjakow, die Hand, obwohl sie und ihr Verband dazu beigetragen hatten, dass Sotschi die WM 2017 entzogen wurde. „Den einen ziehen solche Sachen runter, dem anderen geben sie einen Extra-Motivationsschub“, sagte Cheftrainer Müller: „Speziell der Martins Dukurs, der in Sotschi die Goldmedaille verloren hat – für den ist es eine Riesen-Motivation, Tretjakow zu schlagen.“ Auch die deutschen Bob-Fahrer denken so. Eine Revanche bei einer WM in Sotschi für ihre bitteren Niederlagen 2014 wäre ihnen recht gewesen. Aber Siege schmecken auch woanders. In Winterberg gewann Francesco Friedrich mit Thorsten Margis das Weltcup-Rennen und damit den EM-Titel, Johannes Lochner gelang das Kunststück erstmals im Viererbob. Das lähmt die drohende Vereisung. Zwischen Fan Andrej und den Letten setzte sogar Tauwetter ein: „Für die Feindschaft sorgt doch die Politik“, behauptete der Russe mit der Vuvuzela: „Politik ist wie das Wetter, mal gut, mal schlecht. Wir einfachen Leute sind wie Birken – im Sommer wie im Winter gleich.“

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