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Vierschanzentournee : Vorläufige Entwarnung bei Freitag – Stoch jagt „Grand Slam“

Nach der Landung im ersten Durchgang stürzt Richard Freitag schwer. Bild: NIESNER/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Das dritte Springen der Vierschanzentournee sorgt für einen Schock. Mitfavorit Richard Freitag stürzt und klagt über starke Schmerzen. Jetzt hat der Teamarzt eine erste Diagnose gestellt. Derweil übt der Bundestrainer Kritik an der Jury.

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          Aus der Traum? Die Wahrscheinlichkeit, dass es erstmals seit sechzehn Jahren wieder einen deutschen Sieger bei der Vierschanzentournee geben wird, ist am Donnerstag ein ganz großes Stück kleiner geworden. Für Richard Freitag, bis dahin Zweitplazierter im Gesamtklassement, nahm die dritte Veranstaltung der Wettkampfserie einen unerfreulichen Ausgang, der seine Chancen auf den erhofften Sieg Knall auf Fall zunichte machte: Der Sachse stürzte in Innsbruck, als er versuchte, bei turbulenten Witterungsbedingungen seinen Sprung auf 130 Meter mit einer Telemark-Landung zu veredeln.

          Als er im Wind auf der Schanze am Bergisel zur Bodenberührung ansetzte, kreuzten sich beim Aufstellen beide Ski-Enden, so dass er kurz die Kontrolle verlor, kopfüber in den Schnee fiel und ungebremst durchs Ziel rutschte. Nach einigen Schrecksekunden und der Erstversorgung durch Sanitäter verließ Freitag leicht humpelnd auf eigenen Füßen die Arena – auf den ersten Blick ohne größere Verletzungen, aber sichtlich angefressen, dass ihm durch den Fehltritt die ausschlaggebenden Punkte im Duell mit Kamil Stoch verlorengingen.

          Ob der 26-Jährige beim letzten Springen der Vierschanzentournee in Bischofshofen am Samstag starten kann, soll erst am Freitag entschieden werden, teilte der Deutsche Skiverband am Abend mit: „Aktuell ist es okay, er hat halt noch Schmerzen. Er kann noch nicht richtig belasten. Man muss nochmal abwarten, wie es sich entwickelt“, sagte Mark Dorfmüller, der Teamarzt. Freitag fiel in der Gesamtwertung auf den 21. Platz zurück.

          Schuster gibt Jury eine Mitschuld

          Der Pole, der auf 130 und 128,5 Meter kam, setzte sich wie auch in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen überlegen durch – und greift nun nach dem Sieg bei allen vier Springen der Tournee, was bislang erst einmal in der Saison 2001/2002 Sven Hannawald gelang. Bundestrainer Werner Schuster zeigte nach dem Ausrutscher seines aktuell besten Manns Mitgefühl mit Freitag, der zum zweiten Durchgang nicht mehr antrat und stattdessen in ein Krankenhaus gebracht worden war: „Es ist schade, dass dieser großartige Sportler hier nicht belohnt wird.“

          Schuster gab der Jury eine Mitschuld an Freitags Fauxpas, weil sie „die falsche Wettkampfführung für diese Aufsprung-Präparierung“ gewählt habe. Horst Hüttel, der Sportliche Leiter des DSV, verstärkte dies: „Der Vorwurf muss im Raum bleiben. Bei diesen Bedingungen muss man nicht über Hillsize springen.“ Bereits vorher sei von deutscher und polnischer Seite mit der Jury über die Risiken gesprochen und das Gremium gebeten worden, „defensiver zu agieren“ und gegebenenfalls den Anlauf zu verkürzen. Die Worte, so Hüttel, hätten kein Gehör gefunden.  

          Der erste Blick ging schon frühmorgens nach oben. Und auch danach immer wieder. Seit Tagen hing ein dunkles Wolkenband über den Gipfeln der Nordkette fest, das auch durch der Orkan Burglind, der mit Böen von bis zu hundert Kilometern in der Stunde durch das Inntal geblasen hatte, nicht vertrieben werden konnte. Ein Flutlicht gibt es an der 1930 errichteten Anlage nicht. Daher können sich die Athleten nicht bei Dunkelheit zu Tal stürzen, und es herrscht stets besonderer Zeitdruck.


          Mit den Bedingungen, vergleichsweise wenig Wind und viel Regen, kamen neben Stoch auch der Norweger Daniel-Andre Tande (129,5 und 125 Meter) sowie der Münchner Andreas Wellinger (133 und 126), die hinter ihm auf dem Podium landeten, am besten zurecht. Wellinger verbesserte sich dadurch in der Gesamtwertung sogar auf den zweiten Rang hinter Stoch (mit einem Rückstand von 65 Punkten). Markus Eisenbichler aus Siegsdorf wurde Achter, der Schwarzwälder Stefan Leyhe Neunter. „Es gibt heute auch positive Aspekte“, kommentierte Schuster ihr Abschneiden. Bei Freitag hatte die Rückkehr nach Innsbruck vorab noch freudige Gefühle ausgelöst.

          Vieles in seiner Karriere, die erst seit wenigen Monaten außerordentlich an Fahrt aufgenommen hat, ist nicht unbedingt geradlinig verlaufen. Vor drei Jahren landete der Sachse bei seinem Auftritt in Innsbruck ganz oben auf dem Podium. Es handelte sich dabei um den ersten deutschen Tagessieg bei der Tournee nach zwölf Jahren. Und es schien Freitags Aufstieg in die Weltspitze zu beschleunigen. Ein Trugschluss, auch weil ihn immer wieder gesundheitliche Schwierigkeiten oder ein ungeplanter Ausrüsterwechsel in seinem Reifeprozess bremsten.

          Nun fühlte sich der Mixed-Weltmeister von 2015 jedoch gewappnet für den Triumph, zumal er sieben Mal im Serie auf dem Podest gestanden hatte. Es kam an diesem denkwürdigen Nachmittag dann aber anders. Unter anderem, so berichtete Hüttel später, habe Freitag Blessuren „an Hüfte, Brust und Knie“ davongetragen, die den DSV-Verantwortlichen im Hinblick auf das Finale der Tournee in Bischofshofen nicht sonderlich optimistisch aussehen ließen: „Es ist unglaublich bitter für uns alle, aber in erster Linie für Richard selbst.“ Auch am Dreikönigstag des Vorjahres hatte in dem Ort in Oberösterreich, an dem stets abgerechnet wird, Kamil Stoch jubeln dürfen.

          Er setzte sich dort seinerzeit deutlich von der Konkurrenz ab und sicherte sich so auch den goldenen Adler, den es traditionell neben der Extraprämie in Höhe von 20.000 Franken als Zugabe zum Gesamtsieg gibt. Der Pole steht nun, den vierten Sieg im vierten Springen vor Augen, unter besonderer Beobachtung, während für Freitag plötzlich etwas anderes Priorität besitzt: wieder fit zu werden. „Wichtig ist, dass Richard keine bleibenden Schäden davongetragen hat“, sagte Hüttel, die Olympia-Saison „geht ja noch weiter“. Wenn auch aus deutscher Sicht erst mal ganz anders als bis Donnerstag gedacht.

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