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Vierschanzentournee : Ein bisschen Hoffnung nach dem Debakel

  • -Aktualisiert am

Was war da nur los? Severin Freund und die Deutschen enttäuschen in Oberstdorf Bild: Reuters

Die deutschen Skispringer erleben beim Vierschanzentournee-Auftakt ein Debakel. Bundestrainer Werner Schuster findet drastische Worte für das miserable Abschneiden. Eine Sache aber macht ihm Hoffnung.

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          Es waren nur wenige Fans, die bis in den späten Abend hinein vor der Tür der Kurverwaltung Oberstdorf ausharrten, um ein Foto und eine Unterschrift zu erhaschen. Draußen hatte es den ganzen Tag ohne Unterlass geschneit, und auf dem zugigen Flur war das Warten in nasser Wintersportkleidung kein sonderlich großes Vergnügen. Viele Autogrammsammler zogen sich daher vorzeitig zurück, zumal es nicht die erhofften Lieblinge waren, die drinnen im Festsaal vor den Fernsehkameras über die Gründe ihres Erfolgs beim Auftaktspringen der Vierschanzentournee sprachen.

          Am Montag hatte sich der Österreicher Stefan Kraft vor seinem Landsmann Michael Hayböck durchgesetzt, Dritter wurde der Slowene Peter Prevc. Die vorher hoch gehandelten Deutschen, die mit der festen Absicht angetreten waren, ihre bis dahin guten Weltcup-Leistungen auch bei dieser prestigeträchtigen Serie zu bestätigen, kamen dagegen mit den Bedingungen überhaupt nicht zurecht. Severin Freund, ihr Vorzeige-Athlet, wurde Dreizehnter, Richard Freitag gar nur Fünfzehnter, während der Rest im Klassement noch weiter hinten landete. Es war, aus deutscher Sicht, eine düstere Szene.

          Noch bevor vorne auf dem Podium die drei Erstplazierten über ihre Glücksgefühle plauderten, hatte Bundestrainer Werner Schuster den Raum betreten und sich ganz hinten einen Platz am Rande des Geschehens gesucht. Er hätte gar nicht viel sagen müssen, denn seine Enttäuschung war ihm auf den ersten Blick anzusehen. Das Lächeln, das ihm in der Vorbereitung und bei den Prognosen über die Chancen seiner Leute bei der Tournee 2014/2015 immer wieder übers Gesicht gehuscht war, hatte sich verflüchtigt. Doch die Sprache hatte es dem 45-Jährigen nicht verschlagen.

          Er machte keinen Hehl daraus, wie sehr ihn, der die Verantwortung für die Auftritte der Skisprung-Auswahl des Deutschen Skiverbandes trägt, dieses Debakel getroffen hatte. Er nannte insbesondere die Vorstellung seiner Spitzenleute Freund und Freitag „katastrophal“, sie seien weit unter ihren Möglichkeiten geblieben. Für das Duo seien die Resultate „eine Ohrfeige“. Nie zuvor in seiner vor sechs Jahren begonnenen Amtszeit habe er mit derart günstigen Vorzeichen solch schlechte Vorstellungen erlebt. Es habe an „tiefem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten“ gefehlt, sodass beide in der Anfahrt am Schanzentisch entscheidende Fehler machten.

          „Eine Ohrfeige“: Bundestrainer Werner Schuster Bilderstrecke

          „Severin weiß selbst nicht, was ihm da passiert ist. Er ist die Schanze schon 10.000 Mal heruntergesprungen. Mit der Anleitung ‚Spring so schlecht du kannst‘ wäre er wahrscheinlich besser gesprungen, als er es heute gemacht hat“, sagte Schuster. Und er fügte an: „Richard war von Kopf bis Fuß so angespannt, dass er zu früh abgehoben ist. So kam er auch nicht auf die Höhe. Die innere Balance ist den Jungs einfach nicht gelungen.“ Schuster sprach von einer „Riesenerwartungshaltung“, die sich aufgebaut habe. „Sie wollten das Bestmögliche, aber es ist komplett nach hinten losgegangen.“

          Auf die Frage, ob es sich um ein mentales Problem handele, dass die deutschen Akteure bei Auftritten vor großem Publikum in der Heimat oft vieles schuldig bleiben, aber in der Ferne – zum Beispiel zuletzt in Kuusamo in Finnland, dem russischen Nischni Tagil oder in Engelberg (Schweiz) – glänzten, sagte er: „Dieser Einschätzung kann ich nicht widersprechen. Nur müssen wir das irgendwann mal lösen, damit wir kein Trauma kriegen.“

          Sein Kampfgeist scheint ungeachtet des Frusts noch nicht verflogen: „Ich möchte das Ding noch drehen. Die Tournee werden wir nicht mehr gewinnen, aber ich glaube nicht, dass wir jetzt bis Bischofshofen kein Erfolgserlebnis mehr haben. Unsere Qualität ist höher als in der Vergangenheit, und wir werden in den nächsten drei Springen alles daran setzen, das nachzuweisen.“

          Nun, da die Stimmung am Boden ist, meinte Schuster, „kann man nichts mehr verlieren, sondern nur noch gewinnen“. Schon am Neujahrstag in Garmisch-Partenkirchen (Springen ab 14.00 Uhr / Live in der ARD, bei Eurosport und im Vierschanzentournee-Ticker bei FAZ.NET) lässt sich diese gewagte These das erste Mal unter Ernstfall-Bedingungen überprüfen.

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