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Deutsche Eisschnellläufer : Zu idyllisch, um wahr zu sein

Claudia Pechstein freut sich über gute Ergebnisse in Inzell Bild: dpa

Es ist fast wie im Heimatfilm: Hinter den Kulissen rumort es bei den deutschen Eisschnellläufern. Zum Start des Olympia-Winters läuft Claudia Pechstein vorneweg.

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          Die Kühe zupften die Halme so zufrieden aus den immer noch saftigen Chiemgauer Wiesen und die Sonne strahlte dazu vom blauen Himmel, als habe der Föhnwind gerade erst den Sommer nach Oberbayern gepustet. Inzell bot den deutschen Eisschnellläufern vor den Türen der Max-Aicher-Arena eine Kulisse wie aus einem Heimatfilm an diesem Wochenende, während sie drinnen ihre nationale Meisterschaft austrugen.

          Nun steht das Genre Heimatfilm ja selbst bei wohlwollender Betrachtung in dem Ruch, so sehr auf heile Welt zu machen, dass auch der harmoniebedürftigste Mensch des Kitsches bisweilen überdrüssig wird. Vielleicht ist es deshalb ganz gut, dass der deutsche Eisschnelllauf bei seinem Wettkampfstart in den Olympiawinter das Idyll sprengte, denn es gibt kaum eine Sportart hierzulande, in der es in den vergangenen Jahren so wenig heile Welt gab wie bei den Männern und Frauen mit den kräftigen Oberschenkeln und den Kufen unter Füßen. Natürlich hat das auch sehr viel mit Claudia Pechstein aus Berlin-Hohenschönhausen zu tun, jenem Ort, der vom Heimatfilm-Oberbayern so weit entfernt liegt wie der Mars.

          Pechstein wurde in Inzell mehrfach geehrt, nach zwei weiteren Meistertiteln über 3000 Meter und 5000 Meter, aber es ging schon los, bevor die deutsche Meisterschaft überhaupt begonnen hatte. Sportjournalisten hatten sie zur „Kurvenflitzerin des Jahres“ gewählt, Gerd Heinze, Präsident der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG), gratulierte „im Namen aller Sportlerinnen und Sportler“ seines Verbandes sehr herzlich, und, bitte schön, da ist schon eine ganze Palette an Reizthemenassoziationen, die der Eisschnelllauf gut drei Monate vor den Spielen in Sotschi bietet.

          Pechstein, die aufgrund verdächtiger Blutwerte wegen Dopings zwischen 2009 und 2011 gesperrte erfolgreichste Teilnehmerin der deutschen Olympiahistorie, ist auch für Sotschi der sicherste Medaillentipp der DESG, obwohl sie am vorletzten Tag der Spiele 42 Jahre alt wird. „In Sotschi möchte ich meine zehnte Medaille“, sagte Pechstein, die Klägerin, die ihre Unschuld behauptet und mit einer vererbten Blutanomalie bewiesen haben will.

          Das Wort „Zickenkrieg“ ist wieder en vogue

          Weshalb sie vor dem Landgericht München I das System der Sportschiedsgerichtsbarkeit angreift und zugleich Schadensersatz in Millionenhöhe vom Weltverband ISU und der DESG verlangt. Der deutsche Verband hatte einst zusammen mit der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt, um die Hintermänner zu ermitteln. Inzwischen herzt die DESG Pechstein aber schon seit längerem wieder. Zudem sei jede „Schadensersatzforderung unrealistisch, weil wir kein Geld haben“, wie Heinze sagte, aber zur Beruhigung aller in der DESG hat die Vorsitzende Richterin in München längst signalisiert, dass sich ein Anspruch allenfalls gegen den Weltverband erstreiten lassen dürfte.

          Und dann ist da noch Pechstein, die Konkurrentin, die der Erfurterin Stephanie Beckert nach dem Teamwettkampf beim Weltcupfinale im vergangenen März öffentlich „Arbeitsverweigerung“ vorgeworfen hatte. Beckert entsagte sich anschließend bis auf weiteres Teamrennen gemeinsam mit Pechstein. Prompt, Jahre nach dem Streit zwischen Pechstein und Anni Friesinger, war wieder das Wort „Zickenkrieg“ en vogue, was aber insoweit irreführend ist, als sich hier erwachsene Menschen nicht grün sind.

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