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Biathlon : Halbherzige Kampfansage der Deutschen

Manchmal fehlt nur ein Zentimeter: Die deutschen Biathleten wie Simon Schempp (links) bleiben in der Herausfordererrrolle gegen Martin Fourcade. Bild: Reuters

Wer soll Martin Fourcade und Johannes Thingnes Bö stoppen? Vor dem ersten Einzelwettbewerb im Biathlon-Weltcup trauen sich die deutschen Herausforderer nicht wirklich die Offensive zu.

          Wie hat es ein Fan so schön formuliert: „Biathlon ohne Björndalen ist wie Fußball ohne Bier.“ Jetzt sind sie angebrochen, die bierlosen Zeiten zwischen Pokljuka, wo das für diesen Mittwoch geplante 20-Kilometer-Einzel wegen Nebels um einen Tag verschoben wurde, und dem Weltcup-Finale im März in Oslo. Jetzt ist er weg, der erfolgreichste Biathlet der Historie, auch wenn sein Abgang der eines tragischen Helden war. Sein letztes großes Ziel blieb Ole Einar Björndalen verwehrt: die Olympischen Spiele in Pyeongchang. Es wären seine siebten gewesen – im reifen Alter von 44 Jahren. Sportlich hat es nicht mehr gereicht, und auf eine Lex Björndalen hat der achtmalige Olympiasieger vergeblich gehofft.

          Für den König der Biathleten war das „der größte Schmerz meiner Karriere“. Er war ja immer noch von sich überzeugt. Und er hätte vermutlich auch nicht aufgehört, wenn die Ärzte ihm nicht dringend dazu geraten hätten. Aber für eine Abschiedsvorstellung auf Schalke am 29. Dezember zusammen mit seiner ebenfalls zurückgetretenen weißrussischen Frau Darja Domratschewa, die es auf viermal olympisches Karriere-Gold gebracht hat, reicht es allemal.

          Dominanz durch Konstanz

          Es ist das Jahr eins nach der Ära Björndalen, die 1992 angefangen hat und in der auch ein anderer Norweger groß herauskam: Emil Hegle Svendsen. Auch der viermalige Olympiasieger, der aus Südkorea noch zwei Silber- und eine Bronzemedaille mit nach Hause brachte, hat das Kleinkalibergewehr aus der Hand gelegt – mit 33 Jahren. „Da sind zwei, zu denen man über Jahre hinweg aufgeschaut hat“, sagt Simon Schempp, auch schon 30 Jahre alt.

          Der Schwabe orientiert sich aber längst an anderen. Zuallererst an Mister Biathlon höchstpersönlich. Martin Fourcade hat etwas fertiggebracht, was selbst Björndalen nicht gelungen ist: Der Franzose hat sieben Mal nacheinander den Gesamt-Weltcup gewonnen – mehr Dominanz geht nicht. Und doch hätte ihm Schempp in Pyeongchang im Massenstart fast noch Gold weggeschnappt. Es war ein Herzschlagfinale, bei dem Schempp 14 Zentimeter zum Glück fehlten. Monsieur Fourcade, der in Südkorea dreimal Gold gewann, ist in schwächeren Momenten durchaus schlagbar, aber in puncto Konstanz steht der 30-Jährige unerschütterlich da wie ein Fels. „Um ihn längerfristig zu ärgern, müssen wir in beiden Teildisziplinen noch eine Schippe drauflegen“, sagt Schempp. Auch sein Kollege Arnd Peiffer, der in Pyeongchang im Sprint den großen Gold-Coup gelandet hat, sagt ganz unumwunden: „Ich weiß, dass die beiden, die ich in Pyeongchang geschlagen habe, besser sind als ich.“

          Damit meint der Niedersachse neben Fourcade noch Johannes Thingnes Bö, der den Franzosen in der vergangenen Saison so hart bedrängt hat wie lange kein Konkurrent. „Das größte Talent, das wir in Norwegen je hatten“, hat Björndalen einmal über seinen Landsmann gesagt, der mit 25 Jahren längst zur unangefochtenen Nummer zwei im Biathlon aufgestiegen ist – Tendenz steigend. Und die 20 Kilometer in Pyeongchang hat der Jüngere der beiden Bö-Bruder auch gewonnen.

          Fourcade stand schon wieder ganz oben

          Natürlich geht jetzt das Spiel von vorne los. Alle haben im Sommer neue Reize gesetzt, mit dem Rad, im Kajak, auf Skirollern, alle haben mehr oder weniger störungsfrei trainiert und sich im November in Skandinavien den Feinschliff geholt. Zwar ist am Anfang einer neuen Saison immer ein bisschen Kaffeesatzleserei im Spiel. Aber eines glauben fast alle – Sportler wie Trainer – aus diesem Kaffeesatz ziemlich deutlich herauslesen zu können. An Fourcade und Bö, die in der vergangenen Saison 17 von 22 Weltcuprennen gewonnen haben, wird man auch diesmal nur schwer vorbeikommen. Selbst wenn Benedikt Doll, der in Pyeongchang Bronze in der Verfolgung geholt hat, schon mal eine halbherzige Kampfansage machte: „Wir wollen die beiden ein bisschen mehr ärgern als bisher.“ Aber das wollen viele.

          Neben den großen vier von Bundestrainer Mark Kirchner, zu denen noch Erik Lesser gehört, sind international ungefähr 30 Biathleten dazu in der Lage – theoretisch. Wobei man auch auf die Schweden gespannt sein darf, mit zwei Medaillen das Überraschungsteam von Pyeongchang. Zumal die Crew des Ruhpoldinger Trainers Wolfgang Pichler im Hinblick auf die Heim-WM im März in Östersund besonders motiviert sein dürfte. Am vergangenen Sonntag, bei der Weltcup-Ouvertüre der Mixed-Staffel, gab es bei der Siegerehrung einstweilen das vertraute Bild. Martin Fourcade stand schon wieder ganz oben.

          Biathlon-Einzel der Männer wegen Nebels abgesagt

          Das erste Einzelrennen der Männer beim Biathlon-Weltcup-Auftakt im slowenischen Pokljuka ist wegen Nebels abgesagt worden. Dichter Nebel zog am Mittwochnachmittag ins Schießstadion auf der 1300 Meter hohen alpinen Hochebene im Nationalpark Triglav und machte einen Wettkampf der 110 Starter unter regulären Bedingungen unmöglich. Das Rennen über 20 Kilometer soll nun am Donnerstagvormittag ab 10.15 Uhr vor dem Damen-Einzel (14.15 Uhr in der ARD und bei Eurosport) nachgeholt werden. (dpa)

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