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Schwimmen in Rio : Biedermann am Ende des Beckens

Zelebration der Monotonie: Paul Biedermann zählt die Kacheln im Becken Bild: dpa

Noch zwölf Bahnen und eine Staffel – dann ist für Paul Biedermann wohl Schluss mit der Monotonie. Er sagt, er brauche keine Olympiamedaille fürs Seelenheil. Aber er hat die Form für einen krönenden Abschluss der Karriere.

          Es gibt wenige Sportarten, in denen die Kunst der Hingabe an die Monotonie eine so große Rolle spielt wie im Schwimmen. Jeder, der Erfolg haben möchte im Leistungssport, muss leiden können, Schmerzen ertragen können. Aber über den Sportplätzen der Leichtathletik scheint mal die Sonne, und mal fällt Regen. Mal weht der Wind, mal weht er nicht. In der Schwimmhalle weht er nie. Nicht beim Kinderschwimmen.

          Nicht, wenn ein Talent den Sprung wagt und aus dem Hobby Leistungssport wird. Nicht vor großen Meisterschaften und nicht danach. Nach Erfolgen nicht - und nach Misserfolgen nicht. Was zählt, ist das Wasser und das gegenüberliegende Ende des Schwimmbeckens. Hin und her. Hundert Mal, tausend Mal, mehrere hunderttausend Mal im Laufe einer Schwimmer-Karriere. Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter. Jahrein, jahraus. Bis die Karriere vorüber ist.

          Nach Lage der Dinge

          Paul Biedermann wird an diesem Sonntag 30 Jahre alt. An diesem Tag will Biedermann den Vorlauf und das Halbfinale über 200 Meter Freistil bei den Olympischen Spielen in Rio bestreiten. Acht Mal von einem Ende des Beckens zum anderen, um spät am Abend in Rio, gegen 22:20 Uhr (Montag, 3:20 Uhr in Deutschland), sich mit dem Einzug ins Finale und die Chance auf vier weitere Bahnen am Montagabend (ebenfalls 22:20 Uhr/3:20 Uhr) selbst zu beschenken.

          Danach schwimmt Biedermann noch die 4 × 200-Meter-Staffel am Dienstag und, bei Finaleinzug, am Mittwoch. Aber dann ist Paul Biedermanns Karriere als Schwimmer nach Lage der Dinge zu Ende. Nach Abertausenden Kilometern im Schwimmbecken entscheiden die letzten zwölf Bahnen als Einzelschwimmer und acht weitere als Staffelschwimmer, ob Paul Biedermann - zwei Mal Weltmeister, sechs Mal Europameister - seine Karriere als Gewinner einer Olympiamedaille beendet.

          Gelassen wie lange nicht: Biedermann vor den Olympischen Spielen

          Rio, Freitagmittag, gegen 13 Uhr. Das Olympic Aquatics Center in Barra de Tijuca ist geschlossen. „Sie wissen, die Eröffnungsfeier heute“, sagt ein Helfer. Er spricht von der Eröffnungsfeier der Spiele im Maracanã-Stadion. Zwei Taucher richten die Bahnen, die Schwimmer aus aller Welt müssen in einem kleineren Becken vor dem 15 000-Zuschauer-Schwimmstadion trainieren, über das ein weißes Zelt gebaut ist. Drinnen steht Biedermann neben seinem Trainer Frank Embacher und lässt sich Blut aus dem Ohrläppchen entnehmen. Laktatmessung.

          Biedermann hat den Probelauf hinter sich, den er mit Embacher verabredet hatte. So wenige Rennen bei diesen Spielen, hatte Embacher gesagt, da solle ein Probelauf helfen, dem Kopf zu signalisieren, dass es jetzt losgeht. „100 Meter Wettkampfbedingungen“ will Embacher sehen, zur Mittagszeit, wenn am Sonntag der Vorlauf beginnt. Wettkampfbedingungen? Im Zelt sieht es aus wie bei jedem anderen Schwimm-Camp. Nasse Handtücher, fläzende Schwimmer, Masseure. Nur die Nationalmannschaftskleidung verrät die Elite.

          Seit einem Jahr bereitet sich Biedermann auf Rio vor, seit den Weltmeisterschaften von Kasan im August 2015, bei denen er Dritter über 200 Meter Freistil geworden war. Seit einem Jahr sagt Biedermann, sein Seelenheil hänge nicht davon ab, ob er als Olympia-Medaillengewinner aus der Karriere aussteigt. Am Mittwoch vor den Spielen hatte er auf der Pressekonferenz des deutschen Schwimmteams gesagt, vor vier Jahren, in London, habe er eine „ganz andere Erwartungshaltung an mich gehabt - und die Sponsoren auch“. In London war Biedermann Mitfavorit. Er wurde Fünfter. Es war die am schwierigsten zu verarbeitende Niederlage seiner Karriere. Das Wettkampfjahr 2013 musste er auslassen, wegen Verletzungen. Biedermann schwamm auf das Ende des Beckens zu. Er musste sich entscheiden, ob er noch eine Wende schaffen würde.

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