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Schwimmer Paul Biedermann : „Erst ging es noch gut – dann war alle“

Das war’s: Paul Biedermann nach seinem letzten olympischen Einzelrennen Bild: dpa

So hat er sich das nicht vorgestellt: In seinem letzten olympischen Einzelrennen reicht es für Paul Biedermann über 200 Meter Freistil lediglich zu Rang sechs. Nun bleibt nur kurze Zeit zur Erholung, um das letzte Ziel zu erreichen.

          Es ist nicht so, dass sich Paul Biedermann im letzten olympischen Einzelrennen seiner Schwimmkarriere nicht verbessert hätte, kontinuierlich sogar. Achter, letzter, nach 50 Metern, achter nach 100 Metern. Siebter nach 150 Metern. Und im Ziel? Sechster. 61 Hundertstelsekunden entfernt vom dritten Platz, von den Medaillen. Vom Amerikaner Conor Dwyer, Bronzemedaillengewinner. Von Chad Le Clos, Südafrika, Silbermedaillengewinner.

          Biedermann tauchte ab, Richtung Ausstieg, als sich der Sieger des 200-Meter-Freistilrennens von Rio den Janeiro auf die Schwimmleine schwang, als Sun Yang aus China den Sieg auskostete und die chinesischen Fans auf den Rängen jubelten. 1:45,84 hatte Biedermann für die 200 Meter gebraucht, er blieb langsamer als in Halbfinale und Vorlauf, so hatte er sich das nicht vorgestellt. Vier Jahre nach dem fünften Platz von London, der großen Enttäuschung seiner Karriere, jenem Rennen, in das er als Goldfavorit gesprungen war, eine weitere Niederlage in einem Olympia-Finale.

          Unhaltbares Tempo vorgelegt

          Auf Bahn eins hatte der Südafrikaner Chad Le Clos losgelegt, als sei ein ihm ein ausgehungertes Amazonaskrokodil auf den Fersen oder wenigstens alle aufgestachelten Zika-Mücken von Rio. „Ich wusste, dass der Chad losgeht, aber das ist nichts, was ich schwimmen kann“, sagte Biedermann anschließend. Er verlor als Letzter zwar nicht den Anschluss an den Rest des Feldes, aber als Sun Yang nach 120, 130 Metern anzog, kam Biedermann in Schwierigkeiten, weil er wusste, dass er das Tempo des Chinesen halten musste: „Erst ging es noch gut – dann war alle.“

          Nach 170 Metern war klar, dass es für eine Medaille nicht reichen würde. Le Clos, inzwischen von Sun Yang überholt, rettete sich vor Dwyer und stellte zufrieden fest, dass die Taktik aufgegangen war: Nicht gefressen, nicht gestochen, Silber.

          „Ich habe alles gegeben, was ich zu leisten im Stande war“, sagte Biedermann wenige Minuten nach dem Rennen und versuchte, Enttäuschung nicht nach außen drängen zu lassen. „Schade, aber, ey, morgen ist noch die 4x200, ich habe gar nicht viel Zeit drüber nachzudenken. Ich denke nur noch an morgen.“ Tatsächlich steht schon am Dienstagmittag der Vorlauf über die lange Freistilstaffel an, deren Mitglieder sich ebenfalls – kleine, aber feine – Hoffnungen auf eine Medaille machen. Biedermann ist in Bestform gefragt, dabei wirkte er am Montagabend erschöpft.

          Das merkte auch sein Trainer Frank Embacher, in der ihm eigenen Satzstellung und Sprachfärbung. „Paul musste hier jedes Rennen voll gehen, Vorlauf, Halbfinale. Jetzt war es das dritte Rennen und es fehlte die berühmte Schippe, die noch drauf hätte jemusst.“ Embacher hatte in der Woche vor dem Rennen vorhergesagt, der Sieger würde nach 1:43 Minuten und sieben, acht, neun Zehntelsekunden anschlagen, vielleicht mit einer niedrigen 1:44. Für eine Medaille würde Biedermann seine Jahresbestzeit (1:45,45 Minuten) um eine Sekunde steigern müssen, hieß das.

          Den Ärger ertragen

          Aber die Prognose stimmte nicht. Es hätten drei Zehntel für Silber gereicht. Aber Biedermann konnte sich nicht steigern. „Natürlich ist das ärgerlich, aber wenn ich die Zeit nicht schwimmen kann, brauche ich mich nicht drüber ärgern.“ Ein wunderbarer Satz, hastig dahingesagt, in der Erschöpfung wenige Minuten nach dem Rennen. Wie es manchmal so ist mit dem Ärger: Man braucht ihn nicht und muss ihn doch ertragen.

          Paul Biedermann vor dem Rennen in Rio

          Biedermann bleibt nun eine Nacht für die Erholung, mental und physisch – und eine allerletzte Chance mit der Staffel. Es wird eine Staffel der Enttäuschten sein, wenigstens im Vorlauf soll Jacob Heidtmann eingesetzt werden, sagte Embacher, der für die Staffel verantwortlich ist. Heidtmann war in den Schwimmtagen von Rio gleich zu Beginn vermeintlich deutschen Rekord über 400 Meter Lagen geschwommen und wurde disqualifiziert. Hinzu kommt neben Biedermann auch Florian Vogel, der über 400 Meter Freistil um sechs Hundertstelsekunden am Finale vorbeigeschwommen war.  „Von ihrer Zeit“, sagte Embacher noch „sehe ich die Jungs auf Platz fünf oder sechs. Aber wenn sie das Finale erreichen, wird die Wut vielleicht helfen.“

          Paul Biedermann und Olympia

          Paul Biedermann war bei der WM 2009 zu den ganz Großen seiner Sparte aufgestiegen: Zwei WM-Titel feierte er in Rom in Weltrekordzeit - und im Hightech-Anzug düpierte er sogar Amerikas Megastar Michael Phelps mit mehr als einer Sekunde Vorsprung.

          Insgesamt gewann der Sportler aus Halle/Saale, dessen internationale Laufbahn so richtig mit dem EM-Titel 2008 begonnen hatte, bei Weltmeisterschaften auf der Langbahn neben den beiden Goldmedaillen noch dreimal Bronze und einmal Silber. Nur bei Olympia ging er dreimal leer aus.

          Biedermann verpasste in Rio die erste deutsche Medaille über 200 Meter Freistil seit dem Olympiasieg von Michael Groß 1984 in Los Angeles. Damals war außerdem Thomas Fahrner Dritter geworden. Die letzte Schwimmmedaille eines deutschen Mannes liegt schon 16 Jahre zurück. Im Jahr 2000 holte Stev Theloke Bronze über 100 Meter Rücken.

          (Quelle: dpa)

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